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5.09.2006
  Viel zu viel Fett
Was machen drei kaputte Musiker, wenn sie in eine Polizeikontrolle geraten? Sie spielen um ihr Leben. Manchmal haben nicht nur die dummen Glück, sondern auch die Dicken... und die Fetten...
Wir hätten gewarnt sein müssen, wir hätten uns verkriechen sollen an diesem verpissten Dienstag; auch gegen 16 Uhr der Versuchung aufzustehen widerstehen sollen. So wie an jedem anderen Tag. Wir hätten in unserem netten kleinen Drogennest hoch über Graz zu bleiben sollen, wo keine Bullen vorbei schneien und sich auch sonst niemand einen Dreck um zwei dicke Deutsche und einen kaum merklich weniger fetten Tiroler schert, die an einem wolkig grauen Mai-Nachmittag nur bekleidet mit Bademänteln und Bermudashorts im Vorgarten ihres Hauses sitzen und Billigbier aus Dosen trinken.
Wir hätten wissen sollen, dass wir an diesem Tag das Schicksal nicht herausfordern sollten. Der Blick in den Kühlschrank war eine letzte Warnung gewesen: 4 Scheiben Toastbrot, eine halbe Tube Estragonsenf und eine leere Dose Tunfisch...
Wie auch immer, der gähnend leere Kühlschrank hätte als deutliches Zeichen der herannahenden Katastrophe gedeutet werden sollen. Wir hätten uns duschen, anziehen und die 1,4 Kilometer zum nächsten “Nah und Frisch”-Markt wandern sollen, dort das wichtigste einkaufen (Eine Flasche Jacky, eine diesmal volle Dose Tunfisch und Kartoffelpüree in Pulverform) und einen ganz normalen Tag verleben sollen. Musik machen, Bier trinken, TV Schauen und was man eben sonst noch so tun kann, wenn man sich erfolgreich davon abhalten will zu studieren.
Natürlich überhörten wir den Schrei des Schicksals geflissentlich, statt zu duschen, zogen wir die Bademäntel etwas enger und beschlossen im Vorgarten eine lustige kleine Sauf-Leutebeschimpf-Party abzuhalten. Das ganze endete in einem handfesten Streit mit Blumenkohlnasen-Edi, der sich zu unrecht als Säufer beschimpft fühlte. Die Tatsache, dass drei fette Kerls in Bademänteln und mit Bierdosen in der Hand diese Schmähungen ausriefen, mag zur Eskalation beigetragen haben. Im Nachhinein war das jedoch ziemlich schwer zu ergründen. Jedenfalls machte sich Blumenkohlnasen-Edi schnell von dannen, als die ersten leeren Bierdosen wie Hagel auf ihn niedergingen und der fast unmerklich weniger fette Tiroler mit dem Satz: “Ikch chol jetza mei Pampgan und schiaß dem Orsch die Spekchbakchen weg.” im Haus verschwand.
Von unserem Blitzkriegsieg beflügelt fanden der dicke Bassist und ich, dass es jetzt an der Zeit sei, den Gitarristen anzurufen, damit er uns runter in die Stadt ins Studio fahren kann. Der kaum merklich weniger fette Tiroler hatte es vorgezogen, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und sich mit einem Modem Pornobilder aus dem Internet zu ziehen.
Gegen halb sieben vernahmen wir die typischen Geräusche qualmenden Gummis, die in der Regel von der Ankunft des Gitarristen kündigen. Wir packten unsere Sachen (Papers, Tabak, Bass, Bier und Notenständer) und pflanzten uns in den hässlich grünen Rover, den der Gitarrist aus irgendeinem völlig abstrusen Grund zu lieben schien. Hinten im Kofferraum warteten bereits seine Gitarre und die Fat-Man, eine Bong von geradezu bombastischen Ausmaßen. Es versprach ein völlig normaler Abend zu werden.
Wir fuhren die steilen Serpentinen hinunter nach Graz und schnurstracks in Studio, wo uns der Techniker und seine Freundin bereits erwarteten. Die Probe begann standesgemäß mit einer Runde aus der Fat-Man. Das war gerade noch rechtzeitig, denn auf dem Hinweg hatte ich begonnen, mir Gedanken über meinen Lebenswandel in den letzten Monaten zu machen. Mich plagte ein schlechtes Gewissen, weil ich Freunde vernachlässigt, Menschen beleidigt und meine Familie um die Studiengebühren betrogen hatte. Da kam die Fat-Man gerade rechtzeitig. Danach ist mit dem Denken erstmal Essig. Auch der Gitarrist nahm einen kräftigen Zug aus der Bong. Die Probe konnte beginnen...
Es muss wohl so gegen zwei Uhr in der Früh gewesen sein, als ich von meinem Klavier hochschreckte und zwischen zwei Flaschen slovenischen Biers erstaunt feststellte, dass der Bassist und der Gitarrist bereits ihre Instrumente in die Koffer gepackt und die Sonnenbrillen aufgesetzt hatten. Ich machte ein Geräusch, dass entfernte Ähnlichkeiten mit einem Tropfen Wasser hat, der in einem leer Badewanne platscht. Und packte meine Noten zusammen. Wir nahmen noch mal eine Runde aus der Fat-Man, kauften dem Techniker noch den letzten Shit ab und machten uns dann auf die Heimfahrt.
Nichts ist besser, als breit wie eine Flunder nächtens durch eine Stadt zu fahren. Das Gefühl der Freiheit war grenzenlos. Bis zu dem Moment kurz vor dem Krankenhaus, als der Gitarrist seinen Rover ohne für mich erkennbaren Grund auf den Gehsteig setzte.
“Ihr haltet die Schnauze, was immer auch passiert”, zischte der Gitarrist und verschwand in der Dunkelheit. Ich hörte gedämpfte Stimmen und drehte mich um. Zwei Polizisten kamen auf unseren Wagen zu. Der Bassist stellte augenblicklich die Atmung ein und auch ich konnte nicht umhin meine Gedanken um die 5 Gramm Shit kreisen zu lassen, die sich in meinem Stiefel befanden. Von der ungefähr einen halben Meter großen Bong im Kofferraum ganz zu schweigen.
“Kofferraum aufmachen”, tönte es in einer mir unbekannten Stimme. Wir waren so gut wie aufgeflogen und das THC in meinem Kreislauf trug das seine zum allgemeinen Paniklevel bei. Die Fat-Man kann man einfach nicht übersehen. Ich überlegt kurz, ob ich aus dem Auto springen und davon laufen sollte, aber ich war viel zu breit, um mich schneller als ein Tattergreis zu bewegen. Die Kofferraumtüre öffnete sich. “Was ist da drin?”, hörte ich die gleiche Stimme. Der Bassist schwitzte nicht mal mehr vor lauter Angst. “Da is meine Gitarre drin, ich bin Gitarrist, soll ich euch was vorspielen?” Der Gitarrist hatte alles auf eine Karte gesetzt. Drei bluntzenfette Musiker in einem Rover voller Dope und einer Fat-Man im Kofferraum standen bereits mit einem Fuß im Knast. Die folgende Pause muss nur Sekunden gedauert haben, aber ich habe noch nie einen derart langen Zeitraum erlebt. Plötzlich schlug die Kofferraumtür zu und einen Moment später stieg der Gitarrist ein, startete den Motor und wir fuhren weiter in die Nacht. Den ganzen Weg bis zu unserem Haus sagte niemand ein Wort. Keiner konnte ernsthaft begreifen, dass wir davongekommen waren.
Oben in unserem sicheren Haus angekommen, feierten wir den Sieg über die Staatsmacht mit einer weiteren Runde aus der Fat-Man und den beiden angebrochenen Bierdosen, die noch im Kühlschrank standen. Der nur unmerklich weniger fette Tiroler hing immer noch im Internet. (raf)
 
Comments:
Eine Sternstunde der Wahrheit. (Im realen sowie metaphorischen Sinn)
 
Zusatz: In diesem Zusammenhang vielleicht für unsere deutschen Leser interessant, dass man in Teilen Österreichs das Wort "Fett'n" mit Glück gleich zu setzen vermag.
 
nice!! und das auch noch von österreichern, was die sprache gleich 1928012 mal leiwander macht. immer weiter so!!
 
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