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6.02.2006
  Schwedisch für Schwaben
In Augsburg zu Schwaben ist die Welt schön, heil und vor allem bierselig. Nüchtern betrachtet ist es eine häßliche Industriestadt, die zufällig 2000 Jahre Geschichte aufzuweisen hat. Aber man muss ja nicht unbedingt nüchtern sein...
„Ist dir eigentlich jemals aufgefallen, dass 'Dancing Queen' von ABBA ein Lied über Sexualverbrechen ist?” Gut, ich hatte bereits vier Tequila in mir, die ich mir beim Karaoke-Contest in einem Augsburger Irish Pub mit einer absolut grenzwertigen Interpretation von „Right said, Fred – I'm too sexy“ verdient hatte; so besehen kam eine Entwicklung des Gesprächs in diese Richtung nicht ganz unerwartet. Was hätte man auch anderes erwarten sollen... in Augsburg, Stadt meiner Väter, von Mozart Senior, der Fugger, Brecht und unzähligen gigantischen Dieselmotoren aus dem Hause MAN.
Eine mehr als 2000 Jahre alte Siedlung, zerfressen von Industrie und CSU-Plakaten. Wo man mehr Russisch als Türkisch auf den Straßen hört und wo die linke studentische Elite an sonnigen Donnerstag Nachmittagen gepierct und mit schwarz geschminkten Augen im Biergarten einmütig neben EX-SS-Sturmführern aus dem Chiemgau hockt und eine Radler-Maß zu den Klängen der Alt-Allgäuer-Heartbreaker-Buam säuft.
Augsburg ist eine Stadt, die so belanglos ist, dass einem angesichts der Geschichte die Tränen kommen könnten. Augusta Vindelicorum, freie Reichsstadt, auf dem Reichstag zu Augsburg wurde 1530 das Impressum beschlossen. 476 Jahre Pressezensur. Das ist doch was. Die Fugger haben sich ganze Monarchien gekauft. Das Bert Brecht Gymnasium kündet vom großen literarischen Sohn der Stadt; allerdings erst seit 1992, als die Roten an die Macht kamen.
„Früher war Augsburg eine wunderschöne Stadt“, pflegt mein Großvater in solchen Situationen immer gerne in seinen Bart zu nuscheln. „Aber die scheiß Tommies haben ja nix übrig gelassen. Der Ami, der hat wenigstens noch am Tag bombardiert und nur auf die Industrie. Das war schon recht so, aber die Tommies...“ An dieser Stelle folgt in der Regel die Geschichte, wie er es im Frühjahr 44 einmal nicht in den Keller geschafft hat, bei einem Angriff der Briten. In seiner Verzweiflung hat er sich während des Angriffs auf ein schweres Ledersofa gelegt, dass vor einem zerbombten Haus stand. Das Sofa wurde von den Druckwellen der Bomben zwei Meter hoch durch die Luft geschleudert und mein Großvater hatte solche Angst, dass er in diesen Minuten den Lederbezug des Sofas mehr als einmal durchgebissen hat. Dann erzählt mein Opa (Jahrgang 1930) stolz, wie er sich 45 in den letzten Tagen vor dem Ende, in den Trümmern von Augsburg vor der SS versteckt hat, damit die Volkssturm-Wichser ihn nicht einziehen können. Historisch gesehen hat sich meine Familie nichts vorzuwerfen. Ich bin ein unbefleckter Deutscher. Sogar in Augsburg. A propos unbefleckt:
„Ähm...'Dancing Queen' von ABBA ist ein Lied über WAS?!“
„Ein Lied über einen Sexualverbrecher, der eine 17-jährige vergewaltigt, tötet und vergräbt. Pass auf: 'Dancing Queen, only seventeen'. Wir haben es also mit einer Minderjährigen zu tun. 'Dancing Queen, feel the beat of the Tambourine'. Das ist eine Reminseszenz an die männliche Potenz, die sich vom Tanz des Mädchens in Wallung bringen lässt. Und dann passiert folgendes...“ Ich versuche krampfhaft in diesem Karaoke-verseuchten Irish-Pub in der Augsburger Innenstadt die Kellnerin auf mich aufmerksam zu machen. Was gar nicht so einfach ist, denn gerade gibt Giacomo auf der Bühne lautstark seine Interpretation eines Ramazotti-Klassikers zum Besten. Ich kämpfe kurz gegen das Gefühl an, eine Schlägerei anzuzetteln. Augsburg. Herrje, diese Stadt fördert wahrhaftig das grusligste im Menschen zu Tage. Alkexzesse, ABBA-Verschwörungstheorien, Ramazotti. Ich weiß gar nicht was schlimmer ist: Der ABBA-Interpreter vor mir, Giacomo hinter mir oder die Tatsache, dass der Tequila alle ist. Augsburg – nüchtern betrachtet – ist wohl einer der langweiligsten Flecken, den man sich vorstellen kann. Das ist auch Grund, warum ich Augsburg nie nüchtern betrachte.
Tja, und nach dem Krieg kamen die Amis nach Augsburg. Zwei Generationen von Schwarzen und White-Trash bereiteten sich in ihren Kasernen darauf vor von sowjetischer Artillerie zerfetzt zu werden. Heute sind die Kasernen Sozialwohnungen, in denen vorwiegend Russland-Deutsche hausen. Eine dieser kleinen Ironien, die Geschichte bereithält.
„Und jetzt kommt der Hammer!...Hey, hörst du mir überhaupt zu?“ Ich nicke und halte nach der Kellnerin ausschau, wie ein Beduine nach einer Oase. „See the girl, watch the scene, dig in the Dancing Queen. Das ist doch der Hammer, oder?“ Für einen kurzen Moment will ich widersprechen, will mich in einen intellektuellen Disput über Textinterpretation und Klinikeinweisungen einlassen. Vergrab die Tanzkönigin. Ich bin in Augsburg und der Tequila ist alle.(raf)
 
Comments:
sehr schön, herr kollege. ein echtes aufblitzen, très joli.

grüß

fozle
 
Hui. Ich mags.
 
2 jahre in A und ich weiß es ist noch schlimmer danke
 
Ja, das beschreibt meine Geburtsstadt sehr trefflich.

Grüße
 
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