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11.01.2006
  Im Darm des Monsters
Ich tauche ab in Dich, Du hässlicher, stinkender, menschenfressender Schlund. In Deinen Eingeweiden ziehen hunderttausende ihre Bahn. Du verdaust Benzin und in den Wurmfortsätzen Deiner Straßen sammelt sich Deine Scheiße an. 18 Millionen Einzeller bevölkern Dich. Bombay, du Monster...
Ich hatte mir diesen menschheitsverpesteten Moloch schon schlimm vorgestellt. Hatte vorsichtsmaßnahmen getroffen. Aber auf Bombay kannst Du dich nicht vorbereiten, Mann. Wie im Krieg kannst Du dich drillen lassen. In Moskau, Kairo oder Sao Paulo. Aber erst Bombay, der stadtgewordene Ernstfall, zeigt, aus welchem Holz Du geschnitzt bist.
Ich hätte K.'s Angebot - mich mit der Limo vom Flughafen abholen zu lassen - nicht ausschlagen dürfen. Das Taxi mit dem ich mich in den Verkehr stürze, heißt Ambassador, ist deutlich Älter als ich und riecht penetrant nach einer Mischung aus Kotze, Koriander und kalten Räucherstäbchen. Vorsorglich desinfiziere ich mich innerlich mit einem herzhaften Schluck des ätzenden Palm-Fennys, den ich am Flughafen erstanden habe. Als der Ambassador durch eines der zahlreichen Schlaglöcher donnert ist auch eine äußere Desinfekttion gewährleistet. Auf Hallus verzichte ich. Mir reicht die Stadt.
Grinse-Sunjay1 - ich werde im Laufe dieser Reise bis Grinse-Sunjay2729 kommen - ist mein Taxifahrer. Er hat immerhin 3 Zähne, stinkt erbärmlich und spuckt im 10 Sekunden Takt eine rötliche Pampe aus dem Fenster. „Nauwiahprotschingfejmous Mahim-Creek'', ruft er vergnügt und zeigt mit seinen dürren, gliedrigen und vor allem dreckigen Fingern auf einen Fluß. Der Creek ist tatsächlich das erste Highlight meiner Indien-Reise. Seine Ufer gehen praktisch nahtlos in eine Müllkippe über. Direkt an der Wasserlinie hocken dutzende Inder. Ich bestaune die einzigartigen Fähigkeiten dieser Menschen: Sie hocken in einer ganz und gar unmenschlichen Art und Weise und sind offensichtlich immun gegen jedwede olfaktorischen Reize. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie alle gerade kacken. Ich frage Grinse-Sunjay1, ob er auf sein Land stolz ist, aber Grinse-Sunjay1 ist gerade mit Spucken beschäftigt.
Der zweite Flirt mit der indischen Hochkultur ereignet sich nur zwei Straßenkreuzungen weiter. Als die Ampel auf rot springt und die Blutbahnen der Stadt ein weiteres Mal dem Infarkt erliegen, klopft Grinse-Sunjay2 an mein Fenster. Ich wäre ja an Grinse-Sunjay2's Stelle kein fröhlicher Mensch. Vor allem, weil so ein Honigmelonen großes Geschwür auf dem Bauch einem schon mal den Tag verderben kann. Aber Grinse-Sunjay2 scheint das zu haben, was Amerikaner gerne als „professionel approach" bezeichnen. Als ich ihm ein paar Rupien zustecken will, fährt Grinse-Sunjay1 mit quietschenden Reifen an. Ob er wohl um sein Trinkgeld fürchtet?
Es geht immer tiefer hinein in diesen Moloch. Wir lassen die Slums hinter uns Peddar Road, Kemps Corner. In den guten Wohnvierteln hat das Elend nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Vor dem Reebock Mega Store liegt ein Mann. Keine Ahnung, ob er tot ist oder nur schläft. Zwei junge Inder (Grinse-Sunjay3 und 4), bekleidet mit Jeans, Designerhemd und Mobiltelefon, müssen über den schlaftoten Penner steigen. Sie tun das so selbstverständlich, als würden sie es jeden Tag machen. Auf dem Mittelstreifen der Peddar Road liegt Grinse-Sunjay 5 und schläft. Wie das geht ist mir völlig schleierhaft. Eine falsche Traumbewegung und der Typ wird glatt überfahren. Auf der Überholspur eines liegt eine Kuh und käut genüsslich wieder. Sie hat allerdings keinen Wesentliches Einfluss auf das Verkehrschaos. Chaos hat keinen Komparativ.
Es geht weiter vorbei an den Türmen des Schweigens, wo die Parsen ihre Toten von den Krähen fressen lassen. In einem kleinen Park ragen die schwarzen Türme empor, wie die faulen Zahnstümpfe im Mund von Grinse-Sunjay1. Die Türme werden umflattert von Schaaren von Krähen. Wir quälen uns weiter bis zum Marine-Drive, der einstmals prunkvollen Flaniermeile und dem Sandstrand direkt am Meer. Heute ist der Drive eine 8-spurige Straße und nur Lebensmüde oder Ausschlagfetischisten würden hier baden. Die viktorianischen Hauser sind heruntergekommen, die Fenster vernagelt. Der Smog filtert jede Farbe außer Braun auch der Himmel ist irgendwie braun, obwohl keine einzige Wolke zu sehen ist. In der Bucht vor dem Marine-Drive treibt ein Flugzeugträger (!).
Wir setzen unsere Fahrt weiterfort bis wir an einem großen steinernen Tor landen. Das Gateway of India ist erwartungsgemäß… braun. Und dahinter erhebt sich das - ebenfallls braune aber dennoch legendäre - Taj Mahal Hotel. Eines, wenn nicht das beste Hotel der Welt. Ich bezahle Grinse-Sunjay1, steige aus den Taxi und erschrecke instantan, als der riesige Sigkh am Portal des Hotels die Hacken zusammenschlägt. Ich schwitze, bin dreckig, stinke nach Fenny und bin insgesamt in einem ziemlich unerträglichen Zustand. Ich wuchte meinen Rucksack durch die Tür und betrete eine völlig andere Welt.
Selbst der mächtigste Trip kann diesen Wahrnehmungswechsel nicht verursachen. Das erste was auffällt ist. Stille. Ich kann meinen Atmen hören, kann meine Schuhe hören, wie sie über den dicken handgeknüften Teppichboden schleifev. Ich höre das Plätschern eines Hausspringbrunnens und aus der Ferne leise Geigenmusik, die in der Kuppel über mir widerhallt. K. Hat mich entdeckt und kommt auch mich zu. “Du siehst Scheiße aus.” Ende der Feststellung. “Your usual Gin an Tonic, Sir?” Der Ober war zu leise, als dass ich ihn hätte bemerken können. Ich schrecke zusammen und fahre herum. GrinseSunjay6 hält mir ein Tablett engegen. “Oh… ja…danke!” ich nehme das Glas. Bombay Sephire. Der letzte wahre Gin. Ich bin angekommen. (raf)
Das ist Teil 2 einer Serie... Hier gehts zu Teil (1), (3), (4)
, , (5)
 
Comments:
gefällt mir mal wieder richtig gut. Danke für diesen Ausflug. =)
 
bitte mehr davon !
 
wortakrobat, was möchtest du eingentlich sagen, dass alle inder scheiße sind? warum dann der aufwand?
 
@ anonym... ich empfehle dazu die Diskussion hier
 
@ anonym... ich empfehle dazu die Diskussion hier
 
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