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2.27.2006
  Ein Herz für Tiere
Das Leben ist durchzogen von Begegnungen. Und manchmal, nur manchmal, spinnt sich ein silbernes Band zwischen zwei Wesen, die oft nicht unterschiedlicher sein könnten. Daran muss man ja nicht gleich sterben…
Eigentlich mache ich sowas ja nicht. Das stimmt sogar, wenn man den Begriff „Eigentlich“ als diejenigen überschaubaren Phasen ansieht, in denen meine Gehirnchemie nur von körpereigenen Substanzen beeinflusst wird. Da ich sowas eigentlich nicht mache, wundert mich die Konstellation, in der ich zu mir komme, obwohl ich mir das Wundern eigentlich abgewöhnt zu haben geglaubt hatte.
Beißende Kälte an meinem Gesäß. Na ja, ist ja auch Winter (warum weiß ich das?). Ich sehe betongrauen Himmel über mir, das Kreischen von Möwen dringt an mein Ohr. Ich hebe schwerfällig meinen Kopf. Auf meinem Bauch liegt der einäugige Aal in seinem eigenen, weißen Erbrochenen und sieht mich vorwurfsvoll an. Eine kühle Brise umweht meinen nackten Arsch.
Ich liege am See. Eine Kleiderspur, die vom Land her bis zu meiner Position reicht, weckt ein ungutes Gefühl in mir. Ich muss husten. Als ich an meinen fiebrigen Kopf fasse, sehe ich die beiden Smiley-Aufkleber auf meinem Handrücken. Zumindest erklären die, warum ich glaube, auf dem Rücken eines Schwanes hier her geflogen zu sein und eine Ente in den Hals gefickt zu haben. Hustend sammle ich meine Kleidung ein. Überall liegen die Seiten eines Porno-Magazins herum. Mit dickem Edding wurde sämtlichen Frauen ein Schnabel über den Mund gemalt. Zwischen diesen Hochglanzseiten und meiner Hose liegt eine tote Ente. Sie hat eine blonde Perücke auf.
Eine junge Ente steht daneben und stupst sie immer wieder fragend mit dem Schnabel an. Ich fühle mich schuldig. Es ist mindestens eine ganze Weile her seit meinem letzten sodomistischen Rückfall. Ich muss husten, und auch der kleinen Ente scheint es nicht gut zu gehen. Ich beschließe, sie mit nach Hause zu nehmen und ihr eine neue Familie zu besorgen. Nachdem ich sie in einer kurzen, hässlichen Verfolgungsjagd über die eisüberzogenen Steine des Seeufers endlich gefangen und überwältigt habe, gehe ich hangaufwärts. Ich streichle ihr besänftigend über ihren sanften, geschmeidigen Kopf und huste, bis ich erkenne, wo ich mich befinde. Überlingen. Die Stadt, nach der ein ganzer Teil des Sees benannt ist. Perle des Südens. Die Stadt mit dem zu winzigen Thermalbad. Die Stadt, die trotz passabler Arbeitslosenquote einen Republikaneranteil von über dreißig Prozent hochhält. Die Stadt, über der Flugzeuge kollidieren, weil die Piloten die Augen nicht von diesem pittoresken Kleinod abwenden können. Ohne mich zu fragen, wieso ich hier bin, fahre ich mit dem Bus zurück nach Konstanz. Obwohl ich meinen Schützling vor den neugierigen Blicken der deutschistischen Überlinger zu verbergen versuche, lasten ihre Blicke schwer auf mir. Es könnte auch an meinem abscheulichen Husten liegen, oder daran, dass in den Medien allerhand verleumderische Propaganda über Vögel verbreitet wird in diesen Tagen. Jedenfalls ist die Fahrt eine Tortur, und auch mein kleiner, wohlgeformter Schützling, ein junges, knackiges Entenmädchen, fällt immer wieder in Ohnmacht.
In Konstanz angekommen, suche ich schnell die Seestraße auf. Hier werden die Vögel immer von den Touristen gefüttert, weswegen sie zutraulich, zahlreich und hoffentlich zu dekadent und phlegmatisch sind, um ihr neues Familienmitglied auszustoßen. Ich entlasse meine süße Kleine mit den scharfen kurven nur ungern und mit einem bedauernden Husten in die neue Freiheit, und auch sie macht Geräusche, die ich nur als bedauerndes Husten interpretieren kann.
Obwohl sie sich schnell und hastig entfernt, erkenne ich ihren Trennungsschmerz. Ja, ich bin sicher, sie erwidert meine Gefühle. Vielleicht werden wir uns bald wiedersehen, meine Kleine. Morgen vielleicht. Ich bring Dir etwas Brot mit. Und Vaseline.
Sie schwimmt hinaus auf den See, hin zu ihren Artgenossen, stellt sich vor. Meine Tat ist vergolten, eine neue Liebe erblüht in mir, welch ein Tag. Ich muss husten vor Glück. Schwermütig, aber voller Vorfreude trete ich dem Heimweg an. Vielleicht sollte ich mich mal hinlegen. Diese Grippe bringt mich noch ins Grab. (foz)

 
Comments:
Endlich mal eine Liebesgeschichte
 
Bravo!!!
 
Very cool design! Useful information. Go on! »
 
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