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3.26.2006
  Der Preis der Freiheit
Wir leben in einer fetten Welt. Voller Fastfood, Konsum und schönen, geilen Frauen, die sich in Sportwägen über sonnengeflutete Boulevards kutschieren lassen. Wer würde nicht gerne an dieser schönen, fetten Welt teilhaben? Das Problem für die armen Drittweltler, die hineinwollen ins Schlaraffenland: Keiner hier will sie dabei haben...
Kiew/18.03.2006 - Ein schöner Spätwintermorgen in der Ulica Romanowska. Einer dieser völlig heruntergekommenen Nebenstraßen, für die der Sanierungsfond nicht ausgereicht hat. Eine dieser Seitenstraßen in denen der aufmerksame Beobachter noch die Einschusslöcher deutscher MG-Garben zählen kann. Kiew, Tor zum Osten... oder Tor zum Westen. Das kommt auf den Standpunkt an. Ich nehme einen kräftigen Schluck von dem Fusel, den ich heute Morgen einem zahnlosen Burschen mit KPdSU-Button am Revers abgekauft habe. Ich bin mit Andreiy verabredet. Groß, Blond, lächelnd, Benz-fahrend. Andreiy nennt sich selbst "Orgaisator". "Ich organisiere Dinge, Tawarish."
Ein schwarzer E-Klasse Benz fährt vor, ich nehme einen letzten Schluck aus der Pulle und werfe sie dann auf den Gehsteig, wo die Schlaglöcher groß sind wie Pflastersteine. Andreiy ist ein Schlepper. Kennen gelernt habe ich Andreiy im Yellow-Bird, einem dieser neuen In-Clubs, die in den letzten 10 Jahren in der ukrainnischen Hauptstadt hochgeschossen sind, wie die Pilze in meinem kleinen, geheimen Gewächshaus. Dunkle Räume voller Schwarzlicht, dröhnender Dancfloor-Mucke aus den 90-ern und einem Haufen Frauen, bei denen nicht sicher ist, ob es sich um normale ukrainische Mädchen oder normale ukrainische Nutten handelt. Wie auch immer... ich lasse den Westler raushänngen, wedle andeutungsvoll mit ein paar Euro-Scheinen und komme so - später in dieser Nacht - auch noch auf meine Kosten. Andreiy hat übrigens drei dieser Mädchen um sich herum.
Vorne im Benz sitzt Vanja. Groß, breit, Stiernacken, Bürstenhaarschnitt, Bomberjacke und Makarov-Pistole zeugen von seier Eloquenz. Wir fahren durch die Stadt, vorbei an den typischen Garküchen. Andreiy hat versprochen mich mitzunehmen auf eine seiner Touren. Von Kiew richtung Nordwesten bis an die polniscche Grenze und von da aus dann weiter Richtung Deutschland. Ich dreh mir einen Joint, um meine Nervosität zu überspielen. Das Vorhaben auf illegalen Pfaden in die bierige Heimat zurückzukehren ist nicht besonders gut für die Paranoia. Überall sehe ich Spitzel, BND-Agenten und Zeugen Jehovas, die mir an die Wäsche wollen. Vanja spricht immer noch kein Wort.
Dorohusk/in der Nähe der polnischen Grenze/19.03.2006 - Es war eine ziemlich lange Fahrt über beschissene ukrainische Straßen und der Gestank von Xiao, Wan, Vassily und Ibrahim wird mir noch lange in der Nase bleiben. Wir sitzen eingepfercht zwischen Kohl-Kisten, Vodka-Flaschen und Zigaretten im Laderaum eines Lieferwagens. Vanja fährt, Andreiy folgt mit dem Benz.
Xiao und Wan kommen aus der Mongolei, Vassily aus Moldavien und Ibrahim aus Usbekistan. Alle wollen nach Deutschland. Dem Paradies, Milch, Honig, Geld in Massen, Nutten, Koks... das Übliche. Für die Passage berechnet ihnen Reiseleiter Andreiy 5000 Dollar. Cash versteht sich. Xiao und Wan haben in Ulan Bator Drogen vertickt, Vassily hat in Chisinau Autoradios geklaut. Ibrahim hat einen Sponsor gefunden. Er soll irgendwo in Norddeutschland eine Gemeinde der islamischen Bruderschaft unterstützen. In drei Jahren ist der dann Schuldenfrei und kann seiner Wege gehen. Ibrahim ist ungefähr so muslimisch, wie ich christlich bin. Der Wagen verlanngsamt seine Fahrt... wir rollen an die Grenze.
Irgendwo zwischen Przymsl und Lublin - Polen/20.03.2006 - Selbst für einen abgefuckten Paranoiker wie ich einer bin war das eine entspannte Sache. Kurz nachdem wir an der Grenze gehalten hatten, übernahm Andreiy das Kommando. Der polnische Zöllner machte nicht einmal anstalten den Wageninhalt zu kontrollieren - vom Ukrainischen war überhaupt nichts zu sehen. Nur für einen kurzen Moment, als der polnische Zöllner mit Andreiy zu streiten begann, hatte ich derben Schiss, den ich nur mit Hilfe von Vanjas Selbstgebranntem niederhalten konnte. Wie sich herausstellte, wollte der Zöllner mehr Geld. 600 statt der vereinbarten 450 Euro. Andreiy ist ziemlich ungehalten. Sein Profit schmilzt.
Während der ganzen Prozedur fällt kein Wort bei uns im Laderaum. Alle sind starr vor Angst. Xiao und Wan tun so etwas wie beten. Vielleicht kämpfen sie auch nur mit dem Harndrang... schwer zu sagen. Kurz hinter Lublin dürfen wir endlich in den Wald zum Scheißen. Danach gehts allen besser.
Über Lodz und Danzig geht es weiter nach Kolobrzeg, einem kleinen Fischerhafen an der Ostsee. Der zweite Teil der Reise hat begonnen.
Fischereihafen Kolobrzeg/21.03.2006 - Um drei Uhr morgens übergibt uns Andreiy an Hans. Hans ist Ossi, dick, mitte Vierzig und stolzer Besitzer einer Etap 36 Segeljacht. Vor 48 Stunden hat er in dem polnischen Hafen festgemacht. Hier kennt man ihn. Schätzt seine Spendierhosen. An Bord gibt es kein Versteck für uns. "Wenn ihr geschnappt werdet erzähl ich einfach, ich hätte euch erbärmlichen Säcke auf der Ostsee in einem Floß treibend aufgefunden. Was hätt ich denn machen sollen? Euch da verecken lassen?" Sein breites Grinsen enthüllt ihn als Goldzahnträger alter Schule. Vassily gekommt es mit der Angst. Er ist Nichtschwimmer. Ich verabschiede mich von Andreiy und Vanja, nicht ohne ihnen noch eine Flasche von dem Fusel abzuschwatzen. Die beiden müssen weiter ... Richtung Posen und die Zigaretten loswerden.
Drei Stunden später schippern wir bereits auf der Ostsee herum. Unser Ziel: Stralsund, Deutschland. (raf)
 
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