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1.26.2006
  Flieg, Vogel der Unsterblichkeit
Die Welt ist langweilig geworden. Soziale Netze machen des Kampf ums Dasein zum Osterspaziergang. Abhilfe schafft die Leibesübung. Sport und Turnen, füllt Gräber und Urnen. Nie war dieses Bonmot wahrer als hier...
Okay. Ich bin im Freien. Gefühlte minus fünfzehn Grad, der vertraute Geschmack von Erbrochenem in der Nase, kalter Asphalt lehnt an meinem Gesicht. Schwer drückt sich Mutter Erde gegen meinen Körper. Klassisch. Eines der dreihundert Millionen angeblich so überflüssigen Verkehrsschilder hilft mir, mich im Rechten Winkel zur Erdoberfläche zu positionieren. Mein Gleichgewichtsorgan will mir weismachen, dass ich diese Haltung noch nie in meinem Leben zuvor eingenommen habe.
Es sind nur ungefähr hundert Meter bis zu meiner Wohnung, ich bin in der Max-Stromeyer Straße in Konstanz. Hundert Meter, denke ich, kann ich sicher auch auf allen Vieren zurücklegen, ohne unnötig an Würde einzubüßen. Ein älterer Herr steht neben mir. Dass ich vor seiner für mich unerwarteten Gegenwart erschrecke und einen hektischen Schrei ausstoße, nimmt er mir nicht übel. Ich kenne ihn irgendwoher. Langsam dämmert mit warum ich hier bin.
Ein Interview. Der Mann, Reinhard Bradke*, will einen Rekordversuch unternehmen. Im Laufe der folgenden Sekunden sickert die Erinnerung daran, was ich hier will, sehr langsam zurück in mein Bewusstsein, wie der wunderbar warme Urin in meine Hosen. Ich finde meinen Notizblock in der Kotze und hebe ihn in einer umständlichen Kletterpartie hinunter auf den Boden und wieder zurück auf.
„Amtierender Rekordhalter: Ronny K.*, (23), mit 18,3 Metern Länge, 1998 auf der Brauneggerstraße aufgestellt, Tod durch Taxi“ lese ich dort. Bradke (48) klatscht in die Hände, reibt sie voller Tatendrang. „Also, packen wir’s, oder!“ ruft er, und hechtet sich unvermittelt auf die Straße. Ein Rollerfahrer schlägt einen wilden Haken, fetzt in unkontrolliertem Zickzack über die Gegenspur, fängt sich und fährt weiter.
Für einen Augenblick bin ich konsterniert, weil dies offensichtlich wirklich geschehen ist. Ich suche Rat in den weiteren Notizen, wo zwischen den Flecken halb verdauten Jägermeisters zu lesen ist: „Ex-BD = Extreme Body Drifting, neue Extremsportart aus den Slums von Bombay. Sportler versuchen, sich möglichst weit von nichtsahnenden Zivilfahrzeugen über den Asphalt schleifen zu lassen.“
Ich grüble kurz, und rufe dann zu Bradke, der noch auf der Straße liegt „na, hat wohl noch nicht so hingehauen, wa…?“ „Tja, sieht so aus, manchmal braucht man eben auch ein Bisschen Glück“ ruft er jovial zurück, stemmt sich hoch, ein Auto fährt vorbei, Bradke ist weg.
Konzentriert starre ich auf die Stelle, wo er eben noch gelegen hatte. Da erschallt ein lauter, langanhaltender, triumphaler Schrei durch die Straße. Das Auto, ein Multipla, hält an. Das Fahrzeug scheint beträchtliche Mengen Flüssigkeit zu verloren zu haben. Erst nachdem ich mich noch einmal nach Bradke umgesehen habe und eine Miniflasche Asbach zum Wachwerden getrunken habe, kapiere ich, dass die Flüssigkeit Blut ist und Bradke ein Genie.
Ich eile durch die sich gummiartig verwindende Straße zu dem hässlichen Auto. Bradke liegt darunter. Er ist blutverschmert, sieht glücklich aus. „da… da… meim Rekord!“ stammelt er. Er hat mehr als ungesunde Mengen an Blut, Zähnen und Hirn verloren durch diesen Rekordversuch.
Selbst in meinem Zustand ist es kein Problem zu sehen, dass er weit mehr als die achtzehn Meter von Ronny K. geschafft hat. Die Finte, sich auf dem Straßenbelag zu verstecken, um die Reaktionszeit des Fahrzeuglenkers und damit die Schleiflänge zu vergrößern, wird in Drifterkreisen sicher bald als das Bradke-Manöver bekannt werden.
In den folgenden drei Stunden findet eine rauschende Party mit Pressluftfanfaren, Sirenen und bunten Blinklichtern in der Straße statt. Für das Straßenfest wird die halbe Region gesperrt, und Bradke wird feierlich mehrmals wiederbelebt, während Fans sich um die Hirn- und Knochenstücke ihres Idols prügeln.
Nach wenigen Stunden bewegt sich die Partygesellschaft mit einem Licht- und Lärmaufgebot, das der Love Parade Konkurrenz machen könnte, zum Krankenhaus. Weil ich nur ein kleines Licht bin, darf ich trotz meines renitenten Charmes nicht mit den Ehrengästen mitfahren.
Im Krankenhaus spreche ich weiter mit Bradke. Wir sprechen über Selbstverwirklichung, Heldenmut, und Feminismus, der Männer zu solchen Taten treibt. Die amtliche Messung wird mir per SMS mitgeteilt. „Messung durch den Verband Deutscher Extremdrifter e.V.: 43,72 Meter, Glückwunsch an den neuen Europameister: R.Bradke!“
Ich teile Bradke die Rekordweite mit. Doch Bradke ist bereits tot (foz)
*Namen von der Red. Geändert.
 
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