DieWahrheit.eu Gonzojournalismus im Netz
4.14.2006
  Muschis for Olympia
Für manche Dinge ist man einfach nicht stark genug. Wo leistungsorientierter, sportlicher Drill, verhinderte BDM-Leiterinnen und geballte Inkompetenz aufeinanderprallen, können nur die Wunder der modernen Chemie die Welt gerade rücken...
Aus einem zerrissenen Wirbel aus Sprachfetzen und hohl scheppernden Farben implodiert mein Bewusstsein in einen Körper. Aus dem Urgrund des Kosmos wölbt sich mit Gewalt ein weiß gekacheltes Zimmer auf mich zu, verharrt harsch in vertrauten, geraden Winkeln. Das Plätschern von Gedanken und Stimmen verdichtet sich zu dröhnender Stille. Der offenbar menschliche Körper, der soeben an einer Seite meiner Wahrnehmung angedockt hat, beginnt mechanisch Luft einzusaugen. Ich lebe. Wer konnte damit rechnen?
Der Sinn für oben und unten kehrt zurück, dreht den Raum, und die Wand, gegen die ich von unwiderstehlicher Kraft gepresst werde, wird zum Boden. Einen Augenblick später sehe ich ein Gesicht, das meine Erinnerungen ruckartig zurück in meinen Geist schwappen lässt. Ein Gesicht im Spiegel. Ich sehe scheiße aus. Das schneidend scharf stinkende Erbrochene im Waschbecken vor mir widert mich an, auch dann noch, als die Brocken auf meinem Shirt mich als den Urheber entlarven.
Ich ächze, als mir bewusst bin, dass ich wieder als Journalist unterwegs bin. Das Gesicht vor mir zerspringt mit einem hellen Schlag in Scherben, eine Hand schießt heraus und hämmert meinen Hals an die gegenüberliegende Wand. Sie würgt mich mit bestialischem Tötungswillen, mit der Kraft eines Wahnsinnigen. Ich ringe mit ihr, röchle, zapple. Beinahe zu spät bemerke ich dass es meine Linke ist, mit der meine rechte Hand ringt, und lasse zögernd von mir ab.
Einen Lidschlag später bin ich in der Sporthalle. Grüner Boden, Turnmatten, eng, wirklich eng anliegende Kleidung, die nur das Ungesetzliche der pubertierenden Turnerinnen verhüllt. Eine unattraktive Mittvierzigerin krächzt mit schriller Stimme zu laut in ein Mikrofon, sie spricht wie eine Zweitklässlerin, die ein Gedicht aufsagen muss. Scheiße, ich bin auf der Turngala in Friedrichshafen.
Sie labert belangloses Zeug, das Publikum unterhält sich selbst oder starrt wie ich auf die ausdefinierten Venushügel der fünfzehnjährigen Turnerinnen. Niemand, am wenigsten ich selbst, ahnt in diesem Moment, warum ich bei diesem saftigen Lolita-Extrakt die Worte „Verona Poth Titten“ denken muss. Als Reporter darf ich natürlich näher ran an die kleinen Glücksspenderinnen. Ich bin kein Reporter. Ich BIN kein Reporter! Ein elfjähriges Mädchen macht einen vierfachen Flikflak mit anschließendem Rückwärtssalto, landet im riesigen Maul eines Höhlendrachen, der sie mitsamt dem Mattenwagen verschlingt. Die Leute klatschen begeistert. Der Drache versickert mit einem gurgelnden Geräusch in dem olivfarbenen Sumpf, zu dem der Grund der Bodenseesporthalle geworden ist. Leider reißt er die nervtötende Vorsitzende und selbsternannte Moderatorin nicht mit in den Tod.

Der Ablauf der Veranstaltung ist chaotisch. Planlose Idioten – wie ich mir sagen lasse sind sie das Markenzeichen der Turnerschaftsführung – laufen Befehle schmetternd durch die Halle, verbreiten Verwirrung und Unfrieden. Unzählige Kinder laufen bunte Lappen schwingend durch den Sumpf, springen Trampolin und machen Purzelbäume. In meiner Hosentasche finde ich meinen Notizblock. Darauf steht „Turnerschaft FN – Christa King“, daneben eine Skizze von mir, auf der eine Frau gerade von einer Reihe Hohlmantelgeschosse zerfetzt und mit einem Fleischerhaken maltraitiert wird. Die Frau, die sich gerade wieder mit greller Stimme selbst für die gelungene Veranstaltung lobt, ist offenkundig mein Interviewpartner. Nüchtern wie ich bin stehe ich das sicher nicht durch. Ich greife in meine Hemdtasche und ziehe einen kleinen Plastikbeutel heraus. Leer. Ich stutze und greife in meine Hose, um den kleinen Bogen mit Trips rauszuholen. Er ist ebenfalls leer. Scheint als hätte ich bereits mehrere Male Anlauf genommen, aber nie dasjenige Mischungsverhältnis von glückseliger Demenz und rhetorischer Zurechnungsfähigkeit erreicht, das es ermöglicht, einen derartigen Job durchzustehen. Ich beschließe, den Artikel lieber nicht auf den jagenden Jamben dieser Möchtegernfunktionärin fußen zu lassen und ihn einfach so zu schreiben.
Im Hinaustorkeln freue ich mich, dass wenigstens die weiblichen Jugendlichen in diesem Kaff nicht zur Disco-Checker und Dorfghettoszene gehören und was Ordentliches machen, nämlich ihre Körper stählen für eine Welt, in der ihr Geist nichts mehr wert ist. Ich merke ein paar der Mädels mit dem inneren Zehnjahresstempel vor und verlasse den Regierungsbezirk der größenwahnsinnigen Hausfrauen. (foz)
 
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