DieWahrheit.eu Gonzojournalismus im Netz
6.16.2006
  Marburg - und dahinter die Unendlichkeit
Marburg ist das Zentrum des deutschen Widerstandes. Widerstand gegen Studiengebühren, gegen Ärzteausbeutung und machmal auch gegen den gesunden Menschenverstand. Die Grenzen sind fließend, die Fronten verschwommen. Und Henrie Schnee schwimmt ... mit...
"Der revolutionäre Krieg ist ein Krieg der Massen; er kann nur durch Mobilisierung der Massen geführt werden und liegt in ihr begründet." -Vorsitzender Mao Tze-Tong...

[1] "Die Story? Welche Story?" - Und die Sache mit "Lisa 1"

"Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort.“
- Gottfried Benn

Wie kommt man in Berührung mit der Story? Das ist die wichtige Frage. Erzählenswerte Geschichten gibt es überall, nur wie findet man sie, ehe es das internationale Presse-Establishment tut?

Die einfache Lösung ist es, sich irgendeinen Newsticker zu besorgen und den ganzen Tag laufen zu lassen. Irgendwann findet man schon einen Brocken, den man in aller Ruhe zu einer seitenfüllenden Story umschreiben kann. Ich habe da ein paar andere Methoden. Eine davon ist ICQ. Die meisten Anwender sehen darin nichts als ein SMS-Ersatz oder vielleicht eine Möglichkeit, päderaste Gefühle auszuleben - oder in völlig andere Rollen zu schlüpfen. Nur Gott alleine weiß, wie viele Oberlippenbart tragenden Polizisten sich in den Weiten des Netzes als nymphomanische, bisexuelle Schulmädchen mit höchst fragwürdigen moralischen Werten ausgeben.
Aber nicht ich. Ich habe weder einen Oberlippenbart, noch das Bedürfnis meine Fähigkeiten als Onlinetranse auszubauen. Ich will einfach nur auf dem laufenden bleiben.
Diese
Marburg-Story begann vor etwas über einem Monat mit einem kurzen und verwirrenden Chat zwischen mir und einem guten Freund dort. Wenn ich mich richtig erinnere, wollte ich eine knappe, unverbindliche Konversation über die Verfilmung von “Silent Hill“ starten, aber als Antwort bekam ich nur unverständliches Kauderwelsch. "Wir waren auf der Autobahn," schrieb er. "Ich bin mittlerweile total besoffen. Es war so schrecklich." Okay, dachte ich mir, warum auch nicht? Eine Autobahn zu betreten, egal ob zu Fuß oder am Steuer eines Wagens ist nicht jedermanns Sache – erst Recht, wenn Alkohol im Spiel ist. Aus den paar Gesprächsfetzen, die er noch schrieb, ehe er völlig zusammenbrach, folgerte ich, dass wohl eine Art Studentendemonstration aus dem Ruder gelaufen sein musste - mit der Konsequenz, dass Hunderte Menschen bei schönstem Wetter eine der Autobahnen nach Marburg enterten.


[2] Zeilen voller Vorurteile // Minus x Minus = Plus // Cyberpunks

"Die falsche Bildung aber, welche den Menschen zum gebildeten Raubtier macht, kann immer nur den Einen auf Kosten des Andern bereichern."
- Moses Hess

Das Abschneiden der Hauptlebensadern von Marburg schien sich als eine dermaßen effektive Maßnahme erwiesen haben, dass die verantwortlichen Rädelsführer in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen, diesen Spaß nun auf wöchentlicher Basis zu veranstalten.
Das Echo in den Medien war nicht besonders hoch - obwohl sich der Hessische Rundfunk entgegen persönlichen Erwartungen doch eher wohlwollend über die Studenten äußerte und dafür die Politik mit Süffisanz strafte. Aber bundesweite Sender oder Zeitungen machten nicht gerade Sondermeldungen und Schlagzeilen zu dem Thema.
Die Sache war einfach nicht brisant genug: Studiengebühren waren schon zu Schröders Zeiten ein gern diskutiertes Thema, ehe sie dann während des Wahlkampfes 2005 totgeschwiegen wurden. Und selbst wenn das Echo in den Medien größer gewesen wäre, was hätte das geändert? Für den durchschnittlichen, hart arbeitenden, gottesfürchtigen (Bild)Zeitungsleser dieser Nation ist der gängige Student ein schmarotzendes, faules Subjekt, das fünf Jahre lang Dauerparty macht und irgendwann mal eine Führungsposition besetzt. Warum auch nicht? So ziemlich jeder Verbrecher mit öffentlichem Mandat, jeder Bankchef, der einem den dringend benötigten Kredit verwehrt, jeder Konzernchef, der veranlasst, Euro 1:1 mit DM gleichzusetzen - diese ganze dreckige Canaille besuchte früher mal eine Universität. Mehr braucht der Durchschnittsbürger nicht zu wissen.

Ärgern müssen sich nur die Kinder dieser Durchschnittsbürger. Tja, das war’s wohl mit deinem schönen Plan, Arzt/Lehrer/Informatiker/was auch immer zu werden. Fang' lieber eine Lehre an, lern was Handfestes! Genau... und bis zum Ende deiner Lehrjahre wird sich die wirtschaftliche Situation sicher gebessert haben. Du wirst sehen... Maurer und Dachdecker werden schon bald wieder Hochkonjunktur haben! Immerhin ist doch WM-Jahr!

Keine guten Zeiten für Selbstverwirklichung... Die Studiengebühren sind in der Wahrnehmung der großen schweigenden Mehrheit einfach das geringere Übel zwischen all diesen abgefahrenen Steuern, die heute schon aktuell sind. Zwangsbeimischung von teurerem Bio-Kraftstoff. 19 Prozent Mehrwertsteuer. Mautgebühren auf deutschen Autobahnen. Volle Versteuerung der Rente. Sondersteuern auf Wohnmobile. Wenn man etwas darüber nachdenkt, erscheinen einem 1000 Euro im Jahr für Bildung fast wie ein Schnäppchen.

Ich unterhielt mich mit einigen Leuten darüber, und sah viele kluge Geister an der Oberfläche des Problems kratzen - zumal es eigentlich jedem Menschen mit Langzeitgedächtnis so oder so klar sein sollte, dass das abkassierte Geld überall hin fließen wird, nur nicht an die Hochschulen. Tausende Quadratkilometer Industriegebiete werden davon erschlossen werden; jedes noch so kleine Bergdorf wird bald voller Stolz einen eigenen Kreisverkehr vorzuweisen haben. Ausländische Firmen werden noch mehr Subventionen aushandeln können für das Versprechen, für den Zeitraum von 5 Jahren feste Arbeitsplätze zu schaffen.
Das ist die oberflächliche Betrachtungsweise des Problems. Es ist nicht eine dunkle Vorahnung, dass das Geld veruntreut wird, es ist eine allgemein akzeptierte Tatsache. Warum sollte das Establishment in diesem Fall auch mal eine Ausnahme machen, nach Ökosteuer, LKW-Maut, Tabaksteuer? Etwa deshalb, weil dieses Mal der Terror nur auf Landesebene geschieht?

Auf den Gedanken der tiefergehenden Probleme brachte mich ein paranoides Wrack in meinem Bekanntenkreis. "Unwissenheit bedeutet Stärke", zitierte er Orwell, und schnorrte sich eine meiner Kippen. "Und? Das wissen wir schon seit Futurama," antwortete ich mürrisch. Ich hatte schon zu viel über die Sache nachgedacht, und schien mich dennoch immer mehr im Kreis zu drehen. "Weißt du, was ein Cyberpunk ist?" fragte er, grinsend. Ich nickte, murmelte etwas über die Matrixfilme und geplatzte Erwartungen. Er ging nicht darauf ein, sondern begann mit einem Monolog, dessen Inhalt in etwa so geklungen haben könnte:

Laut den internationalen Menschenrechten hat jeder Mensch das Recht auf Bildung - auf Hochschulebene zwar auch gegen Bezahlung, aber stets innerhalb seiner finanziellen und sozialen Möglichkeiten - wie etwa die Semesterbeiträge, die jetzt schon bezahlt werden müssen. Nun muss man aber sehen, dass solch liberaler Schwachsinn wie Menschenrechte ganz und gar nicht in das Bild des neuen Jahrtausends zu passen scheint. Die westliche Welt erlebte nach 9/11 den stärksten Rechtsruck seit dem Reichtagsbrand, und die Geschehnisse der letzten 5 Jahre haben mehr als deutlich gezeigt, in welche Richtung unsere Zukunft schliddert. Konzerne, Großaktionäre und Lobbyisten sind die Präsidenten, Kanzler und Minister des neuen Jahrtausends.

"Okay", sagte ich, "ich versteh zwar, worauf du hinaus willst, aber was hat das mit der Story zu tun?" Er drückte die Kippe aus, trank sein Glas leer und setzte wieder an: "Bildung ist Macht. Schalte dein Internet an! Was glaubst du, warum die halbe juristische Welt sich nur mit Urheberrechten beschäftigt? Wissen und Informationen sind bares Geld wert, und daher wird es Schritt für Schritt unter Kontrolle gebracht. Erst das Internet, mit Denunzianten und von Konzernen bezahlten Hackern. Jetzt die Universitäten. Das Fernsehen kannst du schon lange abschreiben. Sieh dir an, was aus der Wikipedia geworden ist. Das Projekt hatte seinen Höhepunkt, als jeder Mensch sein Wissen beitragen konnte. Jetzt wird sie so lange von irgendwelchen Kontrollfreaks verwässert, bis man sich doch wieder ein richtiges Lexikon kaufen muss."
Das verstand er unter "Cyberpunk". Für ihn hat der Begriff nichts mit irgendwelchen Implantaten oder Laserkanonen zu tun, er steht einfach nur für den Kampf der Unterschicht um Wissen. "Es ist so, als würde die menschliche Psyche seit 2001 nach dem Prinzip funktionieren 'der Feind meines Feindes ist auch mein Feind'. Ihr ewig-gestrigen Studenten habt lange genug umsonst Wissen bekommen."

Der Fall Hessen ist unter diesem Gesichtspunkt eine besonders zynische Angelegenheit, da die dortige Landesverfassung explizit einen unentgeltlichen Unterricht an allen Schulformen vorschreibt - ein Relikt aus der Gründungszeit der BRD, mit dem Hintergedanken formuliert, nie wieder durch allgemeine Unwissenheit ein System wie den Nationalsozialismus zu ermöglichen.


[3] Der Platz des himmlichen Friedens // Nurse Lisa // Kaffee und Kuchen

"Eine gute Bildung ist für die Jugend ein Zuchtmittel, für das Alter ein Trost, für den Armen Reichtum und für den Reichen ein Schmuck."
- Diogenes

Das Geschwätz über Wissen & Macht hatte seine Wirkung auf mich nicht verfehlt. Wenn man an die Geschichte unter dem Gesichtspunkt herangeht, dass die Gebühren nicht zur Finanzierung von etwas dienen, sondern zur Aussperrung der Unterklasse vom allgemeinen Hochschul- und Forschungsbetrieb (zumal noch in unionsregierten Ländern), dann fühlt man vielleicht an die Ereignisse auf dem Tian'anmen-Platz erinnert. Wir haben es hier nicht mit einer klassischen Studentenbewegung zu tun, die auf einen Kulturwechsel aus ist oder auf eine Stärkung der eigenen Position - diese jungen Menschen auf der Marburger Stadtautobahn kämpfen nur um die Beibehaltung des Status Quo.

Und sie tun das mit guten Argumenten und nicht ohne einen gewissen Charme. Auf einem Flyer, den ich vor einigen Wochen im Internet fand, wurde ein saarländischer Bildungsminister zitiert mit den Worten "Es kann ja wohl nicht angehen, dass eine Krankenschwester ihrem Chefarzt mit ihren Steuern die Ausbildung finanziert, und darum brauche man Studiengebühren!" - nur entgegnete der Autor des Flyers, dass dieser Schuss aus der Hüfte auch dafür sorge, dass die Kinder der Krankenschwester es nie mal zum Chefarzt bringen könnten.

Aber das war alles nur Rhetorik, zynisches Geschwätz zwischen Bürokraten und den redegewandteren Mitgliedern der Gegenkultur. In Hessen ging man weitaus tatkräftiger an die Sache ran: Erst die Autobahnen, dann die Innenstädte. Schließlich wurden Rektorate und Verwaltungsgebäude besetzt; Politikern wurde Hausverbot an den Hochschulen erteilt; mit kostenlosem Kaffee und Kuchen machte man Werbung für die eigene Sache bei der Bevölkerung. Obwohl es keine Kekse braucht, um Eltern davon zu überzeugen, für die Zukunft ihrer heute vielleicht noch jungen Kinder zu kämpfen - und sei es nur durch wohlwollende Neutralität gegenüber den Straßenblockaden.


[4] Aktion Wolff Marburg // Die Macht afrikanischer Fußballfans

"Ein Politiker, den man nicht versteht, gilt immer als gebildet."
- Markus M. Ronner

Erste Anzeichen dafür, dass der Protest von Erfolg gekrönt sein könnte, wurden bezeichnenderweise von RTL öffentlich gemacht: Bei einer mehrstündigen Demonstration im Rahmen einer "öffentlichen Informationsveranstaltung zum Thema Bildung" (von der CDU für die CDU) schafften es die lauten, aber friedlichen Prostetler, den anwesenden Christdemokraten Visionen des eigenen, qualvollen Todes auf improvisierten Schafotten einzuflößen.

Die Studenten taten eigentlich nichts anderes, als friedlich um das Gebäude herum zu stehen und den eigenen Frust mit lauten Parolen zu artikulieren, aber auf die Regierenden machte das ein ganz anderes Bild: Diese Typen da unten... dieses langhaarige, chaotische, besoffene und wahrscheinlich sogar drogensüchtige Geschmeiß war da, um sie zu holen, soviel war klar. Warum auch nicht? Ohne lebende Unionspolitiker gäbe es keine Änderung der Verfassung. Die Täter würden sofort wieder im dichten Gedränge untertauchen, die Waffen würden wie bei italienischen Touristenneppern schnell von einer Hand zur nächsten weitergereicht werden, so dass die Polizei keine Beweismittel vorfinden würde. Die tödlichen Schüsse könnten jederzeit fallen, das war allen Anwesenden klar - oder vielleicht auch nicht? Vielleicht hatte man irgendeinen Hausmeister bestochen, um eine kleine, aber feine Napalmbombe im Sitzungssaal unterzubringen. Jeder Lichtschalter könnte ein potentieller Auslöser sein - zumal Marburgs Chemiefakultät einen erstklassigen Ruf hat. Jeder angehende Diplomchemiker weiß, wie man sich in bester MacGyver-Manier tödliche Massenvernichtungswaffen herstellt.

Solche Gedanken müssen in den Köpfen der anwesenden Politiker geherrscht haben, nachweißbar auf jeden Fall bei Frau Karin Wolff, Bildungsministerin des Freistaates Hessen. Für sie war klar, dass sie dieses Gebäude nicht lebend verlassen würde - oder höchstens schwer verletzt. Die Studenten vor den Toren benahmen sich wie "afrikanische Fußballfans", wie es der Junge Unions-Sprecher Philipp Stompfe, selber Student, etwas unglücklich formulierte - und in Wolffs Kopf kamen sicher Bilder hoch von Straßenschlachten und Bürgerkriegen vom Format eines Hollywood-Blockbusters.

So leicht würde sie ihr Leben nicht aufs Spiel setzen, beschloss sie, und tüftelte einen genialen Plan aus: Erst würde sie sich in dem Gebäude verschanzen, um dann in einem günstigen Moment in einer Polizeiuniform zu flüchten - eskortiert und abgesichert aus allen Richtungen.
Und so kam es dann auch, nur flüchtete sie so nicht ins Schussfeld eines Revolvers, sondern in das einer RTL-Fernsehkamera. Die Demonstranten müssen sich vorgekommen sein wie dieser Fünftklässler, der seine Lehrerin einmal ohrfeigte - und ihr dabei 5 Knochen brach.

Die Schande war perfekt, und ohne es zu wollen, hatte Wolff den Protestierenden das größte Geschenk gemacht, zu dem sie fähig gewesen wäre: Sie erniedrigte sich in aller Öffentlichkeit aus Angst vor einer Reaktion, die außer ihr keiner erwartete, und kräftigte damit den lange verloren geglaubten Gedanke, dass ein Volk nicht Angst vor seiner Regierung haben dürfe, sondern umgekehrt.
Der JU-Vorsitzende Stompfe flehte später vor laufenden Kameras, sein Geschwätz über afrikanische Fußballfans doch bitte nicht als rassistisch zu verstehen (als was dann?), entschuldigte sich aber nicht - er habe rein symbolisch gehandelt.


[5] Friede den Hütten - Krieg den Palästen & ein Spiel, das länger als 90 Minuten dauert

"Ja, ich rannte also aus der Stadt raus. Die verfolgten mich mit Fackeln bis hoch zum Schloss von Aberdeen, wie Frankensteins Monster. Ich konnte dann mit einem Heißluftballon flüchten. So kam ich hier nach Seattle." - Kurt Cobain

Seit der französischen Revolution hat man auf dem europäischen Kontinent nicht mehr solch eine wunderschöne Feigheit der Regierenden gegenüber dem Volk beobachten können - Ludwig XVI. hätte es nicht besser vermasseln können als Wolff.
Wobei es sich lohnt, den Begriff "französische Revolution" in einem Artikel wie diesem so oft wie möglich einzusetzen, alleine schon um die einschüchternde Wirkung bei nicht studierenden Lesern zu erhöhen. Französische Revolution. Französische Revolution. Französische Revolution. Ja Sir, schauen Sie denn keine Nachrichten? In Frankreich brennen Autos - die teuren Autos - und Steine fliegen auf Polizisten. Und jetzt auch noch Marburg? Diese schöne, oft in Nebel gehüllte Stadt an der Lahn... Und dieses Mal scheint es nicht einmal einen Schuldigen zu geben ... diese Aufstände werden nicht von Kommunisten oder Anarchisten angestachelt, sondern von cleveren jungen Menschen, die gelernt haben, die Zeichen der Zeit zu deuten - und dieses Wissen für sich einzusetzen.

Es lohnt sich, an dieser Stelle auch auf den Marburger Bund hinzuweisen, jene mysteriöse Ärzte-Organisation, die seit Anfang des Jahres massiv für Gerechtigkeit im medizinischen Sektor kämpft - und nicht etwa für mehr Gerechtigkeit. Diese Organisation hat auch so ihre Probleme damit, den Regierenden verständlich zu machen, warum ein Halbgott in Weiß nicht 72 Stunden am Stück wach sein sollte, oder warum manche Menschen auch mal gerne so etwas wie eine realistische Bezahlung bekommen würden für ihre Dienste.

Die Studentenbewegung, der Marburger Bund (den ich an dieser Stelle nur stellvertretend für all die Lebensretter dieses Landes nenne) und alle anderen solidarisierten Parteien, Gewerkschaften, Gruppen und Bürger haben ein Ass im Ärmel, ein Großereignis, die Mutter aller Hypes: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Von Satirikern ermöglicht, von Politikern ausgenutzt, von Konzernen zur Profitsteigerung auserkoren - und von der ganzen Welt beobachtet. Wäre ich Fußballfan, dann würde ich darin etwas positives sehen (Ja was eigentlich? Freude am Spiel? Ballkunst in Vollendung? Survival of the Fittest?), aber ich bin, nach wie vor, ein Student, der so tut als wäre er Journalist, und so fiebere ich eher den abgründigeren Szenarien entgegen: Knapp vereitelte Anschläge auf Fußballstadien, von Protestierenden verstopfte Straßen zu den Veranstaltungsorten - und das totale Versagen der Regierung, die aller Welt erklären muss, warum kaum Ärzte da waren, als man sie am dringendsten brauchte.

Die Szenarien, die man sich da ausmalen kann, scheinen beide Seiten beflügelt zu haben: Die Studenten & Ärzte gaben bereits bekannt, dass die Traumspiele in Hessen (u.a. mit England, Argentinien, Holland und Portugal) definitiv zum Protest genutzt werden würden - und die Exekutive reagiert entsprechend. Es vergeht mittlerweile fast kein Tag mehr, an dem hier keine Berichte von gezielten Einschüchterungsmaßnahmen eingehen. Studenten werden bei Kundgebungen wahllos und unbegründet festgenommen oder mit Schlagstöcken verprügelt und über dem Marburger Studentendorf werden immer wieder tief fliegende Polizeihubschrauber gesichtet. Die Botschaft, die dahinter steckt ist klar: Wir werden das Gesetz durchbringen, koste es was es wolle.
So witterten auch manche, dass der lange Arm des Gesetzes nicht ganz untätig war, als am ersten Spielwochenende der Marburger Uni-Server "ausfiel", was - oh Wunder oh Wunder - natürlich der revolutionären Logistik einen schweren Schlag in die Magengrube verpasste.


[6] Aktion Mutante // Viele offene Fragen // Die CDU zum Thema Herpes

"Eine Gesinnung, die sich des Rechten bewusst ist, lacht über die Lügen des Gerüchts."
- Ovid

Womit wir in der Gegenwart angekommen wären. Die selbstgesetzte Deadline Donnerstag, 15.06.2006 rückt bedrohlich nahe, und diese Story verzweigt sich immer weiter zu einer Art postmodernem Italo-Western, voller Anspielungen auf andere Genres und mit einer bedrohlich hohen Zahl an Statisten. Das ursprüngliche Konzept habe ich schon vor Tagen weggeworfen - alleine der Gedanke, diese Situation lehrbuchgemäß zu beschreiben widerstrebt einem - solange man doch auch genauso gut zu der Alternative greifen kann, nach dem Schrotflintenprinzip vorzugehen. Ja, baller alles raus, was du finden kannst, und hoffe, dass etwas richtiges getroffen wird. Und wer will mich aufhalten? Vor beinahe zwei Wochen habe ich versucht, mit einigen der Rädelsführer in Verbindung zu treten. Nur ein paar Fragen? Ein Statement? Ein Gerücht? Irgendwas? Bitte!

Aber nein, keiner hatte Zeit. Irgendwann war ich so frustriert darüber, dass ich nach anderen Leuten Ausschau hielt... jemand von der Basis, die Stimme des kleinen Mannes – auch wenn die Vorstellung, stattdessen der CDU Hessen eine Bitte um Stellungnahme zu Themen wie Herpes, Studiengebühren und drohendem Faschismus zukommen zu lassen, auch einen gewissen Reizes hatte. Okay, ich würde zwar binnen Sekunden auf die schwarzen Listen jedes staatlichen Kontrollorgans gesetzt werden, vom BKA über Grenzschutz, Verfassungsschutz und den Pfadfindern bis zu den paar noch lebenden SS-Schergen in Argentinien.

Ich wählte, wie gesagt, den Mittelweg des kleinen Mannes, und vereinbarte mit meinem Kontaktmann, dass er einen befreundeten Drogendealer und/oder Kiffer (die Grenzen sind fließend) mit verruchten Substanzen voll stopfen & ihn dann vor den PC setzen soll, alles vorbereitet für ein Frage-Antwort-Spiel der digitalen Art. Ich überlegte, welche Fragen ich stellen könnte, aber am einleuchtendsten klang immer noch "Wie läuft das Geschäft?", gefolgt von "Stimmt diese Story über die angeblichen Polizeihubschrauber?" und dann später, nachdem er sich warm geredet hat, "Was sind die abgefahreneren Gerüchte, die du im Moment so aufschnappst?" Was die vielleicht beste Frage gewesen wäre, die man einem Kiffer unter solchen Umständen stellen kann. Kiffer neigen dazu, einfache Dinge auf humorvoll-verquere Weise wiederzugeben, was (a) gut ist um Platz auf weißem Papier zu füllen und (b) unweigerlich den Geist der ’68er beschwören würde. Wie nennt man das in der Politik? Stallgeruch?

Aber zu dem Interview kam es auch nicht, aus Gründen, die ich nur ahnen kann. Die Situation in Hessen scheint im Moment ähnlich verwirrt, überreizt und von ausuferndem Wahnsinn geprägt zu sein wie die letzten Tage im Berliner Führerbunker - ohne das wertend zu meinen. Ich begehe nicht die selben Fehler wie Stompfe, nein, ich begehe neue.
Wobei es wirklich immer schwieriger wird, den Überblick zu bewahren, wenn einem Geschichten erzählt werden, wonach zum Beispiel Michael Gorbatschow sich öffentlich mit den hessischen Studenten solidarisiert haben soll (die anderen vier journalischen W’s schenke ich mir, mit Bitte um Verständnis & Mitleid) - oder dieses Geschwätz, dass die Vita des hessischen Wissenschaftsministers Udo Cort ein paar Jahre als Müllmann beinhalten würde.


[7] Die Gummibärenbande // Die Rache der "Lisa 1" // [Situation nachgestellt]

"Alle Einsatzkräfte sind gehalten, in unverfänglichen Situationen jederzeit Kontaktbrücken zu schaffen."
- Polizeiführer Stelzenbach (06.06.06)

"Die Welt" zitiert in einem erfreulich unobjektiven Artikel den Frankfurter Polizeipräsidenten Armin Thiel mit den Worten "die Zeit der langen Leine" für die Studenten sei nun endlich vorbei - und es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was er damit meint.
Wobei der Polizei mal wieder die undankbarste Rolle in diesem Lustspiel zukommt: Als lebendes Schutzschild die von der Politik verantwortungslos aufgestachelten Massen aufzuhalten, koste es was es wolle. Dass aber nicht jeder Polizist ein schlagstockschwingender Nazi mit Oberlippenbart und Stammtischethik ist, fällt dabei völlig unter den Tisch - die Würfel sind gefallen. Es ist Sommer; starke Hitze und hohe Ozonwerte haben noch nie ihre Wirkung auf wütende, siegessichere Menschenmengen verfehlt. Es scheint zwar niemand zugeben zu wollen, aber beide Seiten sehnen sich nach Märtyrern.

Was ja auch mehr oder weniger wahr ist. Aber leben wir wirklich noch Ende der 60er? Oder balgen sich die Studenten dieses Jahrtausends mit einer neuen Polizeimentalität? Vor einer Woche hätte ich auf solche ketzerischen Fragen noch "Fuck, nein!" geantwortet. Polizisten sind, waren und werden auch immer Lakaien des Teufels sein. Bis mir jemand eine eMail voll erheiternder Hintergrundberichte lieferte. Er sprach von den marburger Gummibären (Polizisten) wie von Saufkumpanen. "Die sind hier in Marburg tendentiell auf unserer Seite," sagte er. Und das sind die Friseusen sicher auch. Aber er hatte noch eine Pointe: "Nicht nur, dass viele von ihnen brav die Petition für den Landtag unterschrieben haben und man sich dann nach Ende der Aktionen nett Gutnacht sagt und sich versichert, dass man sich ja auf den nächsten Polizeifestspielen wieder sieht, nein, bei der Unterschriftensammlung ist uns gleich noch der Einsatzbefehl der Polizei für die letzte Mittwochsdemo in die Hände gefallen."
Und in der Tat, den hatten sie, sogar online. "[P]rotest[- und] gewaltbereite Gruppierungen des linken Spektrums" und "studentisches Klientel" (zum Teil namentlich genannt) soll demnach durch "polizeiliche Maßnahmen [...] Grenzen aufgzeigt" und "bei potenziellen Störern [...] gezielt, offensiv und deeskalierend Gefährederansprachen" durchgeführt werden.

Wie war die Demo heute? Hattet ihr Trouble mit den Grünen? Nein... sie waren in Ordnung wie immer. Ich weiß... ich hätte nichts trinken sollen... aber irgendwann hatte ich mir in den Kopf gesetzt, Roland Koch mit seinen eigenen Schuhen totzuprügeln. Großer Gott! Und dann? Wurdest du festgenommen? Nein... die Grünen blieben ruhig. Noch ehe ich ihm den Schuh ganz ausgezogen hatte, nahm mich einer beiseite - ein etwas älterer, irgendwie ... ja ... väterlicher Typ. Und dann? Hat er dich zusammengeschlagen? Nein, er blieb ganz ruhig. Und dann hielt er mir eine gezielte, offensive und irgendwie deeskalierende Gefährderansprache. Und ich muss sagen: Er hat mich echt überzeugt. Ich hab mich sogar bei Koch entschuldigt.

Wir leben in einer schönen neuen Welt, in der Polizisten wirklich väterliche Kumpeltypen sind - wie Hirten, die ihre kleinen, verwirrten, kriminellen, schwarzen Schäfchen wieder zur Herde zurückführen. Das sind die wahre Staatsdiener - sie befolgen die Befehle von oben und respektieren die Wünsche von unten. Kassieren bei den Reichen und kooperieren mit den Armen.
"Naja, bis auf die jungen Polizisten," schrieb der Autor der oben erwähnten Mail. "Die stehen mehr auf Pfefferspray und Kampfhunde."

Und selbst über die kann man sich zumindestens noch beschweren. Zum Beispiel bei Polizeiführer Stelzenbach (Codename "Lisa 1"), dem Bereitschaftsrichter Herr Schauß oder bei der Bereitschaftsstaatsanwältin Frau Vockert - für alle werden in dem durchgesickerten Bericht Telefon- und Handynummern angegeben.


[8] Düstere Visionen // Abschlussbetrachtungen // Der Untergang des Abendlandes

Jetzt, nachdem ich mich zwei Wochen aus der Distanz mit der Problematik beschäftigt habe, füllen sich meine Träume immer öfter mit apokalyptischen Bildern...
Sämtliche Beteiligte haben Benzin ins Feuer gegossen, und wenn die blutverschmierten, leblosen Körper irgendwann von den Straßenschlachtfeldern getragen werden, wenn der letzte Molotov-Cocktail geworfen ist und das letzte Protestbanner wie ein zerrissenes Segel im Wind baumelt, dann wird die Zeit der großen Schuldzuschiebung kommen.
Jeder wird sein Fett weg bekommen: Die CDU, die sich schon seit Jahren systematisch von der Realität verabschiedet, wird ihr Gesetz vielleicht durchbringen. Die Studenten, deren Ziele friedlich und verdammt richtig, aber naiv waren, werden die Zahlung vielleicht boykottieren. Die SPD, die sich insgesamt betrachtet in der Sache zu zögerlich verhalten hat (und nach Wowereits Eigentor, dass Studiengebühren doch eigentlich eine schöne Sache wären, auch höchst unglaubwürdig da steht) wird vielleicht die nächste Wahl gewinnen - zumindest kann sie auf einen etwas stärkeren Zulauf bei Jugendlichen und Erstwählern hoffen, was aber auch kein großer Sieg darstellt, glaubt man den Statistiken, die Roland Kochs Beliebtheit bei Jugendlichen knapp unterhalb der von Herpes sehen. Dennoch werden die Studiengebühren, sollte die CDU damit durchkommen, in den ersten 100 Tagen einer zukünftigen SPD-Regierung Hessens wieder abgeschafft werden – so zumindest das vollmundiges Versprechen.

Der große Gewinner der Sache, wenn überhaupt, wird der Staatshaushalt sein - und damit auch dessen hässlicher, entstellter Abkömmling, die Bürokratie. Die Polizisten werden auch gewinnen, nämlich gut bezahlte Überstunden - 8 Millionen Euro soll man trotz leerer Kassen alleine dafür eingeplant haben. Vielleicht springt auch für Gorbatschow bei der ganzen Sache noch etwas raus - warum nicht? Die Deutschen lieben ihn, sein Muttermal macht ihn einmalig, und er hat schon einmal gezeigt, wie man mit seinem berühmten Regentanz Tauwetter einleiten kann. Karin Wolff wird bald arbeitslos sein, oder nach Berlin weggelobt, um ihre Botschaft und ihr Verkleidungstalent der ganzen Republik nahe zu bringen - eine gut bezahlte Stelle wäre für den alten Knaben aus Mütterchen Russland also frei.

Aber die Bildung? Sie hat schon mehr gelitten als viele andere einst so großartigen Aspekte unserer Nation. Ihr Ruf ist schlecht; und wenn man den Medien glauben schenken will, dann verwandelt sich jedes menschliche Wesen, dass sich längere Zeit mit deutschen Schulen beschäftigt in einen faulen, selbstgerechten Lehrer oder einen unmoralischen, verdorbenen und hoffnungslosen Schüler.
Aber wir haben, nach wie vor, etwas vorzuweisen. Wir haben nach wie vor die Pflicht, für unsere Freiheit einzutreten. Freiheit der Bildung ist nicht nur ein Stützpfeiler der Demokratie, sie ist auch das Rückgrad unserer gesamten Zivilisation. Kennedy brachte es auf den Punkt als er sagte "Es gibt nur eine Sache auf der Welt die teurer ist als Bildung: Keine Bildung", und in meiner Vorstellung nickt er dabei düster. (hes)
* Zeichnungen von Tina Sasse
 
Comments:
ganz ganz stark
 
verdammt guter artikel aber
ich fühl mich trotzdem immernoch mehr zu henrys schreibe auf seinem blog hingezogen..
 
Super weiter so!
 
Super! Echt klasse gemacht ! Weiter so
 
...Sau Geil...schade ,dass nur so eine kleine Menge an Publikum einen Tropfen deines künstlerischen Ejakulates abbekommen...mhmm...trauriges Schicksaal, aber man kann sich ja auch minimalistisch freuen...selbst wenns nur 10 Leute lesen...





Außerdem hat uns "Bruce" oder sollte ich sagen "anonymus" ganz schön genazt...siehe Uhrzeit...




mach ma weiter...so oder so ähnlich aber bitte genau so gut....
 
Drugs are just bad, you should try to use Herbal Alternatives as a temporary replacement to loose the dependance!
 
Habe am Wochenende zusammen mit Marburgern Cousinenhochzeit gefeiert. War irritiert, wie zurückhaltend und tanzscheu die Marburger Seite der nun heiratlich verbundenen Familien war. Aber sie mögen Digitalkameras. :)
 
best regards, nice info » »
 
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