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3.01.2006
  Ein Glas Wasser
Verdun, Käse und Menschen, die aussehen wie Schwerenöter: Das ist Frankreich. Ein Land voller zugiger Überraschungen. Wo der Wahnsinn sein Regalien-Baguette als Zepter der Macht gen Himmel reckt. Hier stinken sogar die Katzen...
Von Gastautor Henrie Schnee.
Ein scheiß-bedrohliches, verlängertes Wochenende hinter mir, das mich echt fertig gemacht hat. Nicht dass jemand anderes als ich - oder besser noch - wir, unser dreiköpfiges Guerillaz-Kommando, die Bedrohung darstellten.
Wir hatten es mit erstaunlicher Leichtigkeit geschafft einen Wagen voller Beweisstücke quer durch Deutschland - und dann auch noch über die grüne Grenze rüber nach Frankreich zu schaffen. Niemand machte uns Probleme, und weil wir im Schutze der Nacht unterwegs waren, hätten wir noch nicht einmal auf den französischen Autobahnen bezahlen müssen - den ganz speziellen Autobahnen. Okay aus Ignoranz und Türsteher-Paranoia taten wir es nicht, aber beim nächsten Mal werden wir die Option warnehmen, einfach nur um zu sehen, wie diese Scheißkerle reagieren.
Wir tauchten in der miesesten Gegend der unscheinbarsten, hugenottenfreiesten Kleinstadt unter, deren Hauptverteidigugnsmittel gegen uns diese schrecklichen Asphalthügel in den 30er-Straßen war. Okay, beim ersten Mal hob der Wagen bedrohlich ab, weil wir das scheißding einfach ÜBERSEHEN hatten, aber das passierte kein weiteres Mal.
Bei der Ankunft in der sicheren Bude mussten wir feststellen, wie windig unsere Behausung doch war. Alle Fenster waren quasi pa-terre, und in den dünnen Wänden konnte man die Ratten entlangkriechen hören. Unsere Kontaktperson war schon immer für die etwas seltsame Wohnungswahl bekannt, aber DAS hier war absolutes Neuland.
Am ersten Abend waren wir tierisch weggetreten, bekifft, angeheitert und leicht verwirrt, und so sahen wir einfach keinen Sinn in den wenigen deutschen Fernsehsendern, nur immer Angela Merkel, wie sie ein und das selbe an immer verschiedenen Orten tat. Es war einfach so: der Fernseher tat uns nichts, und wir taten ihm nichts. Aber als die Zeit verging, manche Aufgaben und der Wahnsinn über den Rückenmarkstunnel in das Kleinhirn eindrang, änderte sich das Fernsehprogramm und die Vibrations.
Die Wände, bemalt mit den Resten aus dutzenden Farbdosen, die geschmacklosen Poster, der Schneesturm, die schwangere, nach Gips stinkende Katze, der Sound... alles war so... anders auf einmal. Mir wurde klar, was wir getan hatten, wie leicht wie ins Feindesland gelangt waren, und wie leicht das auch umgekehrt hätte passieren können. Mir ging eine Geschichte nicht mehr aus dem Kopf, von einem Mechanikergesellen, der mit vorgehaltener Pistole seinem Meister klar gemacht hat, wie er es für richtig hält ein ganz bestimmtes Fahrzeug zu reparieren.
Konsequent Irre, die mit Waffen rumfuchteln, mischten sich mit dem Fernsehprogramm, ödes Geschwätz über die Fussballweltmeisterschaft, Brasilianer und die Verlogenheit des BNDs.
Nach 30 Stunden fingen die Wände an zu sirren und der kaputte Gasherd gab ein Staccatto von Flammenwerfersounds von sich, als eine dreißig Jahre alte ZDF-Sendung über bestechliche Profifussballer gesendet wurde, und ich lag da, besoffen und halb verrückt, und sah Gruppen wütender Franzosen, Holländer, Englander, ja sogar Brasilianer, wie die durch die deutschen Vororte ziehen, nackte BND-Agenten durch die Straßen zerrend, und die Köpfe ihrer Fussballfeinde auf Speere gesteckt.
Was wir geschafft hatten, war nur allzuleicht gegen uns zu richten. Es wurde mit Leuten geredet, die EXTRA für die Weltmeisterschaft Jobs in Deutschland schaffen, und alle grinsten sie wie fette, eingebutterte Schweine, aber Schweine mit Macht. Mächtige Schweine. Machtschweine. Schweinemacht! Hatte ich das nur geträumt? War das wirklich passiert? Ich überlegte angestrengt, wann diese WM ist, verwechselte sie mit der Olympiade in Berlin 2036, kriegte mich dann aber wieder ein, und sah der Wahrheit ins Auge.
Wir besprachen die Lage. Kein Extrabenzin im Kofferraum, um Explosionen vorzubeugen. Waffen besorgen bei eBay. Lange Sprungmesser, Spitzhacken, Luftpistolen, Pfefferspray, Elektroschocker, Baseballschläger. Bei Pfefferspray muss man darauf achten, das passende Gerät zu kaufen: Die einen sprühen den Strahl konisch auf kurze Distanz, was einen abgefahrenen Schrotflinteneffekt hat, die anderen haben einen sogenannten "ballistischen" Strahl, mit dem man wie eine Kobraschlange auf bis zu 6 Meter schießen kann, sogar gegen den Wind.
In der Dokumentation über die Fussballspieler von 1976 waren reiche, aber nicht wirklich eloquente Männer zu sehen, und wenn ich Fan davon wäre, dann wäre mir bei all den historischen Namen wohl vor Erfurcht einer abgegangen, aber dem war nicht so. Statt dessen kämpfte ich um ein paar Minuten schlaf, den mir die scharchende, schwangere und nach Gips stinkende Katze (und ich rede NICHT in Metaphern!) nicht gönnte. Ich dachte an grüne Stahlhelme, an Kioske, an denen man sich Ninjasterne kaufen kann, an Vitamin C und die tödlichen Nebenwirkungen, die eine Grapefruit bei einem Kiffer anrichten kann.

Und dann schlief ich irgendwann doch noch ein, aber erst nach einem Glas Wasser.
 
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