DieWahrheit.eu Gonzojournalismus im Netz
12.19.2005
  Fräulein Billas Gespühr für Schnee
4 Stunden 58 Minuten dauert normalerweise eine Zugfahrt von Wien Westbahnhof nach Augsburg. Manchmal – wenn zum Beispiel eine Schneesturm halb Bayern lahm legt – dauert sie auch schon 10 Stunden. 10 Stunden in denen der ganz normale Wahnsinn seinen Lauf nimmt...
... Wie immer war ich spät dran. Den Eurocity von Budapest nach München erreichte ich um genau 16.21 Uhr und 45 Sekunden. Ich sah den Sekundenzeiger der Bahnsteigsuhr auf die Zwölf zuticken, packte meine rote Marlboro-Tasche noch ein bisschen fester und stürmte auf den Bahnsteig, panisch wie ein Junkie kurz vor Ladenschluss an der Methadonausgabestelle.
In Wien-West an einem Freitag in den 16.22 Uhr Eurocity zu steigen ist ein Glückspiel. Alle wollen raus aus Wien. Alle wollen ins Wochenende, alle wollen einen Sitzplatz. Ich zwängte mich an einer älteren Dame vorbei und erreichte den Fensterplatz, ehe die alte Schachtel ihn mir wegschnappen konnte. Die Folgen dieses zwar perfekt ausfgeführten aber doch hoffnungslosen Manövers bekam ich sofort zu spüren. "Was bistn Du für a Oarsch", wandte Hackfressen-Gernot neben mir ein, kaum, dass ich mir eine Zigarette anzünden wollte. "Stengan's oba sofort auf und loss'n s' de oame oide Dame da sitz'n", stimmte Fetthaar-Frieda in den Chor der Buhrufer ein. Mit einem "leck mich, Arschficker" verabschiedete ich mich von meiner Sitzgelegenheit. "Wos woar des?", wollte Hackfressen-Gernot wissen und fuhr sich dabei nervös über die wulstigen Lippen. "Ich sagte: Leck mich, Arschficker", wande ich mit einem jovialen Lächeln ein, schnappte meine Tasche, machte es mir auf dem Gang gleich neben dem Scheißhaus bequem, riss eine Dose "Schwechater" auf und baute einen Joint, den ich gemütlich auf dem Scheißhaus rauchte.
Bereits kurz hinter St. Pölten, nach der dritten Dose Schwechater, war ich trotz des bescheidenen Platzes und der unangenehmen Siutation von vorher allerbester Laune. Mitterweile war der Zug so voll, dass die Leute wie im Viehtransport nicht mal mehr auf dem Boden sitzen konnten. Ich war da die rühmliche Ausnahme. Ich fühlte mich besonders gut, weil ich mit meiner Marlboro-Tasche den Weg zum Klo versperrte. Wann immer wer kam, stelle ich mich schlafen - niemand traute sich mich anzufassen und aufzuwecken. Es war genial.
Nachdem in Linz ein paar Leute ausgestiegen waren, entschloss ich mich, mein Glück in der ersten Klasse auf die Probe zu stellen. Ziemlich angeheitert schob ich mich an meinen Mitgefangenen vorbei, kollidierte unabsichtlich mit einem Bier im Resturantwagen und absichtlich mit einem Busen im Bord-Bistro, stammelte dabei Sachen wie "'Tschuldigung ihr Hackfressen" oder "Platzda, Mazda" und erreichte nach einer Beinaheprügelei mit Ehegatten-Ernst, dem offensichtlich angelobten des Busens im Bord-Bistro die erste Klasse. Hier waren ein Haufen Plätze frei. Ledersessel und frische Luft und ein Zeitungsständer mit der NZZ. Ich nahm meinen Filzstift und schmierte frohen Mutes ein "Nur Schwuchteln lesen..." vor den NZZ-Schriftzug, entdeckte ein Abteil, in dem sich nur ein Mann und ein Junge aufhielten, wankte darauf zu und öffnete die Tür.
"Moin, issa nochn Platzz freih, hm?" stammelte ich.
"Kein Problem", kam die erstaunlich umgängliche Antwort. "Aber sie müssen ganz ruhig sein, sonst spielt der Kleine hier wieder verrückt." Ich sah auf den Boden und musterte den kleinen Jungen etwas genauer. Er war vielleicht 10 Jahre alt, hatte eine Topffrisur und etwas mandelförmige Augen. Plötzlich blickte er mich an, sein Mund verzog sich zu einer Fratze mit weit vorgeschobenen Zähnen, seine Augen wurden tiefschwarz, seine Finger verkrampften sich in einer völlig abartigen Position und es erklang der mit Abstand grässlichste Schrei, den ich in meinem ganzen Laben je gehört habe. Eine Mischung aus einem abgestochenen Schwein und einem Staubsauger. Ich war schockiert.
"Ja, da sans platt, wos?", sagte der Mann und lachte, als hätte er sich eben einen guten Witz erzählt. "Der Stefan mog halt ned, wenns laut is." Es entwickelte sich eine angeregte Diskussion über Spastizismus (Der kleine Stefan hatte 12 Minuten nach seiner Geburt immer noch nicht richtig atmen können und der Sauerstoffmangel hatte ihm das Hirn verbrannt so, dass er heute nur noch sabbernd und krampfend auf dem Boden liegen kann.) EU-Politik und Weichnachtszeit. "Der kleine nimmt seine Umgebung voll war, meinte sein Vater und zupfte dabei an einem Schlauch, der aus dem Bauch des Kleinen herausragte, nahm eine große Spritze, zog sie mit irgendeiner braunen Flüssigkeit auf und pumpte sie dem kleinen durch den Schlauch in die Innereien. Der kleine Stefan sah mich dabei die ganze Zeit an, als versuche er mir etwas zu sagen, aber die einzigen Geräusche, die er während der Fahrt von sich gab, waren erstickte Schmerzensschreie, wenn sich sein ganzer kleiner Körper mal wieder in einem Krampf wand.
Ich kämpfte gegen den Reflex an, meinen Block zu zücken und einen Geschichte für meinen Arbeitgeber aus seinem Schicksal zu machen. Stattdessen verabschiedete ich mich kurz vor Salzburg mit einer fadenscheinigen Ausrede und begab mich auf die Suche nach einem freien Platz in der zweiten Klasse.
Dass Herr Andritz in Salzburg mein Abteil in der zweiten Klasse betrat hätte ich schon als schlechtes Omen werten müssen. Ich hätte Reißaus, mir ein Hotel in der Salzburger Innensadt nehmen sollen und die Nacht lang meine Kreditkarte in der Hotelbar leersaufen sollen. Herrn Andritz hatte ich bereits vor drei Wochen kennen gelernt, als wir beide im 4 Stunden verspäteten Zug von München Richtung Wien saßen und uns dann gemeinsam ein Taxi nach Hause nehmen mussten, weil am Westbahnhof um 2 in der früh keine U-Bahn mehr aufzutreiben war. Herr Andritz musterte mich mit einem ebenso erschreckten Blick und erzählte dann den Grund, warum wir schon eine Dreivietelstunde in Salzburg standen: "Anscheinend hat der Schneesturm in Deutschland gewütet. Die Strecke über Freilassing ist gesperrt. Die leiten uns nach Süden über Bischofshofen nach Tirol um und von Wörgl aus gehts dann wieder nach Norden Richtung München."
Einen Augenblick später bestätigte die Zugansage die Gerüchte und wir saßen eine Zeitlang im Abteil, starrten uns an und jeder versuchte wohl zu ergründen, ob der andere absichtlich diese Megaverzögerung herbeigeführt hatte, nur um den anderen zu ärgern. Ich rief meine Freundin an um ihr meine Verspätung mitzuteilen. Herr Andritz tat dasselbe. Nachdem wir Bischofshofen hinter uns gelassen hatten, beschlossen wir in den ungarischen Speisewagen zu gehen und ein paar Flaschen Rotwein zu löschen. Die Landschaft zog imaginär vorbei, denn draußen war es stockdunkel. Die Rotweinflaschen leerten sich und wir tranken und schwiegen. Zwischendurch kam der Schaffener und teilte uns die neuesten Verspätungen mit. Mit viereinhalb Stunden Verspätung erreichten wir München.
Kurz vor Eins in der Früh erreichten wir den Bahnhof in München. Die vielleicht 5 oder 6 Fußballfelder große Halle war leer, nur vereinzelte Menschen, mit Sehschlitzen statt Augen. Ich lief mit meiner roten Marlboro-Tasche in der auf Bahnsteig 18, wo um 1.15 ein Sonderzug Richtung Augsburg abfahren sollte. Vom Zug war natürlich keine Spur. Auf einem Pfeiler der Riesenhalle glotzten mich zwei Uhren an. Beide auf gleicher Höhe an dem Pfeiler aufgehängt. Sie liefen absolut synchron. Klack! Die Uhren zeigen 1.18 Uhr an. Die Sekundenzeiger zogen ihre Bahn. Selten kam mir Technik so bescheuert vor. Zwei Uhren mit Sekundenzeigern, wenn Du schon 280 Minuten Verspätung hast. Die Technik macht sich über den Menschen lustig. Ich zog meinen rechten Schuh aus und warf ihn wutentbrannt nach der rechten der beiden Uhren. Sie schaukelte etwas. Der Sekundenzeiger lief weiter. (raf)


 
Comments: Kommentar veröffentlichen

Links to this post:

Link erstellen



<< Home
Was ist "die Wahrheit"?
Medien? - Wirschaftsunternehmen mit Newswerten, Redaktionen und (ihgitt) Ethik. Nicht zu vergessen politische Leitlinien, Leserbindung und andere Konformismen. Wir schwimmen nicht mit. Der Journalismus ist tot. Es lebe der Journalismus

Links
Allgemeines
zur neuen Wahrheit
Was ist Gonzo Journalismus
Hunter S. Thompson
Wie alles begann

Blogroll

Andere coole Sachen
monochrom.at
Blogarama
More blogs about gonzojournalismus.


Wer ist die Wahrheit?
(raf), (grr), (sas), (foz), (hes)
ARCHIVES
Dezember 2005 / Jänner 2006 / Februar 2006 / März 2006 / April 2006 / Mai 2006 / Juni 2006 / August 2006 / September 2006 / November 2006 / Dezember 2006 /

Kram
Impressum
XML-News-Feed
Mail
FAQ

Newsletter

anmelden abmelden

Suche
Google
Web Die Wahrheit

Powered by Blogger counter-box.de Counter-Box