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2.14.2006
  Der Schwarm
Manchmal kommt es in der Natur zu ungewöhnlichen, spektakulären Ballungen von Geschmeiß. Eine Hommage an die Antikörper unserer Nation…
Mein Arsch wackelt. Mein Steißbein ist taub. Regelmäßige Stöße versetzen wippend meinen Körper in Bewegung. Mein Schließmuskel brennt. Oh, oh.
Das kann nur zwei verschiedene Dinge bedeuten. Entweder hat Chris, der schwule Hausmeister, mich in einem drogenschwachen Moment rumgekriegt, oder, bitte, bitte, das andere.
Ich öffne, auf alles vorbereitet, meine Augen. Ich sitze in einem Zug. Puh. Eine abendlich-verschneite Kulisse wandert an mir vorbei. Die Chancen stehen also gut, dass ich mich noch in Europa befinde, nicht wie nach dem letzten Trip. Ich setze mich auf, damit mein tauber Steiß wieder durchblutet wird, und bemerke die Kiste Bier, die unter meinen Füßen steht. Es sind noch zwei volle Flaschen darin, der Rest kullert immer mal wieder an mir vorbei durchs Abteil. Die Kiste Bier, der abgestandene Hopfengeschmack in meinem papptrockenen Hals und das angedaute Chili auf meinem Hemd erklären auch das Brennen meines Schließmuskels.
Die Tür des Abteils wird geöffnet, und eine Handvoll sehr kräftiger Männer stampft herein. Es ist Karneval, „Fasnet“, wie man bei uns sagt, und alle haben sich gleich verkleidet. Obwohl sie alle sehr kräftig und gesund wirken, lässt ihre Frisur keinen Zweifel daran, dass sie alle vor kurzem einer Chemotherapie ausgesetzt waren. Arme Schweine.
Sie setzen sich, und verspritzen zu ihrer eigenen Verzückung weißen Schaum aus ihren Bierdosen an die Scheiben und auf die Polster des runtergekommenen Zuges. Sie beobachten zufrieden, wie ich das vorletzte Bier enthaupte. „Auf Euch, Jungs“ erhebe ich meine Flasche zum Gruß. Wäre ich todgeweiht, würde ich bestimmt auch mal so die Sau rauslassen wie die.
Sie erwidern den Gruß freundlich und lachen. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Mir war gar nicht aufgefallen, dass wir gehalten hatten, aber wozu trinkt man, wenn nicht dafür, dass einem nichts mehr auffällt? Als ich nach einem kurzen Nickerchen, in dem Goebbels in rosa Plüschhosen den Führer grüßt, wieder erwache, hat sich mein Bier auf meinen Fingern verabschiedet und über den Zugboden verteilt.
Die Männer vom Narrenverein sind mehr geworden. Alle tragen diese schwarzweißen Tarnhosen, in jeder erdenklichen Tasche sind Spirituosen verstaut. Ein Baseballschläger kullert führerlos zwischen meinen Bierflaschen durch den Gang. Sie singen schräg, aber laut und mit aufrichtiger Inbrunst ein Lied, dessen Melodie mir bekannt vorkommt. Von deutschen Frauen und irgendwelchen Flüssen handelt es. Ich bin immer noch müde.
Der Schläger und die Flaschen kullern nach vorne, und ein Schild bremst an meinem Fenster vorbei. Esslingen. Na, von mir aus. Ich nehme das letzte Bier, erhebe mich schwerfällig, und bahne mir den Weg zwischen den flauschigen, dicken Jacken hindurch. In den anderen Abteilen sind noch mehr Jungs vom selben Verein. Hei, wo kommen die denn alle HER? Frage ich mich. Sie wollen hier wohl ebenfalls aussteigen. Hätte ich doch auch diese festen, robusten Stiefel, denke ich mir, nachdem ich auf den glatten Bahnsteig rausgeklettert bin und es mich beinahe hingeschlagen hätte.
Zum Glück bin ich vorher gegen eine scharfe, blondgelockte Mieze in khakifarbenen Klamotten geprallt. Geil. Besoffen irgendwo aus dem Zug stolpern und direkt einer heißen Stripperin in die Arme. Sie stellt mich wieder hin, betrachtet mich. Es ist offensichtlich, dass sie mich am liebsten sofort jetzt und hier hätte, aber sie bleibt vorerst in ihrer Rolle. Rückt ihre Mütze zurecht und spielt verheißungsvoll mit ihrem Schlagstock.

Mein Blick wandert den Bahnsteig rauf und runter. Überall quellen aus dem Zug diese jungen Männer heraus. Nicht viele, nicht Dutzende - Hunderte. Wie eine riesige schwarze, teerige Masse. Das muss der größte Krebspatientenausflug aller Zeiten sein. Die Apokalypse von Esslingen. Sie kommen johlend aus dem Zug gesprungen, schwingen ihre provisorischen Krücken und Sportschläger. Die glatzköpfige Masse brodelt. Doch ziemlich schnell kippt die Stimmung. Es wird still auf dem Bahngleis. Meine geile kleine Ausziehsau ist nicht alleine. Sie hat Kollegen mitgebracht. Männliche Kollegen. Viele Kollegen. Es wird totenstill auf dem Bahngleis, ich werde mit einem Schlag nüchtern.
Der Lautsprecher krächzt kurz, dann ertönt eine Stimme. „Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei. Bitte verhalten Sie sich ruhig, in den folgenden Minuten wird Ihre Weiterreise organisiert!“ Stille. Zeit für eine taktische Analyse:

Über Hundert sehr sportliche, wegen ihrer schweren Krankheit zu allem bereite Männer mit Sportgeräten, die man theoretisch als Waffe missbrauchen könnte, auf der einen Seite. Über Hundert moderat sportliche Männer und Frauen mit Projektilwaffen auf der anderen Seite.
Empfohlene Taktik: Rückzug.
Die Staatsbediensteten sind offenbar so auf ihre Gegner konzentriert, dass sie mich nicht bemerken, als ich mich zurückziehe. Auf meinem Weg Richtung Schnell-weg-vom-Bahnhof kommen mir weitere dreißig bis vierzig Polizisten entgegen. Am Bahnhof stehen achtunddreißig Mannschaftsbusse. Als ich mir den erstbesten Wagen aufbreche und eilig davonfahre, sehe ich weitere fünfzig Polizisten am Bahnhof, weitere sechzehn Mannschaftsbusse. Auf den nächsten zweihundert Metern kommen mir noch mal fast zwanzig Mannschaftsbusse in Grün entgegen. Ich hab noch nie so viel Polizei auf einmal gesehen und es kommt mir vor, als würden die weißen Blutkörperchen aus der gesamten Gegend sich auf einen ekligen Entzündungsherd stürzen, den ich gerade eilig hinter mir zu lassen versuche.
Ich hatte ja gedacht, dass Euthanasie out wäre in Deutschland. Aber ich finde es gut, wenn sich um die wichtigen Sachen hier im Land immer noch gekümmert wird, und vor allem finde ich gut, dass ich nicht mit den armen Jungs zusammen im Zug weiter nach Dachau oder sonst wohin fahren muss. (foz)
 
Comments:
dass nenn ich mal politisch inkorrekt, spitze!!!
 
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