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12.28.2005
  Ratten im Zehnten
Friedlich auf der überdimensionierten Luftmatratze. Wer? Ich. Einschläfernd das Rauschen der Autos durch das undichte Fenster. Das 16er Blech in der Hand die Zigarette in der anderen. Logistisches Problem beim umschalten. Wien? Schön, ganz schön, groß auch...
Am Sonntag geht es in die Kirche. Die Morgenmesse habe ich wohl schon verpasst. Hätte sie ja beim Heimkommen noch mitnehmen können. Im Rausch lässt sich vielleicht sogar das inhaltslose Pfarrersgeschwätz ertragen. Jetzt muss ich erstmal die große Mieze, die in meinem Kopf Revierkämpfe gegen die Synapsen führt, betäuben. Bier und Eierspeis, Katerfrühstück für Schwerstalkoholiker. Schon beim Kochen tun sich erste logistische Probleme auf. Wo ist die Scheißpfanne, verdammt? Dort wo sie immer ist, ganz unten im Abwasch Stapel. Dem Stapel der sich überraschend schnell von der Spüle auf die restliche Küche ausbreitet, während der Käse im Kühlschrank laufen lernt.
Verdammtes Schwindelgefühl, Waschlappen und Frotteehandtücher werden allmählich wieder zu Zunge und Lippen. Dusche hilft, das Reparierbier auch und das Stützbier danach. Zeit für Café, man beachte die Schreibweise. Ich hasse diese modernen, offenen Caféhäuser. Kein Platz der nicht offen zum Raum steht. Alle gemeinsam, getrenntes Miteinander. Keine einzige verdammte Nische in die ich mich mit Wolf Haas verziehen könnte. Zielgruppe bleibt die Schnösel-Kokserpartie. So unpassend für Favoriten wie der Lions Club Glühweinstand vorm Ersatzkastner. Heute bedienen sie Unfreundlichkeit und Arroganz. Trotzdem hübsch, beide. Ob Unfreundlichkeit und Arroganz auch auf der Luftmatratze bedienen? Schluss mit den feuchten Träumen.
Café, endlich, eine halbe Stunde warten für drei Schluck. Ristretto, die Essenz des Lebenssafts, intensiv wie Pago pur. Vom großen Schwarzen hat man länger was und das Pago trinke ich auch lieber mit Wasser aus dem Halbliterglas. Langweiler! Vielleicht. Scheiß drauf. Wenn alles intensiver bleibt wenn man es verkürzt, bin ich mit Rauchen und meiner Affinität zum Alkohol sowieso schon auf der Sonnenseite.
Sonntag, Kirchentag, jetzt fällt’s mir wieder ein. Sightseeing in Favoriten, ohne Heizdecken und doppelten Boden. Dana’s Imbiss, sogar beim Falter beliebt, Erotik-Show mit Wunschfilm nach Wahl und Partnerkabinen. Clash of Cultures – Würstelstand meets Kebab Factory. Und im Zentrum thront die Kirche. Der Favoritendom, herrschaftlich, beherrschend, das einzige Gebäude mit einer angedeuteten Parkanlage um es vom restlichen Sozialbaugrau abzugrenzen.
Ich gehe rein, Trinkgeld gibt es keines, Wasserkreuz auch nicht. „Willst du vor dem Altar eine Kerze anzünden? Das Jesuskind schaut direkt auf dich herunter.“ Irres Sektenpack, geh weg! Lass mich in Ruhe. Was heißt da das Jesuskind, ich dachte der hat enthaltsam gelebt. Und wenn ich schon ein abgefucktes Teelicht für irgendjemanden entzünde, soll er mir dafür verdammt noch mal wenigstens in die Augen schauen. Und nicht von oben und herab. Schöne Kirche, mit Bildern, etwas düster vielleicht.
Draußen ist es schon dunkel, sofern jemals tagsüber die Sonne da war. Das mit den Gegensätzen funktioniert in Wien nicht wirklich, die Glühbirne leuchtet auch nachts. Vielleicht wird es heller wenn man die Tage verkürzt. Ristretto für Sonne pur. Auf der Wiese vor der Kirche tummeln sich Ratten in verschiedensten Größen. Gottseidank noch nicht in der Kirche, noch nicht. „Jö schau, Mausal!“ Eine Oma mit ihrem Enkerl. Nein, das sind Ratten. Die zufriedensten Besucher des Christkindlmarkts am Keplerplatz. (sas)
 
Comments:
Schöner als die Weihnachtsgeschichte vom Peter Rosegger. Und ich schäme mich nicht, auch ich habe geweint.
 
... und mir ist dabei ein ros entsprungen... mehr bitte
 
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