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3.19.2006
  Der Puddding der Meere
"Wenn man's glaubt, gibt's es, und wenn man's nicht glaub, gibt's es nicht."
Von Gastautor Henrie Schnee
Das Fernsehprogramm war mehr als ernüchternd in dieser Woche, und so
beschloß wahrscheinlich nicht nur ich, mich den Nachrichtensendern zuzuwenden, in einem hoffnungslosen Versuch, den Überblick zu bewahren. Ich bin, nach wie vor, Journalist, und die ewig einseitige Information durch Spiegel.de kann einen auf Dauer nicht alles erklären, was man in diesem Business braucht.
Es fing sanft an mit vermummten französischen Studenten, die in den Straßen von Paris gegen Ministerpräsident Villepin und seine Arbeitsmarktreformen demonstrierten. Die Zeitungen springen darauf an wie ein ausgehungerter Floh, aus Gründen, die nur allzu offensichtlich sind. Seit dem Oktober letzten Jahres, als die Ghettos Frankreichs brannten, gilt dieses einst so schöne Land wieder als die Wiege aller Revolutionen, einen Ruf, den man sich vor übe 200 Jahren so erbittert erstritten hat.
Dann flogen in Südamerika buchstäblich die Fetzen, als im Hochland von Ecuador beginnende Proteste gegen neue Freihandelsabkommen sich in die südlicheren Gebiete verlegten, und die Polizei die von aufständigen errichteten Barrikaden mit Tränengas ausreucherte. BBC zeigte Bilder, die prima in die Introsequenz jedes Zombie-Films gepasst hätten, schwer verletzte Polizisten, brennende Reifen und den totalen, konsequenten Irrsinn der Massen. Wobei jedem klar sein sollte, dass in unserer Branche "schwer verletzt" nur der Euphemismus ist für eine Leiche, die noch zuckt.

Angespornt von dieser Steilvorlage ließen sich auch die Franzosen auf die Tobsucht ein und entstaubten die von der letzten Revolte noch übrig gebliebenen Molotovcocktails, um das Schreckgespenst des Bürgerkrieges ein weiteres Mal inmitten Europas zu entfachen. Einzelne Studenten waren garnicht zufrieden mit den Bildern, die danach in die Welt heraus getragen wurden und bezeichneten solche Aktionen als blanken Vandalismus, der nicht aus ihren Reihen kommen würde. Meine einzige Kontaktperson in Frankreich hat noch nicht auf meine Bitte um eine Vor-Ort-Analyse geantwortet, und sie wird es wohl auch nie tun. Villepin bot das Gespräch an, aber die Studenten lehnten dankend ab. Erst selten hat die Geschichte gezeigt, dass ein Bündnis zwischen akademischer Elite und frustrierten Migranten der dritten Generation ein Musterbeispiel an zivilem Gehorsam sein kann. Der schlafende Dämon des rassistischen Aufstandes hat gerade einmal fünf Monate geruht, ehe er sich wieder erhoben hat, erweckt durch junge Menschen, die es nicht besser wissen.
Was die ehemalige Kriegsmarine Somalia wenig interessiert. Nach dem Ausruf der beliebten afrikanischen Regierungsform Anarchie wählten die meisten nun arbeitslosen Matrosen das harte Handwerk des Pirates, um sich und die Familie irgendwie über Wasser zu halten. Von der aktuellen Weltwirtschaftssituation und vielleicht sogar auch angestachelt von den ecuadorianischen Indios beschlossen sie, das es keine bessere Beute in den Weiten der Ozeane gibt als amerikanische Kriegsschiffe. Der Kreuzer "Cape St. George" und der Zerstörer "Gonzalez" waren die ersten Opfer, und vielleicht auch die letzten, je nachdem, welcher Quelle man trauen mag.
Mein Anwalt nahm diese Desinformation mit mürrischem Gesichtsausdruck entgegen. "Das waren nur Fischer," sagte er trocken, und ich versuchte ihm klar zu machen, dass Dynamitfischen bei Waffen in der Größenordnung von taktischen Marschflugkörpern höchstens noch einen blutigen Brei an die Meeresoberfläche befördern würde, aber ihm kam das ganz logisch vor. Der Arsch, der nie in seinem Leben eine Angel auch nur gesehen hat meinte, das würde wiederum andere Fische anlocken. Aber es war ihm ernst. Er sprach, als wüsste er bescheid. "Piraten, die Amis angreifen", grunzte er, "das glaubst du nicht, und das glaube ich nicht." In der Tat, ich glaubte es wirklich nicht, aber seine Argumentation, dass "die Explosion andere Fische nicht verjagen, aber der blutige Brei würde sie anlocken." Ich schenkte ihm Glauben, denn ich bin, nach wie vor, Angler, und Angel ist ein schwieriges Business, brutaler und unansehlicher noch als dass des Journalisten, und ich war nicht auf Streit aus.

Ich nickte nur, und nannte es "den Pudding der Meere".
 
Comments:
Der Komet wird das alles richten.
 
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That's a great story. Waiting for more. film editing schools
 
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