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2.08.2006
  Flucht aus Wien
Wien ist eine schöne Stadt. Vielleicht sogar zu schön, zu beschaulich, zu einladend. Vier Monate hatten es Sierra und ich geschafft halbwegs im Verborgenen unseren Wahnsinn auszuleben. Nach der Aktion mit dem Taxifahrer dem Tapetenkleister und den Laborratten hatte sich das dramatisch verändert. Es blieb nur noch die Flucht...
Wir waren spät dran und ich betrachtete es als geradezu unnötiges Risiko, noch eine Stunde länger in dieser Stadt zu verweilen. Zu absurd, zu ängstigend, zu polizeikundlich waren die vergangenen Tage gewesen. Es half nichts. Wir mussten Wien aufgeben, mussten uns aufs Land zurückziehen. Den Kopf wieder klar bekommen. Zurück nach Graz, wo die Welt beschaulich ist und sich der Feinstaub des Vergessens über unsere Schandtaten legen würde... zumindest hegte ich diese Hoffnung.

Der Tag hatte schon mal beschissen begonnen. Zwischen Tür und Angel erfuhr ich, dass eine Bekannte einen halbwegs festen Job in meiner Redaktion bekommen würde. „Hast Du das noch gar nicht mitbekommen?“, hatte mich T. gefragt. „Die M. macht für das nächste Jahr die Karenzvertretung für P..“ „Oh... das ist ja toll“, antwortete ich mit dem süßesten Lächeln, das ich aufbringen konnte, während mir gleichzeitig die Zornesröte ins Gesicht stieg, was einen ziemlich absurden Gesichtsausdruck zur Folge gehabt haben muss.
Nicht, dass ich den Job gerne gehabt hätte, ich hätte im nächsten halben Jahr weder die Zeit noch die Lust gehabt. Von meiner generellen Verfassung und den immer aufdringlicher werdenden Bullen ganz zu schweigen. Aber die Tatsache, dass mich der Chef nicht einmal gefragt hatte, ob ich diesen Posten haben wolle, machte mich stink wütend. Ich fühlte mich wie ein nordkoreanischer Matrose, der sich bei einem Landgang in Havanna einen Tripper geholt hat. Nicht der Tripper war das Nervige, sondern die Tatsache, dass ihn eine Hure aus einem Bruderstaat übertragen hat, war die Erniedrigung.
Gottseidank war es eh der letzte Tag in der Redaktion. Ich schluckte also meine Wut herunter, stellte die beiden Flaschen Abschieds-Sekt in den Redaktionskühlschrank und grübelte darüber nach, wie wir wohl am besten den Straßensperren entgehen würden, wenn wir in panischer Flucht die Stadt verließen.

Der Tag verlief ereignislos. Ich stoppelte meinen Artikel zusammen und rauchte 30 Zigaretten, die auch nicht halfen. Zwei mal war ich kurz davor, meinen PC aus dem Fenster zu werfen, auf meinen Tisch zu kacken und dann wild onanierend aus dem Redaktionsgebäude zu stürmen, aber irgendetwas – wahrscheinlich mein letzter Rest Intelligenz – hielten mich zurück. Außerdem wollte ich den Bullen keine frische Fährte geben.
Gegen 18 Uhr, nachdem ich mich von der Redaktion verabschiedet und mit dem Chef zusätzlich noch eine Flasche Weißen geleert hatte, rief ich Sierra an, der schon seit mehreren Stunden Gewehr bei Fuß stand. Auch ihm blieb nach der Aktion mit dem turkmenischen Taxifahrer, dem 20 Liter-Fass Tapetenkleister und den 200 Laborratten jetzt nur noch die Flucht. Ich hoffte nur, das er nicht bereits in einem Anfall von Panik in seinem Zimmer in Favoriten hockte, nur bekleidet mit einem paar Basketballschuhe und der alten Luger-Pistole, die ihm sein Großvater aus dem Krieg mitgebracht hatte; bereit, auf alles zu schießen, was ihm auch nur im entferntesten beängstigend vorkommt.
„Hey Sierra“. Die Antwort war ein nicht näher definierbarer Laut, der klang, als würden einem beim Kotzen Mund und Nase zugehalten. „Alles klar, bei dir? Ich geh jetzt los... komm in einer halben Stunde vorbei, dann laden wir mein Zeug ein und zischen ab.“ Ich vermutete, dass das Röcheln eine positive Bestätigung war und legte auf. Die Bullen können einen nicht aufspüren, wenn man weniger als 20 Sekunden „on-air“ bleibt.
Zuhause angekommen schlich ich mich in mein Zimmer, wo ich am Abend zuvor bereits meine Habseligkeiten in harmlos aussehnde Umzugskartons gepackt hatte. Eigentlich packe ich nie richtig aus. Das würde im Notfall wertvolle Zeit kosten, wenn die Bullen einem mal wieder auf den Fersen sind, und man schnell fliehen muss. Reine Vorsichtsmaßnahme.
Ich belegte eine Tiefkühl-Pizza mit psychedelischen Pilzen, schob sie in den Ofen und wartete auf Sierra. Der tauchte bald auf und sein Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass ihm die Psychopilze auf der Pizza mehr schaden als nützen würden. Sein Gesichtsausdruck war wild, wirr und unsteht. Wir beluden seinen Wagen und machten uns dann über die Pizza her. Als wir dann endgültig abhauen wollten, entdeckte Sierra einen nicht unbeträchtlichen Ölfleck unter dem Auto. „Oh Shit, Mann, das waren sicher die verdammten Bullen. Ich wird sie alle Aufschlitzen die Schweine.“ Ich wusste, dass es sinnlos war ihn zu beruhigen. Er würde seine Wut nur auf mich projezieren und mich so zum Ziel seiner Aggression machen würde. Wir fuhren zur nächsten Tankstelle um Ersatzöl zu kaufen.
Angekommen an der Tankstelle irgendwo in Favoriten setzte die Wirkung der Pilz-Pizza ein. Das war insofern ungünstig, als dass Sierra entdeckte, dass er den Deckel seiner Ölwanne eingebüßt hatte. Laut fluchend tigerte er über die Tankstelle robbte herum und suchte nach dem Deckel. Ob es die gleiche Tanke war, an der er zuvor Öl nachgefüllt hatte, entzieht sich bis heute meiner Kenntnis. Das einzig Positive an der Situation war, dass Sierra trotz des Pilzrausches hier in Favoriten kein besonders großes Aufsehen erregte. Er war nur ein weiterer Wahnsinniger. Die Bullen würden diese Fährte sicher nicht finden. Der Deckel der Ölwanne fand sich 15 Minuten später eingeklemmt zwischen Batteriekabel und Scheibenwaschanlage, was Sierras Horrortrip instantan in einen Glücksrausch verwandelte. Ob es daran lag, dass wir uns bereits 5 Minuten später verfahren hatten?
Schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Meine Fähigkeit zum Kartenlesen war zu diesem Zeitpunkt auch schon mehr als beeinträchtigt. Zwei zugedröhnte Wahnsinnige auf der Flucht vor der Wiener Polizei finden nicht den Weg aus Wien heraus. Es war eine bizarre Situation. Es war purer Zufall und eine glückliche Fügung des Schicksals, dass wir 45 Minuten später die Autobahn Richtung Süden erreichten. Sierra beschleunigte auf 145 km/h, um keine Aufmerksamkeit durch zu langsames Fahren zu erregen, die Landschaft zog vorbei und sorgte in Kombination mit den Pilzen für eine interessante Special-Effects in meinem Hirn. Der Simmering war nicht mehr weit und bald würden wir es über die Grenze in die Steiermark geschafft haben. Sierra fuhr ohne ein Wort zu sagen oder sich den Sabberfaden, der aus seinem rechten Mundwinkel zog, abzuwischen. Im Radio dudelte die Jazzkantine. „Da ist Musik drin Sportsfreund....“ (raf)
 
Comments:
Ja der Staat, der macht einem das Leben schwer. Würde er nicht existieren, wäre alles gut. Oder wenigstens ein liberaler Staat wie in Holland, Dänemark oder Kanada. Irgendwann werde ich dieses Land auch verlassen müssen, gezwungenermaßen. Was mir schwer fallen würde, als eingeborener der noch nie länger als 2 Wochen weg von seiner Heimat war, hier ist alles, mein Zuhause, meine Arbeit, meine Freunde und mein Herz. Ich liebe das Land, aber hasse den Staat. Viel Glück in Graz!

Mahalo
 
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