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1.24.2006
  Noch etwas Soße, Herr Staatssekretär?
Der österreichische Beamte "an sich" ist eine besondere Lebensform. Auf dem schmalen Grat zwischen Machtwahnsinn und Unterwürfigkeit weiß er sich mit traumwandlerischer Balance zu bewegen. Ein Kotau vor dem Gipfel der Schöpfung...
Ich hätte gewarnt sein müssen, als mich kurz vor 15 Uhr an diesem Nachmittag der persönliche Assistent des Herrn Staatssekretärs anrief. Aber dummerweise hatte ich mir gerade mit zwei Mojitos die Geisteshaltung justiert und blickte einem weiteren ereignislosen Nachmittag in der Redaktion entgegen; nur gelegentlich durchzogen von der leisen Hoffnung auf einen Tsunami, einen Flugzeugabsturz oder zumindest einen säbelschwingenden Amokläufer. Kurz: Ich war gelangweilt, hatte schon zwei Drinks drin und war allgemein in einem nicht besonders wachen Zustand.
Auch der Ausspruch „Sie sind doch der Experte bei der ... für Verkehrsfragen“ hätte mich stutzig machen müssen, hatte ich doch in meiner gesamten Zeit bei der Zeitung keinen einzigen Artikel zu diesem Thema verfasst. Es war also schlichter Wahnsinn, dass ich mich zu einem Hintergrundgespräch mit dem Herr Staatssekretär einladen ließ, aber die Tatsache, dass etwas schlichter Wahnsinn ist, betrachtete ich in diesem Moment eher als intellektuelle Herausforderung und erst in zweiter Linie als hervorragende Gelegenheit mich auch auf hoher beamtischer Ebene zu blamieren.
So kam es, dass ich mich gegen 18 Uhr auf den Weg in ein In-Restaurant machte, nicht ohne vorher noch an einer Trafik (dt. Kiosk) drei Underberg zu leeren. Der Abend versprach hart zu werden und ich wollte auf keinen Fall riskieren unalkoholisiert in eine Situation zu geraten in der ich mich schnell und kreativ zum Thema Verkehrspolitik äußern musste. Bei dem Gedanken, auf Kosten des Ministeriums frei saufen und fressen zu können, kamen mir noch mal ernsthafte Bedenken – immerhin erfreute ich mich seit dem Vorfall mit der Gattin des Polizeipräsidenten bereits eines gewissen Bekanntheitsgrades.
Für einen kurzen Moment sondierte ich die Möglichkeiten vorgetäuschter Krankheiten, aber das hätte bedeutet, dass die Kollegen der anderen Medien allein in den Genuss von Gratisbier gekommen wären. Ein untragbarer Zustand.
Pünktlich eine Viertelstunde zu spät und mit einem veritablen Mojito/Underberg-Rausch betrat ich das In-Restaurant und stellte mich – auffassungsgerecht - als der Experte der ... für Fragen des Verkehrs vor. Dabei muss mein leichtes Schwanken einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, denn man schenkte mir Seitens des Stabes des Staatssekretärs gesteigerte Aufmerksamkeit.
Der persönliche Referent, ein Typ mit glattgelecktem blondgestähntem Haar, Armani-Nadelstreifen und wild verkoksten Glubschaugen, orderte mir instantan ein Bier. Das nenn ich mal gelungene Pressearbeit.
Vom Staatssekretär selbst war keine Spur, dafür hatten seine Schergen bereits Platz genommen und diskutierten mit den anderen Journalisten eifrig über Dinge, deren Wortlaut ich beim besten Willen nicht verstand. Die hätten auch Navajo reden können. Immerhin tat die Mojito/Underberg/Bier Combo ihr Werk und sorgte dafür, dass ich mich nicht ganz so peinlich fühlte wie ich war.
Statt mich an der regen Diskussion über „relativ angesetzte Bemessungsgrundlagen der Nebenbahn-Auslastungsquoeffizienten“ zu beteiligen, beäugte ich den Beamtenstab näher. Wortführer war ein Typ, der mich im ersten Moment an eine Mischung aus einem Irischen Attentäter und dem verrückten Maschinisten aus dem Film „das Boot“ erinnerte. Sinnigerweise hatte er sich auf den Platz gesetzt, der ursprünglich dem Staatssekretär zugewiesen worden war.
Als der Staatssekretär das Lokal betrat, war der Beamte schneller vom Stuhl verschwunden, als ein polnischer Fußballspieler nach einem Auswärtsspiel bei Schalke. Zu Zeiten des eisernen Vorhangs, wohlgemerkt. Der Staatssekretär war alt, groß und fett. Sein Händedruck fühlte sich an wie ein Badeschwamm.
Die Transformation des Beamten war beeindruckend. Eben noch auf dem Stuhl des Chefs sitzend hatte er den Eindruck gemacht, als würde er den Laden schmeißen; hatte mit gönnerhaften und ausladenden Gesten zu den Journalisten gesprochen. Nun, da der Staatssekretär am Tisch saß, hatte sich der Rücken des Beamten merklich gebeugt, seine Hände waren zu einer gebetsartigen Geste gefaltet und wenn er sprach, dann nur leise in das Ohr des Staatssekretärs, der die staatstragende Gestik und das Sprechen übernommen hatte.
Ich stellte mir bei einem weiteren Bier amüsiert vor, wie es wohl klingen würde, wenn der Beamte die russische Nationalhymne singt, während er bis zu den Schultern im Arsch des Staatssekretärs steckt. Ich hätte mir ein ganz ähnliches Flüstern vorgestellt.
Der Staatssekretär, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem fiesen südafrikanischen Diplomaten aus Lethal Weapon 2 aufwies, schmunzelte bei jeder dieser Flüstereien. Ob er das gleiche Bild im Kopf hatte? Ich tat derweil so, als würde ich mir Notizen machen.
"Und was ist die geschätzte Meinung des Herrn Redakteurs von der ... zu dem Thema?", hörte ich den Staatssekretär fragen. Nach einer pause von gut 10 Sekunden bemerkte ich, dass er wohl mich meinte. "Nun, ich denke, dass, unter den Vorraussetzungen der gegebenen Prämissen die Frage zu stellen ist, inwieweit sich das Konzept der Grundversorgung mit ihren Vorstellungen in Einklang bringen lässt." Wiedereinmal hatte mich der Underberg gerettet. Das Schweigen am Tisch dauerte lange. Dann entschied der Staatssekretär, meine Äußerung zu übergehen und fuhr mit seinem Monolog fort. Ich wusste, dass ich an diesem Abend nicht mal mehr gefragt würde, ob ich noch ein Bier haben wolle.
Nach einer guten halben Stunde waren alle Fragen beantwortet, zwei weitere Bier genossen und wir schritten zum eindeutig besten Teil. Dem Essen. Eine Reihe von Fleischspießchen mit einer Reihe von Soßen, die wir uns alle gegenseitig reichten.
Der Beamte war mittlerweile voll in seiner Rolle aufgegangen. Während der Staatssekretär über die Chancen Haiders auf ein Grundmandat in Kärnten referierte, schnappte sich der Beamte beherzt die Schale mit den Dips. „Noch etwas Soße, Herr Staatssekretär?“, fragte er beflissentlich. Aber der Staatssekretär wiegelte ihn mit seiner Barschen Geste davon.
Der Beamte sah aus, als sei sein Herz gebrochen. Schweigend kaute er auf einem Hühnerspieß und starrte verloren in die Gegend. Liebe ist etwas Wunderbares. Ich beschloss zu gehen. (raf)
 
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