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8.15.2006
  Chapati und ein Gin
Indien hat zwei gravierende Mängel: Erstens findet man außerhalb Bombays kaum ein internetcafe, das auch wirklich funktioniert. Zweitens, und das ist viel schlimmer, muss man mit dem Flugzeug dort hin fliegen.
Du dreckige, verpisste Flugangst. Hast du mich wiedereinmal erwischt. Ich versuche auf den doppelten Espresso und die drei Mini-Asbach Uralt zu starren, um meinen Gedanken nicht zu erlauben schweifen zu gehen. Dummerweise herrscht in meinem Kopf auch unter den Bedingungen erhöhten Alkoholgenusses Freedom of Thought. Besonders was meine Gedanken angeht.
Meine Gedanken denken – völlig unabhängig von meinem Bewusstsein. Auch der dritte Asbach kann sie nicht niederhalten. Dabei ist es erst 7 Uhr morgens. Ich habe die letzten 72 Stunden nicht geschlafen. Habe mich nur mit Coffein und Effedrin über Wasser gehalten. Müdigkeit dämpft die Angst. Auch die vor dem Fliegen.
„Irgendwann bist Du so müde, dass dir sogar egal ist, wenn der Flieger nur mit einem Triebwerk fliegt, während die anderen alle brennen“, hatte C. gemeint. C. ist Philosophiestudent und Hobby-Therapeuth. „Raf, ich sag dir eins: Von deinen permanenten Angstzuständen kannst du dich nur runterrauchen. Du musst die Droge gebrauchen, und nicht die Droge dich gebrauchen lassen“, schulmeistert er mit erhobenem Zeigefinger. Dann setzt er sich meistens einen Schuss und sinkt sabbernd in sich zusammen. So, als hätten sich mit einem Schlag alle Knochen in seinem Körper verflüssigt. Ich sollte nicht auf C. hören. Aber wenn ich high bin klingt das immer ziemlich plausibel.
Es hilft nix... in 20 Minuten geht mein Flug nach Bombay. An der Passkontrolle stehe ich vor Tom. Tom trägt ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift „God is awesome“. Da die Zöllner gerade einen verdächtig indisch aussehenden Inder verhören, nutzt Tom die Gelegenheit zu einem ersten religiösen Annäherungsversuch. „Seit ich Jesus kennen gelernt habe, kann ich solche Situationen viel besser händeln“, meint er mit einem fröhlichen Stabsaugervertretergrinsen, als er meinen entnervten Blick auf die Szenerie wahrnimmt. Auf meine Frage wie viele kleine Jungs er denn mit diesem Spruch schon ins Bett gekriegt hat, scheint er keine Antwort zu wissen. Vielleicht waren es schon zu viele. Ich versenke meine Hände in meinem Trenchcoat und suche nach meinem Pass.
Viel verdächtiger als jetzt kann ich eigentlich nicht aussehen: Abegriffener Trenchcoat, verschlissene Jeans, graue (ehem. weiße) Sneaker, unrasiert, übernächtigt und betrunken. Die Leibesvisitation ist quasi vorprogrammiert. „Wer hat ihr Gepäck gepackt?“, fragt mich der fette, beflissen aussehende Zollbeamte mit der Nickelbrille und dem säuberlich ausrasierten Haarkranz.
„Äh...ich?“ / „Aha... und wer noch“ / „Öhm... niemand“ Irgendwie erschließt sich mir der Sinn dieser Befragung nicht.
„Wenn sie hier patzig werden, können sie Ihren Flug gleich vergessen.“/ „Ich bin nicht patzig“ / „Also wer hat jetzt Ihren Koffer gepackt“ / „Na ich!“ / „Und wer hat Ihren Koffer zum Flugplatz gebracht?“ / „HÄ??? Na auch ich... sagen Sie: Stimmt etwas mit meinem Koffer nicht?“ / „Denken Sie denn, dass etwas mit Ihrem Koffer nicht stimmt?“ / „Keine Ahnung... ich hoffe doch nicht.“ / „Soso... sie hoffen also... Haben Sie getrunken?“ / „Jepp“ / „Warum habe Sie getrunken?“ / „Flugangst.“ / „Sind sie ein Terrorist?“ / „...!?“ / „Ziehen Sie bitte Ihre Schuhe aus.“ / „Oh... das würd ich Ihnen nicht raten.“ / „Sofort Schuhe ausziehen!“ (ich bemerke, wie er einen Knopf auf seinem Pult mehrmals hektisch drückt, aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie sich zwei Grenzpolizisten mit Maschinenpistolen nähern) / „Okay, Okay ich mein ja bloß, dass ich schon 48 Stunden in diesem Schuhen bin und das Ausziehen jetzt mal ganz olfaktorisch betrachtet ungemütlich wird.“ / „???“ / „olfaktorisch: heißt auf den Gruchsinn bezogen“ / „Aha. Würden sie jetzt BITTE Ihre Schuhe ausziehen?“
Als ich aus meinen Sneaks gleite steigt ein Schwall warme Luft nach oben. Der Gestank ist ohrenbetäubend. Der Grenzpolizist hat schon seine Gummihandschuhe angezogen. Voller Jagdeifer stürzt er sich auf meine Turnschuhe. Er findet ein Preisschild. Deichmann, Reduziert, 5,99€. Ich darf an Bord gehen.
Jeanine macht ein ziemlich mitleidiges Gesicht. Nach ihrem Make-Up zu schließen ist sie auch schon 48 Stunden auf den Beinen. Früher war sie sicher mal ein flotter Feger: Blond, groß, dicker Charakter. Mittlerweile passt sie nicht mehr ganz in ihr Northwest-Airlines-Kostümchen. „Bitte in den linken Gang. Sie haben den Platz am Fenster.“ Ich nicke.
„Und keine Angst: Die 747 ist ein richtig sicheres Flugzeug“, meint sie mit einem sehr professionellen Lächeln. / „Das dachten die in Lockerbie auch.“ Das Lächeln schmlilzt.
„Die Wege des Herrn sind manchmal unverständlich,“ frohlockt Tom, als er feststellt, dass er den Platz gleich neben mir bekommen hat. Ein Wink Gottes. Ich bin froh, dass Tom neben mir sitzt vielleicht lenkt mich der Ärger über Tom von der Angst ab. Aber Tom ist ganz ruhig. Die 747 rollt auf die Startbahn. Ich bestelle einen Whiskey. Keine der Stewardessen nimmt die Bestellung entgegen. Mir wird schlecht. Tom, red doch mit mir! Versuch mich zu bekehren! Tom bleibt ruhig sitzen.
Eine halbe Stunde später hat sich die Szenerie beruhigt. Ich habe 4 Mini-Flaschen Jack Daniels erstanden und bin dementsprechend betäubt. „Sie müssen große Angst vor dem Fliegen haben.“ Tom ist aus seiner Starre erwacht. / „Jepp“ / „Ich hatte früher auch große Flugangst“ / SCHWEIGEN / „Aber seit ich Jesus kennen gelernt habe, da hab ich keine Angst mehr“ / „Glückwunsch“ / „Möchtest Du vielleicht auch einmal Jesus kennen lernen?“ / „ähm... ich glaube nicht.“ / „Aber Jesus könnte dir helfen“ / „Ich hab Jack“ / „Wen?“ / „Jack Daniels.“ / „Wie, den Whiskey?“ / „Jepp.“ / „Und der hilft dir?“ / „Meistens.“ / „Jesus ist aber viel Billiger“ / „Um wieviel?“ / „Jesus ist kostenlos.“ / „Ich hab genug Geld.“ / „Du könntest einen Haufen Geld sparen.“ / „Wozu?“ / „Na, für andere Sachen.“ / „Was für Sachen?“ / „Naja... ich weiß auch nicht.“ / „Siehst du... ich auch nicht.“ Ich stelle mich schlafen.
Als ich aufwache bemerke ich, wie der Flieger langsam tiefer geht. Das Display sagt mir, dass wir nur noch eine halbe Stunde von Bombay entfernt bin. Der Schlaf war alles andere als erholsam. Draußen wird es schon dunkel. Unter uns ziechnen sich die Straßen vom Bombay als kleine Lichterketten ab. Kleine Autos und kleine Busse im Stau. Die meisten Häsuer sind dagegen nur dunkle Schemen. Die 747 zieht eine gewaltige Schleife genau über die Stadt. Die Angst kehrt zurück. Zusammen mit der Vorstellung von einem brennenden Feuerball, der auf die Slums herabregnet. Meine modernistische Sodom-und-Gomorra-Vision würde Tom ganz sicher gefallen.
Tom hat ganz offensichtlich einen fahren lassen. In der ganzen Kabine stinkt es bestialisch nach faulen Eiern und einem weiteren süßlichen aber sonst undefinierbaren Geruch. „Hey Tom, hast du gefurzt?“ Tom sieht mich entgeistert an. „Natürlich nicht.“ / „Was stinkt denn hier so?“ / „Das ist die Außenluft, die über die Klimaanlage angesaugt wird.“ Ich versuche mir auszumalen, wie die Stadt dann erst riecht, wenn man auf Bodenhöhe atmet.
Ich greife nach meiner Notration. Zwei Mini-Flaschen Gordon's dry Gin. Die Stewardessen verteilen Chapati als indisches Willkommensgeschenk. Der Flieger stetzt auf, der Gin ist alle. (raf)
Das ist eine Serie: Hier gehts zu Teil: (2), (3), (4)
, (5)
 
Comments:
Warum fliegst du eigentlich so oft nach Indien? Wegen der Menschenmassen?
 
kann man diese seite jetz eigentlich offiziell als Tod erklären?
 
NEIN
 
Ist Alexander der Große damals auch geflogen? :)

In Kasachstan, Tadschikistan oder Bolivien könnte es sich ähnlich verhalten. Vermutetermaßen... :)
 
N E I N, totenscheine gibts nicht.
 
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