DieWahrheit.eu Gonzojournalismus im Netz
12.05.2006
  Neuer Teil der Indien Serie
Raf's neueste Abenteuer in Dien
 
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  Neues auf der Neuen Wahrheit
Mme. M. äußert sich erstmals als Rookie für die Wahrheit über Sehnsucht, Einsamkeit und ein klebrigens Gefühl zwischen den Beinen.
 
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11.18.2006
  Die Wahrheit ist tot, es lebe die Wahrheit
So, jetzt isses soweit. Wir ziehen weg von blogger.com... wurde auch langsam mal Zeit. Ab sofort ist die Wahrheit über www.diewahrheit.eu zu erreichen. LG Raf
 
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11.01.2006
  Im Darm des Monsters
Ich tauche ab in Dich, Du hässlicher, stinkender, menschenfressender Schlund. In Deinen Eingeweiden ziehen hunderttausende ihre Bahn. Du verdaust Benzin und in den Wurmfortsätzen Deiner Straßen sammelt sich Deine Scheiße an. 18 Millionen Einzeller bevölkern Dich. Bombay, du Monster...
Ich hatte mir diesen menschheitsverpesteten Moloch schon schlimm vorgestellt. Hatte vorsichtsmaßnahmen getroffen. Aber auf Bombay kannst Du dich nicht vorbereiten, Mann. Wie im Krieg kannst Du dich drillen lassen. In Moskau, Kairo oder Sao Paulo. Aber erst Bombay, der stadtgewordene Ernstfall, zeigt, aus welchem Holz Du geschnitzt bist.
Ich hätte K.'s Angebot - mich mit der Limo vom Flughafen abholen zu lassen - nicht ausschlagen dürfen. Das Taxi mit dem ich mich in den Verkehr stürze, heißt Ambassador, ist deutlich Älter als ich und riecht penetrant nach einer Mischung aus Kotze, Koriander und kalten Räucherstäbchen. Vorsorglich desinfiziere ich mich innerlich mit einem herzhaften Schluck des ätzenden Palm-Fennys, den ich am Flughafen erstanden habe. Als der Ambassador durch eines der zahlreichen Schlaglöcher donnert ist auch eine äußere Desinfekttion gewährleistet. Auf Hallus verzichte ich. Mir reicht die Stadt.
Grinse-Sunjay1 - ich werde im Laufe dieser Reise bis Grinse-Sunjay2729 kommen - ist mein Taxifahrer. Er hat immerhin 3 Zähne, stinkt erbärmlich und spuckt im 10 Sekunden Takt eine rötliche Pampe aus dem Fenster. „Nauwiahprotschingfejmous Mahim-Creek'', ruft er vergnügt und zeigt mit seinen dürren, gliedrigen und vor allem dreckigen Fingern auf einen Fluß. Der Creek ist tatsächlich das erste Highlight meiner Indien-Reise. Seine Ufer gehen praktisch nahtlos in eine Müllkippe über. Direkt an der Wasserlinie hocken dutzende Inder. Ich bestaune die einzigartigen Fähigkeiten dieser Menschen: Sie hocken in einer ganz und gar unmenschlichen Art und Weise und sind offensichtlich immun gegen jedwede olfaktorischen Reize. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie alle gerade kacken. Ich frage Grinse-Sunjay1, ob er auf sein Land stolz ist, aber Grinse-Sunjay1 ist gerade mit Spucken beschäftigt.
Der zweite Flirt mit der indischen Hochkultur ereignet sich nur zwei Straßenkreuzungen weiter. Als die Ampel auf rot springt und die Blutbahnen der Stadt ein weiteres Mal dem Infarkt erliegen, klopft Grinse-Sunjay2 an mein Fenster. Ich wäre ja an Grinse-Sunjay2's Stelle kein fröhlicher Mensch. Vor allem, weil so ein Honigmelonen großes Geschwür auf dem Bauch einem schon mal den Tag verderben kann. Aber Grinse-Sunjay2 scheint das zu haben, was Amerikaner gerne als „professionel approach" bezeichnen. Als ich ihm ein paar Rupien zustecken will, fährt Grinse-Sunjay1 mit quietschenden Reifen an. Ob er wohl um sein Trinkgeld fürchtet?
Es geht immer tiefer hinein in diesen Moloch. Wir lassen die Slums hinter uns Peddar Road, Kemps Corner. In den guten Wohnvierteln hat das Elend nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Vor dem Reebock Mega Store liegt ein Mann. Keine Ahnung, ob er tot ist oder nur schläft. Zwei junge Inder (Grinse-Sunjay3 und 4), bekleidet mit Jeans, Designerhemd und Mobiltelefon, müssen über den schlaftoten Penner steigen. Sie tun das so selbstverständlich, als würden sie es jeden Tag machen. Auf dem Mittelstreifen der Peddar Road liegt Grinse-Sunjay 5 und schläft. Wie das geht ist mir völlig schleierhaft. Eine falsche Traumbewegung und der Typ wird glatt überfahren. Auf der Überholspur eines liegt eine Kuh und käut genüsslich wieder. Sie hat allerdings keinen Wesentliches Einfluss auf das Verkehrschaos. Chaos hat keinen Komparativ.
Es geht weiter vorbei an den Türmen des Schweigens, wo die Parsen ihre Toten von den Krähen fressen lassen. In einem kleinen Park ragen die schwarzen Türme empor, wie die faulen Zahnstümpfe im Mund von Grinse-Sunjay1. Die Türme werden umflattert von Schaaren von Krähen. Wir quälen uns weiter bis zum Marine-Drive, der einstmals prunkvollen Flaniermeile und dem Sandstrand direkt am Meer. Heute ist der Drive eine 8-spurige Straße und nur Lebensmüde oder Ausschlagfetischisten würden hier baden. Die viktorianischen Hauser sind heruntergekommen, die Fenster vernagelt. Der Smog filtert jede Farbe außer Braun auch der Himmel ist irgendwie braun, obwohl keine einzige Wolke zu sehen ist. In der Bucht vor dem Marine-Drive treibt ein Flugzeugträger (!).
Wir setzen unsere Fahrt weiterfort bis wir an einem großen steinernen Tor landen. Das Gateway of India ist erwartungsgemäß… braun. Und dahinter erhebt sich das - ebenfallls braune aber dennoch legendäre - Taj Mahal Hotel. Eines, wenn nicht das beste Hotel der Welt. Ich bezahle Grinse-Sunjay1, steige aus den Taxi und erschrecke instantan, als der riesige Sigkh am Portal des Hotels die Hacken zusammenschlägt. Ich schwitze, bin dreckig, stinke nach Fenny und bin insgesamt in einem ziemlich unerträglichen Zustand. Ich wuchte meinen Rucksack durch die Tür und betrete eine völlig andere Welt.
Selbst der mächtigste Trip kann diesen Wahrnehmungswechsel nicht verursachen. Das erste was auffällt ist. Stille. Ich kann meinen Atmen hören, kann meine Schuhe hören, wie sie über den dicken handgeknüften Teppichboden schleifev. Ich höre das Plätschern eines Hausspringbrunnens und aus der Ferne leise Geigenmusik, die in der Kuppel über mir widerhallt. K. Hat mich entdeckt und kommt auch mich zu. “Du siehst Scheiße aus.” Ende der Feststellung. “Your usual Gin an Tonic, Sir?” Der Ober war zu leise, als dass ich ihn hätte bemerken können. Ich schrecke zusammen und fahre herum. GrinseSunjay6 hält mir ein Tablett engegen. “Oh… ja…danke!” ich nehme das Glas. Bombay Sephire. Der letzte wahre Gin. Ich bin angekommen. (raf)
Das ist Teil 2 einer Serie... Hier gehts zu Teil (1), (3), (4)
, , (5)
 
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9.17.2006
  Die Opfer
Statistik ist als Lehre von den Verhältnissen eher lahm angehaucht. Und doch kann sie eine Verstandestugend sein, wenn es darum geht, Verhältnismäßigkeit zu wahren und sich nicht ficken zu lassen…
Zieh ihn raus, Du Idiot! Schreit mich etwas aus meinem Kopf an. Da ich mich auf diese Stimme immer verlassen konnte wenn ich so besoffen war wie jetzt, tue ich es, und spritze ihr auf den Bauch oder was das da unter mir ist. Puh, das war knapp. Es ist schweinekalt. Der nachtschwarze Boden schlägt riesige Wellen als ich mich schwummernd erheben will, und schleudert mich gegen einen Felsen, der mich kurz vor der Brandung meines Rausches beschützt.
Ein unkoordinierter, nachschwappender Rundumblick zeigt nur leicht verhangenen Sternenhimmel. Die eine Drehung ist zu viel für meinen Magen und ich kotze weiche Brocken auf den glattpolierten Stein. Endlich Wärme im Mund. Mit einem Schlag bin ich nüchtern. Ich habe auf einen Grabstein gekotzt. Scheiße, hoffentlich war das kein Jude, sonst ist morgen das SEK hinter mir her. Dann geschieht etwas merkwürdiges. Obwohl ich mich nüchtern und drogenfrei fühle, spüre ich, wie die Inschriften auf den Gräbern mit Sinn befüllt werden. Ich verstehe sie plötzlich, sehe, wer die Leute waren, woran sie gestorben sind. L hatte recht behalten, dieses Zeug war wirklich noch wilder als Meskalin.
Der erste Grabstein, den ich in meiner Vision lesen kann, ist Daniela F. Sie ist eine von den elftausend Menschen, die sich dieses Jahr wie jedes Jahr in Deutschland umbringen. Niemand fragt in den Medien danach, warum es so viele sind, was man tun kann, und kündigt einen Krieg gegen den Suizid und die Verzweiflung an. Warum frage ich mich das? Der Zusammenhang wird später klar, erklärt mir die verlässliche Stimme aus meinem Kopf, nur Geduld, sagt sie. In Gedanken zucke ich die Achseln und lese weiter auf den Grabsteinen, die Inschriften leuchten kristallklar in meinem Kopf, trotz der verschlingenden Finsternis.
Henriette A., wurde nicht mal vierzig, eine von fünfundfünfzigtausend Menschen, die in Deutschland jedes Jahr an einer Sepsis, an Blutvergiftung sterben, unglaublich. Zwei Gräber weiter Paul M., der vor wenigen Jahren wie über sechzigtausend Leidensgenossen allein in diesem Land an der Verabreichung falscher Medikamente starb. Mir wird übel, und ich frage mich ob die besamte Halbnackte im Gras schwer betrunken oder doch schon tot ist.
Meine Überlegung ob ihr Schlitz sich warm oder kalt angefühlt hat wird unterbrochen durch das Grab von Claudia F.. Sie fiel im Jahr 2005 wie etwa zwanzigtausend andere Deutsche der Grippewelle zum Opfer. Gestorben, an einer Grippe, zwanzigtausend. Man denkt doch immer, ne Grippe sei eine bessere Erkältung… wir leben doch im einundzwanzigsten Jahrhundert, oder? Die Namen beginnen auf mich einzustürmen, immer mehr, immer mehr Lebensgeschichten, Zahlen, Zahlen, ein Wirbel aus Statistiken und Fakten, „fünftausend Ehrenmorde weltweit jedes Jahr!“ dröhnt eine Zahl, sechsundzwanzigtaiusend Landminenopfer, sechzig Kriege gleichzeitig auf der ganzen Welt, jetzt, während ich hier meinen Schädel umklammere, sechsunddreißigtausend Opfer darin jedes Jahr.
Was, was soll das alles? Jeder weiß dass andauernd Menschen an allem möglichen Dreck sterben, Hunderttausende, überall, dauern, jede Sekunde. WAS WILLST DU MIR SAGEN?? Es wird still. Endlich stille. Und wie viele durch Terror? Fragt die Stimme. Ich kann allmählich wieder denken, ahne, worauf das rauslaufen soll, rechne nach.. So viel ich weiß, weniger als 5000 weltweit , seit und inklusive den dreitausend vom elften September, den die Republikaner in den USA gerade feiern. Richtig, sagt die Stimme, rechne selbst. Ich rechne. Fünftausend in fünf Jahren weltweit, also tausend pro Jahr, das wären bei sechs Milliarden Menschen jeder sechzig Millionste. Umgelegt auf Deutschland also ein Opfer pro Jahr durch Terror, weltstatistisch gesehen. Für diesen einen potentiellen Toten installieren wir Kameras auf allen Plätzen, installieren Antiterrornetzwerke, investieren Millionen und Abermillionen in das Auskundschaften im Ausland, beschneiden unsere Freiheit, werden je-der-ein-zelne biometrisch vermessen, erfasst, katalogisiert, verfolgt, beobachtet, belauscht, werden Daten erhoben und jeder Mensch zur gläsernen Drohne. Wow. Wie viel Aufwand wird betrieben um Kinder vor Entführung, Misshandlung und Mord zu bewahren? Wie viel „Maut“-Überwachungsanlagen werden auf deutschen Autobahnen installiert um psychologische Beratungsstellen zu unterstützen, um die 1500 Neuinfektionen mit AIDS pro Jahr zu reduzieren? Könnte es vielleicht sein, dass es nicht nur im Interesse der Terroristen liegt, Angst zu verbreiten?
Warum wird uns Panik eingeredet vor einer Bedrohung, die achtzigtausend mal ungefährlicher ist als vom Blitz erschlagen zu werden? Warum wird den lächerlichen Bemühungen von ein paar anarchistischen Verrückten und ein paar religiösen Superstrebern so viel Beachtung geschenkt? Die beleidigend simple Antwort: Weil´s so schön BUMM macht.
Ja, das ist die Wahrheit. Wenn es den Islamisten darum ginge, möglichst viele Leute umzubringen, würden sie sich bei entsprechenden Instituten in der Schweiz für unter 2000 Franken ein Virus-Baukastensystem bestellen, mit dem ein Achtjähriger beliebig viele Ebola- oder andere Viren herstellen kann, inklusive Equipment und Bauanleitung (gratis aus dem Internet, frei erhältlich) und ohne lästige Fragen. Warum also der Aufwand mit Flugzeugen und all dem Kram? Na weil’s BUMM macht, und wenn’s BUMM macht, gaffen die Leute und rufen „ooh!“ und „aaah!“. Medienleute wissen das, und so bestrahlen sie uns monate- und jahrelang mit den selben quotensichernden Bildern.
Als frischgebackener republikanischer Präsident ist ein solches BUMM das beste, was passieren konnte, deswegen hat man ja auch trotz vorheriger Kenntnis nichts unternommen – klar, dass die Osamas dieser Welt gleich so übertreiben würden mit dem Bumm und auch noch ein Wirtschaftszentrum angreifen war natürlich gemein und so nicht abgemacht. Aber dafür hatte man ja immerhin eine hochplausible Erklärung, warum man sich jetzt die Ölreserven holen muss.
Hochplausibel zumindest für eine in Panik versetzte, uninformierte Meute, die für die Homeland Security das letzte Hemd oder wahlweise auch sein Recht auf Meinungsäußerung oder den eigenen Sohn gibt. Oder beides. Terror ist gefährlich, aber nicht mal annähernd so gefährlich wie ohne Gummi zu ficken. Gefährlich ist, wenn ein starker Mann sagt, dass er uns vor Feinden schützen will. Wir sollten es aus Erfahrung besser wissen als die Amis. Statt dessen machen wir ihren ach-so-stylischen Rechtsruck begeistert mit. Gute Arbeit, Condoleeza. Heil Bush!
Mein Trip endet, und meine moralinsaure Ansprache verhallt ungehört auf dem nächtlichen Friedhof. Denk dran, sagt die Stimme zu mir. Menschen kannst Du nicht ändern. Du kannst ihnen nicht helfen. Wenn Du es versuchst, ignorieren sie Dich, solange sie können. Wenn sie Dich nicht mehr ignorieren können, werden sie Dich töten. Alles, was Du vielleicht tun kannst, ist Dich selbst zu retten. Die anderen wollen es so haben. Was immer Du sagst, grunze ich zurück und lege mich für eine zweite Nummer auf die kalte Lady. (foz)

 
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8.15.2006
  Chapati und ein Gin
Indien hat zwei gravierende Mängel: Erstens findet man außerhalb Bombays kaum ein internetcafe, das auch wirklich funktioniert. Zweitens, und das ist viel schlimmer, muss man mit dem Flugzeug dort hin fliegen.
Du dreckige, verpisste Flugangst. Hast du mich wiedereinmal erwischt. Ich versuche auf den doppelten Espresso und die drei Mini-Asbach Uralt zu starren, um meinen Gedanken nicht zu erlauben schweifen zu gehen. Dummerweise herrscht in meinem Kopf auch unter den Bedingungen erhöhten Alkoholgenusses Freedom of Thought. Besonders was meine Gedanken angeht.
Meine Gedanken denken – völlig unabhängig von meinem Bewusstsein. Auch der dritte Asbach kann sie nicht niederhalten. Dabei ist es erst 7 Uhr morgens. Ich habe die letzten 72 Stunden nicht geschlafen. Habe mich nur mit Coffein und Effedrin über Wasser gehalten. Müdigkeit dämpft die Angst. Auch die vor dem Fliegen.
„Irgendwann bist Du so müde, dass dir sogar egal ist, wenn der Flieger nur mit einem Triebwerk fliegt, während die anderen alle brennen“, hatte C. gemeint. C. ist Philosophiestudent und Hobby-Therapeuth. „Raf, ich sag dir eins: Von deinen permanenten Angstzuständen kannst du dich nur runterrauchen. Du musst die Droge gebrauchen, und nicht die Droge dich gebrauchen lassen“, schulmeistert er mit erhobenem Zeigefinger. Dann setzt er sich meistens einen Schuss und sinkt sabbernd in sich zusammen. So, als hätten sich mit einem Schlag alle Knochen in seinem Körper verflüssigt. Ich sollte nicht auf C. hören. Aber wenn ich high bin klingt das immer ziemlich plausibel.
Es hilft nix... in 20 Minuten geht mein Flug nach Bombay. An der Passkontrolle stehe ich vor Tom. Tom trägt ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift „God is awesome“. Da die Zöllner gerade einen verdächtig indisch aussehenden Inder verhören, nutzt Tom die Gelegenheit zu einem ersten religiösen Annäherungsversuch. „Seit ich Jesus kennen gelernt habe, kann ich solche Situationen viel besser händeln“, meint er mit einem fröhlichen Stabsaugervertretergrinsen, als er meinen entnervten Blick auf die Szenerie wahrnimmt. Auf meine Frage wie viele kleine Jungs er denn mit diesem Spruch schon ins Bett gekriegt hat, scheint er keine Antwort zu wissen. Vielleicht waren es schon zu viele. Ich versenke meine Hände in meinem Trenchcoat und suche nach meinem Pass.
Viel verdächtiger als jetzt kann ich eigentlich nicht aussehen: Abegriffener Trenchcoat, verschlissene Jeans, graue (ehem. weiße) Sneaker, unrasiert, übernächtigt und betrunken. Die Leibesvisitation ist quasi vorprogrammiert. „Wer hat ihr Gepäck gepackt?“, fragt mich der fette, beflissen aussehende Zollbeamte mit der Nickelbrille und dem säuberlich ausrasierten Haarkranz.
„Äh...ich?“ / „Aha... und wer noch“ / „Öhm... niemand“ Irgendwie erschließt sich mir der Sinn dieser Befragung nicht.
„Wenn sie hier patzig werden, können sie Ihren Flug gleich vergessen.“/ „Ich bin nicht patzig“ / „Also wer hat jetzt Ihren Koffer gepackt“ / „Na ich!“ / „Und wer hat Ihren Koffer zum Flugplatz gebracht?“ / „HÄ??? Na auch ich... sagen Sie: Stimmt etwas mit meinem Koffer nicht?“ / „Denken Sie denn, dass etwas mit Ihrem Koffer nicht stimmt?“ / „Keine Ahnung... ich hoffe doch nicht.“ / „Soso... sie hoffen also... Haben Sie getrunken?“ / „Jepp“ / „Warum habe Sie getrunken?“ / „Flugangst.“ / „Sind sie ein Terrorist?“ / „...!?“ / „Ziehen Sie bitte Ihre Schuhe aus.“ / „Oh... das würd ich Ihnen nicht raten.“ / „Sofort Schuhe ausziehen!“ (ich bemerke, wie er einen Knopf auf seinem Pult mehrmals hektisch drückt, aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie sich zwei Grenzpolizisten mit Maschinenpistolen nähern) / „Okay, Okay ich mein ja bloß, dass ich schon 48 Stunden in diesem Schuhen bin und das Ausziehen jetzt mal ganz olfaktorisch betrachtet ungemütlich wird.“ / „???“ / „olfaktorisch: heißt auf den Gruchsinn bezogen“ / „Aha. Würden sie jetzt BITTE Ihre Schuhe ausziehen?“
Als ich aus meinen Sneaks gleite steigt ein Schwall warme Luft nach oben. Der Gestank ist ohrenbetäubend. Der Grenzpolizist hat schon seine Gummihandschuhe angezogen. Voller Jagdeifer stürzt er sich auf meine Turnschuhe. Er findet ein Preisschild. Deichmann, Reduziert, 5,99€. Ich darf an Bord gehen.
Jeanine macht ein ziemlich mitleidiges Gesicht. Nach ihrem Make-Up zu schließen ist sie auch schon 48 Stunden auf den Beinen. Früher war sie sicher mal ein flotter Feger: Blond, groß, dicker Charakter. Mittlerweile passt sie nicht mehr ganz in ihr Northwest-Airlines-Kostümchen. „Bitte in den linken Gang. Sie haben den Platz am Fenster.“ Ich nicke.
„Und keine Angst: Die 747 ist ein richtig sicheres Flugzeug“, meint sie mit einem sehr professionellen Lächeln. / „Das dachten die in Lockerbie auch.“ Das Lächeln schmlilzt.
„Die Wege des Herrn sind manchmal unverständlich,“ frohlockt Tom, als er feststellt, dass er den Platz gleich neben mir bekommen hat. Ein Wink Gottes. Ich bin froh, dass Tom neben mir sitzt vielleicht lenkt mich der Ärger über Tom von der Angst ab. Aber Tom ist ganz ruhig. Die 747 rollt auf die Startbahn. Ich bestelle einen Whiskey. Keine der Stewardessen nimmt die Bestellung entgegen. Mir wird schlecht. Tom, red doch mit mir! Versuch mich zu bekehren! Tom bleibt ruhig sitzen.
Eine halbe Stunde später hat sich die Szenerie beruhigt. Ich habe 4 Mini-Flaschen Jack Daniels erstanden und bin dementsprechend betäubt. „Sie müssen große Angst vor dem Fliegen haben.“ Tom ist aus seiner Starre erwacht. / „Jepp“ / „Ich hatte früher auch große Flugangst“ / SCHWEIGEN / „Aber seit ich Jesus kennen gelernt habe, da hab ich keine Angst mehr“ / „Glückwunsch“ / „Möchtest Du vielleicht auch einmal Jesus kennen lernen?“ / „ähm... ich glaube nicht.“ / „Aber Jesus könnte dir helfen“ / „Ich hab Jack“ / „Wen?“ / „Jack Daniels.“ / „Wie, den Whiskey?“ / „Jepp.“ / „Und der hilft dir?“ / „Meistens.“ / „Jesus ist aber viel Billiger“ / „Um wieviel?“ / „Jesus ist kostenlos.“ / „Ich hab genug Geld.“ / „Du könntest einen Haufen Geld sparen.“ / „Wozu?“ / „Na, für andere Sachen.“ / „Was für Sachen?“ / „Naja... ich weiß auch nicht.“ / „Siehst du... ich auch nicht.“ Ich stelle mich schlafen.
Als ich aufwache bemerke ich, wie der Flieger langsam tiefer geht. Das Display sagt mir, dass wir nur noch eine halbe Stunde von Bombay entfernt bin. Der Schlaf war alles andere als erholsam. Draußen wird es schon dunkel. Unter uns ziechnen sich die Straßen vom Bombay als kleine Lichterketten ab. Kleine Autos und kleine Busse im Stau. Die meisten Häsuer sind dagegen nur dunkle Schemen. Die 747 zieht eine gewaltige Schleife genau über die Stadt. Die Angst kehrt zurück. Zusammen mit der Vorstellung von einem brennenden Feuerball, der auf die Slums herabregnet. Meine modernistische Sodom-und-Gomorra-Vision würde Tom ganz sicher gefallen.
Tom hat ganz offensichtlich einen fahren lassen. In der ganzen Kabine stinkt es bestialisch nach faulen Eiern und einem weiteren süßlichen aber sonst undefinierbaren Geruch. „Hey Tom, hast du gefurzt?“ Tom sieht mich entgeistert an. „Natürlich nicht.“ / „Was stinkt denn hier so?“ / „Das ist die Außenluft, die über die Klimaanlage angesaugt wird.“ Ich versuche mir auszumalen, wie die Stadt dann erst riecht, wenn man auf Bodenhöhe atmet.
Ich greife nach meiner Notration. Zwei Mini-Flaschen Gordon's dry Gin. Die Stewardessen verteilen Chapati als indisches Willkommensgeschenk. Der Flieger stetzt auf, der Gin ist alle. (raf)
Das ist eine Serie: Hier gehts zu Teil: (2), (3), (4)
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6.25.2006
  Rookies für die Wahrheit (Teil 2)
"Wiedereinmal hat sich ein hoffnungsvolles Talent an die Wahrheit gewendet, um für seine gonzojournalistischen Ergüsse Hohn, Spott oder auch Lobpreisungen und Wohlwollen zu ernten", sagte die in ein rosa Designerkostüm gekleidete PR-Schlampe und verzog dabei lustvoll ihren Mund ,als ob sie soeben den Money-Shot aus dem Röhrensystem eines italienischen Starhengestes empfangen hätte. Ich schweife... Ihr urteilt. (raf)

Samstag Abend in einer Ostdeutschen Kleinstadt, Erfurt, die Stadt mit den durchdrehenden Schülern. Wenn man hier lebt ist der einzige Höhepunkt der Woche die, alle 7 Tage stattfindenden Konzertabende. Aber was ist was ich einen Höhepunkt nenne? ist es ein Höhe-Punkt oder nur ein weiterer Tag in meinem Leben den ich vergeude, umgeben von Langweilern und Gedankenlosen, verpackt in eine hübschere Schale? Kontrastprogramm zum Grau-in-Grau der vorangegangenen Woche, den folgenden Wochen. Mittlerweile genauso obligatorisch wie die zwanghaft individuelle“ Kleidung, die Musik und Interessen...
Du sitzt abwesend auf einem, mit rosa Plüsch überzogenem, Ledersofa. Du hörst halb den wirklich uninteressanten Gesprächen der Samtlappen um dich herum zu. Eine Gruppe Gruftschlampen fragt dich aus, du bist jetzt schon genervt obwohl du erst seit knapp einer halben Stunde hier bist. Wo kommst du genau her? Was machst du so? Was für Musik hörst du? Hast du eine Freundin? Sie interessieren dich nicht, du willst einen ruhigen Abend und nicht den Grundstein für potentielle spätere Beziehungen oder Kurzzeitkontakte legen.
Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass Menschen wirklich allen Ernstes auf so eine einfallslose und uninteressante Art mit mir reden wollen. Gut, ich habe damit gerechnet, dass es IRGENDWO jemanden gibt der so ist...aber nicht ca. 20 Leute an EINEM Abend in EINER Kneipe. Ich bin wohl in der Hölle gelandet. Großartig!
Ich nehme meine Seele bitte blutig dass es tropft und nicht mit Bier ablöschen ... Danke. Du versuchst nicht durchzudrehen und mit dem - natürlich - schwarzen Marmortisch auf die piepsstimmige Moralapostelin gegenüber einzudreschen. Aber die Vorstellung reizt dich doch. Alleine nach der Aussage von ihr, dass jeder Mensch der Schmerz genießt pervers ist, ihr die beschissene Tischkante in die dumm labernde Fresse zu prügeln bis du keinen Widerstand mehr spürst. Und der Boden, die Wände eine lebendige hellrote Farbe annehmen. hellrot...hell..Hell!
THIS IS FUCKING HELL!
Als ich wieder aufblicke und meine Gedanken so weit zurückschraube, dass ich das was mich umgibt wieder wahrnehme, bemerke ich, dass alle dabei sind los zu gehen. Ich nicke und zeige auf mein halb leeres Vanilla-/Cherrycoke & Wodka/Whiskey Mischgetränk und ziehe an meiner Zigarette solange bis ich beim besten Willen keine Luft mehr in die Lungen bekomme. Nach gezählten 30 und gefühlten 240 Sekunden entlässt meine vom Rauchen geschändete Lunge den mittlerweile kalten Rauch und ich höre das Blut in meinem Kopf rauschen. Es rauscht Synchron mit meinem Herzschlag. An meinen Schläfen vorbei. Wie eigentlich alles an mir vorbeirauscht.
Du greifst zum Aschenbecher ... schweres Metall ... in Form eines Drachen (HA-HA Klischee), grinst "Piepsi" an und wirfst ihr die jetzt fliegen könnende Fabelfigur vor den Kehlkopf. Röchelnd sackt sie in sich zusammen und starrt dich dabei an. Du lächelst. Aus deinem Mund fließt ein Satz: "Siehst du, ich kann doch lächeln und Schmerz ist nicht pervers ich sehe doch wie du es genießt, leb' wohl". Der Smiley vor deinem Gesicht verschwindet und die Szene langweilt dich.
Ich suche - wieder einmal - Halt in der Realität durch meine Zigarette zu finden. So angezündet, dass die Hitze des Feuerzeugs in meinen Augen brennt, katapultiert sie mich wieder in die reale Umgebung. Aufstehen, Jacke überziehen, bezahlen & mit Piepsi, den Jacob-Sisters in Schwarz/Pink und einer unbestimmten Anzahl Metallern/Punks/Hardcorern männlichen Geschlechts zu einem Konzert laufen.
Wer spielt hast du vergessen, du hoffst der Weg bis dahin ist nicht allzu weit und die Musik dort gefällt dir. Unterwegs lässt du dich weit zurück fallen und beobachtest die Szene.. ein schöner Blickwinkel: 4 hübsche Ärsche (Piepsi nicht einbezogen, dafür aber einer der Metaller.), umringt von mehreren fast im Gleichschritt marschierenden Springerstiefeln, wackeln im Takt zu den Schellen die bei jedem Schritt nervtötend bimmeln. Ich weiß, ich denke nur an Sex und Körperlichkeiten oder Gewalt ..NA UND? Was tun andere denn? Das Gleiche, sie schreiben es nur nicht auf.
Knapp 40 Grad. Ein alles durchdringender Schweißgeruch erfüllt die Halle. Die schwarze Masse Unterhaltungssüchtiger umringt dich und du beschließt einer von ihnen zu werden. Und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Nachdem ich den 4 Ärschen mindestens eine halbe Stunde durch die Gegend verfolgt habe, erreicht der Convoy das Konzert. Neue Probleme treten auf...Wie verdammt sollst du den Eintritt bezahlen? Wovon betrinkst du dich? Wird dein Durst nach sinnloser Gewalt heute noch gestillt? Du willst exzessiv durch den Moshpit fliegen und ein paar Rippen brechen. Eigene. Bevor du fragen kannst hat dir eine der Jacob-Sisters schon den Eintrittsobulus in die Hand gedrückt. Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht trotzdem jeden einzelnen meiner anderen "Begleiter" nach Geld gefragt hätte. Das Ergebnis: Fast 20€ in der Tasche. Ausreichend, um das Konzert zu verlassen und dir genug Gras für einen schönen Abend mit Freund Cannabis zu finanzieren. Nein, du wirst heute nur mit Alkohol und kompletter Bewusstseinsausschaltung - bis du vergisst, wer du bist - durch den Pit treiben.
"Schmeckt dein Filter?" Madame von Pieps weißt mich darauf hin, dass ich meine Zigarette wohl schon zu lange im Mund habe und mir fällt auch der ungewohnte Geschmack von brennendem Plastik auf. Du nimmst die Zigarette aus dem Mund, willst sie auf den Boden werfen aber du entscheidest dich, sie in dem vor dir schwebendem Bierbecher mit einem Zischen zu entsorgen. Niemand hört das Zischen, aber du hörst das Stimmengewirr gemischt mit der Musik um dich herum.
Gerade, als ich realisiert habe, dass ich schon mitten in der Konzerthalle stehe, bewegt sich mein Aschenbecher in Richtung Pit. Hervorragend. Piepsi im Pit. Wenn das mal nicht nach Spaß klingt. Du grinst innerlich in dich hinein, spürst wie sich dein Herzschlag erhöht und du lässt dich auf den Takt ein. Er ist schnell, laut und unbarmherzig... deine Welt.
Noch bevor Madame le Piep den Pit erreicht trittst du ihr in die Kniekehle und als sie daraufhin leicht zusammenknickt tust du, als wenn du nichts bemerkt hast, so dass ihr Rücken deine Füße steift und du mit einem "ungewollten" letzten Schritt - bevor du "merkst" dass sie umgefallen ist - ihre rechte Schulter triffst. I found my victim for today in you.
Sie ist gar nicht hässlich, wenn man über die abrasierten Augenbrauen hinwegsieht und versucht sie sich nackt vorzustellen. Whatever, ich drehe mich nach links, überhole den Fußabtreter und zertrete den Plastikaschenbecher mit Bierfüllung, der wie durch ein Wunder bis zum Ende des Sturzes in ihrer Hand verweilte. Du bist heute ein richtiges Arschloch... Heute?
Bevor ich den Gedanken weiterdenken kann, stößt mich ein nackter, nasser, riesiger Rücken 3 Meter zurück und ich scheiße auf meine Gedanken. Jetzt wird gemoscht. Kippe in den Mund..."no one else only god can judge me"... ein letzter Blick wo sich Piepsi aufhält und meine Beine tragen mich unaufhaltsam auf sie zu. Das dachte ich jedenfalls.
Bevor ich sie erreiche landet ein Ellenbogen auf meiner Brust. Der Schmerz tut gut. Ich verliere meine Zigarette und beschließe, mich an die Zeit zu erinnern, in der ich mich bestens mit Blutpogo amüsiert habe.
Eine Stunde und mehrere Stürze, Tritte und Lachkrämpfe wegen Piepsis (die übrigens heißt wie eine Exfreundin von dir, noch was dass du an ihr hasst) niedlicher und hilfloser Art neben dir auf dem Boden zu liegen später, beschließt du, jetzt die Zeit beginnen zu lassen, die aus einem Wechsel zwischen Saufen, rücksichtslosem Pogen im Moshpit und noch mehr Saufen besteht.
-Ausblende-
-Filmriss-
Die Erinnerungen an den Rest des Abends verschwimmen für ein paar Stunden. Du wachst auf und bemerkst dass du auf einem dieser großen 2 Meter Lautsprecher liegst. Deine Beine und Arme hängen nach unten, dein Nacken tut höllisch weh und dein Mund schmeckt nach Aschenbecher. Die in Uniform gekleideten Schwestern rufen nach dir. Du beschließt den Aufbruch zu fordern. Ich lecke über meine Lippen, aufgesprungen, trockener Mund, ich habe Durst.
Nachdem du dich langsam und schleppend vom Lautsprecher gequält hast erinnerst du dich an verschiedene Szenen des Abends: Das koitierende Pärchen am Rand des Pits über das du gefallen bist, den kleinen "Streit" mit Madame le Piep und deinen aus Mangel an Selbstdisziplin entstandenen Suff. Hattest du ihr nicht sogar gesagt, dass du mit ihr ins Bett gehen würdest wenn sie nicht so oft mit dir reden würde? Und genau dann siehst du sie, betrunken im Arm des Metallers mit dem netten Arsch. Ich bin sie los, danke Herr.
Als sich der Rest der Gruppe wieder gesammelt hatte laufen wir wieder zurück in die Kneipe, runterkommen und dann langsam verpissen... wohin gehst du heute zum Pennen? Du denkst ernsthaft darüber nach Piepsi zu fragen im gleichen Moment beschließt du doch lieber draußen als bei ihr zu schlafen.
J. und F. (J. ist die Freundin von F.) sagen plötzlich du kannst zu ihnen. Du stimmst zu, denkst an das was du mit J. gemacht hast als F. arbeiten musste. Leider zu spät, die Zusage steht. A-Hörnchen und B-Hörnchen verabschiedeten sich auf gewohnt überschwängliche Art von der mittlerweile recht alkohlseeligen Gothicsuppe in Pink, Schwarz und Einheit. Du hinterlässt dem Plüschsofa ein Andenken durch eine glühende Zigarette im pinken Stoffwald, schleppst dich mit dröhnendem Schädel und weichen Knien zum Ausgang. Ich halte meinen Kopf gesenkt und zähle die Schritte. 3,4,5.. 34,35..
Unterwegs begegneten dir J. und F. .Beide stehen, mit Blick auf dich, nebeneinander. Es ist dunkel. Ihre Zigaretten malten hellrote Bahnen vor ihren schemenhaft erkennbaren Körpern. Sie scheinen zu schweben. So wie jeder von beiden in seiner Welt schwebt.
Hexe will dich, er will sie - du willst Schlaf.
Ohne ein Wort schnorrst du ihnen eine Kippe ab und wankst auf direktem Weg zur Straßenbahn. Es ist saukalt und du spürst jetzt schon wie in deinen Stoffschuhen die Kälte dein Bein hochkriecht. Deine Zehen werden taub. Du genießt den Schmerz der durch die Unterkühlung verursacht wird - er drückt deinen Rausch aus dir raus.
Straßenbahn. Völlig leer. Nur wir drei, sie setzt sich neben mich, er schaut mich an, ich schließe jetzt schon genervt die Augen.
Vor meinem geistigen Auge entgleist die Bahn. Der Wagen kippt langsam, fast wie in Zeitlupe zur Seite aber die Straßenlaternen rasen weiter unaufhörlich vorbei. Aufschlag.
Dein Kopf prallt gegen die Scheibe, du schmeckst kurz diesen belebenden metallischen Geschmack von Adrenalin, dein Körper stellt sich auf die Situation, die deine Augen wahrnehmen, ein. Sie fällt auf dich, dein Sichtfeld verengt sich, es wird Schwarz um dich herum.
Du kommst zu dir, etwas Warmes fließt über deinen Hals. Dein Blick schärft sich und du siehst ihre Augen - der Schreck und der Schmerz stehen ihr noch ins Gesicht geschrieben - er wird nie wieder weichen. Die warme Flüssigkeit läuft aus dem Zwischenraum zwischen ihren Schlüsselbeinen unterhalb des Halses - unnatürlich verdreht und aus der Wunde ragt eine der Stangen die den Passagieren Halt verleihen sollten. F. liegt - vielmehr ein Teil von ihm - in dem leeren Raum in dem ein Fenster der Bahn war. Der komplette obere Teil wird dort sein wo die festen Bestandteile der Bahn den Boden berühren. Jetzt erst bemerkst du dass dir nichts passiert ist. Deine Fantasie, dein Traum. Stop. Dein Erwachen.
Alles ist wie vorher. Die Bahn rattert weiter durch die Stadt auf ihren so linear vorgegebenen Bahn. J. und F. machen dich darauf Aufmerksam, dass es Zeit zum Aussteigen ist. Kalter Wind im Gesicht, Licht über der Tür, Kater im Flur, Ankunft, Gewohnte Zeremonie. Hinsetzen. Rauchen. Schweigen. Rauchen. Ausziehen. Hinlegen.
Später als du schon fast eingeschlafen warst spürst du eine Hand an deiner Seite. J. hatte sich gegen den Willen ihres Exfreundes zwischen uns gelegt. Das kann sie vergessen. Ich stehe auf und setze mich vor das Bett, nehme eine von ihren Zigaretten. Rauche bei geschlossenen Augen und genieße den Dreck den ich inhaliere.
Als ich wieder ins Bett will gebe ich ihm zu verstehen dass er mit J. nach Links rutschen soll. Er versteht nicht. Du versetzt ihm einen Tritt in die Seite. Jetzt pariert er und rollt in gewünschte Richtung.
Der nächste Morgen: Er ist in der Küche. Ich höre die eintönige Musik die ihn auch am besten beschreibt. J. versucht dich anzusprechen und zu umarmen. Ich stehe auf, ziehe mich an, reiße alle 3 Schachteln, die auf dem Tisch liegen an mich und bin weg. Sag auf wiedersehen, Objekt.
Tschüss. (artless)
 
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6.16.2006
  Marburg - und dahinter die Unendlichkeit
Marburg ist das Zentrum des deutschen Widerstandes. Widerstand gegen Studiengebühren, gegen Ärzteausbeutung und machmal auch gegen den gesunden Menschenverstand. Die Grenzen sind fließend, die Fronten verschwommen. Und Henrie Schnee schwimmt ... mit...
"Der revolutionäre Krieg ist ein Krieg der Massen; er kann nur durch Mobilisierung der Massen geführt werden und liegt in ihr begründet." -Vorsitzender Mao Tze-Tong...

[1] "Die Story? Welche Story?" - Und die Sache mit "Lisa 1"

"Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort.“
- Gottfried Benn

Wie kommt man in Berührung mit der Story? Das ist die wichtige Frage. Erzählenswerte Geschichten gibt es überall, nur wie findet man sie, ehe es das internationale Presse-Establishment tut?

Die einfache Lösung ist es, sich irgendeinen Newsticker zu besorgen und den ganzen Tag laufen zu lassen. Irgendwann findet man schon einen Brocken, den man in aller Ruhe zu einer seitenfüllenden Story umschreiben kann. Ich habe da ein paar andere Methoden. Eine davon ist ICQ. Die meisten Anwender sehen darin nichts als ein SMS-Ersatz oder vielleicht eine Möglichkeit, päderaste Gefühle auszuleben - oder in völlig andere Rollen zu schlüpfen. Nur Gott alleine weiß, wie viele Oberlippenbart tragenden Polizisten sich in den Weiten des Netzes als nymphomanische, bisexuelle Schulmädchen mit höchst fragwürdigen moralischen Werten ausgeben.
Aber nicht ich. Ich habe weder einen Oberlippenbart, noch das Bedürfnis meine Fähigkeiten als Onlinetranse auszubauen. Ich will einfach nur auf dem laufenden bleiben.
Diese
Marburg-Story begann vor etwas über einem Monat mit einem kurzen und verwirrenden Chat zwischen mir und einem guten Freund dort. Wenn ich mich richtig erinnere, wollte ich eine knappe, unverbindliche Konversation über die Verfilmung von “Silent Hill“ starten, aber als Antwort bekam ich nur unverständliches Kauderwelsch. "Wir waren auf der Autobahn," schrieb er. "Ich bin mittlerweile total besoffen. Es war so schrecklich." Okay, dachte ich mir, warum auch nicht? Eine Autobahn zu betreten, egal ob zu Fuß oder am Steuer eines Wagens ist nicht jedermanns Sache – erst Recht, wenn Alkohol im Spiel ist. Aus den paar Gesprächsfetzen, die er noch schrieb, ehe er völlig zusammenbrach, folgerte ich, dass wohl eine Art Studentendemonstration aus dem Ruder gelaufen sein musste - mit der Konsequenz, dass Hunderte Menschen bei schönstem Wetter eine der Autobahnen nach Marburg enterten.


[2] Zeilen voller Vorurteile // Minus x Minus = Plus // Cyberpunks

"Die falsche Bildung aber, welche den Menschen zum gebildeten Raubtier macht, kann immer nur den Einen auf Kosten des Andern bereichern."
- Moses Hess

Das Abschneiden der Hauptlebensadern von Marburg schien sich als eine dermaßen effektive Maßnahme erwiesen haben, dass die verantwortlichen Rädelsführer in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen, diesen Spaß nun auf wöchentlicher Basis zu veranstalten.
Das Echo in den Medien war nicht besonders hoch - obwohl sich der Hessische Rundfunk entgegen persönlichen Erwartungen doch eher wohlwollend über die Studenten äußerte und dafür die Politik mit Süffisanz strafte. Aber bundesweite Sender oder Zeitungen machten nicht gerade Sondermeldungen und Schlagzeilen zu dem Thema.
Die Sache war einfach nicht brisant genug: Studiengebühren waren schon zu Schröders Zeiten ein gern diskutiertes Thema, ehe sie dann während des Wahlkampfes 2005 totgeschwiegen wurden. Und selbst wenn das Echo in den Medien größer gewesen wäre, was hätte das geändert? Für den durchschnittlichen, hart arbeitenden, gottesfürchtigen (Bild)Zeitungsleser dieser Nation ist der gängige Student ein schmarotzendes, faules Subjekt, das fünf Jahre lang Dauerparty macht und irgendwann mal eine Führungsposition besetzt. Warum auch nicht? So ziemlich jeder Verbrecher mit öffentlichem Mandat, jeder Bankchef, der einem den dringend benötigten Kredit verwehrt, jeder Konzernchef, der veranlasst, Euro 1:1 mit DM gleichzusetzen - diese ganze dreckige Canaille besuchte früher mal eine Universität. Mehr braucht der Durchschnittsbürger nicht zu wissen.

Ärgern müssen sich nur die Kinder dieser Durchschnittsbürger. Tja, das war’s wohl mit deinem schönen Plan, Arzt/Lehrer/Informatiker/was auch immer zu werden. Fang' lieber eine Lehre an, lern was Handfestes! Genau... und bis zum Ende deiner Lehrjahre wird sich die wirtschaftliche Situation sicher gebessert haben. Du wirst sehen... Maurer und Dachdecker werden schon bald wieder Hochkonjunktur haben! Immerhin ist doch WM-Jahr!

Keine guten Zeiten für Selbstverwirklichung... Die Studiengebühren sind in der Wahrnehmung der großen schweigenden Mehrheit einfach das geringere Übel zwischen all diesen abgefahrenen Steuern, die heute schon aktuell sind. Zwangsbeimischung von teurerem Bio-Kraftstoff. 19 Prozent Mehrwertsteuer. Mautgebühren auf deutschen Autobahnen. Volle Versteuerung der Rente. Sondersteuern auf Wohnmobile. Wenn man etwas darüber nachdenkt, erscheinen einem 1000 Euro im Jahr für Bildung fast wie ein Schnäppchen.

Ich unterhielt mich mit einigen Leuten darüber, und sah viele kluge Geister an der Oberfläche des Problems kratzen - zumal es eigentlich jedem Menschen mit Langzeitgedächtnis so oder so klar sein sollte, dass das abkassierte Geld überall hin fließen wird, nur nicht an die Hochschulen. Tausende Quadratkilometer Industriegebiete werden davon erschlossen werden; jedes noch so kleine Bergdorf wird bald voller Stolz einen eigenen Kreisverkehr vorzuweisen haben. Ausländische Firmen werden noch mehr Subventionen aushandeln können für das Versprechen, für den Zeitraum von 5 Jahren feste Arbeitsplätze zu schaffen.
Das ist die oberflächliche Betrachtungsweise des Problems. Es ist nicht eine dunkle Vorahnung, dass das Geld veruntreut wird, es ist eine allgemein akzeptierte Tatsache. Warum sollte das Establishment in diesem Fall auch mal eine Ausnahme machen, nach Ökosteuer, LKW-Maut, Tabaksteuer? Etwa deshalb, weil dieses Mal der Terror nur auf Landesebene geschieht?

Auf den Gedanken der tiefergehenden Probleme brachte mich ein paranoides Wrack in meinem Bekanntenkreis. "Unwissenheit bedeutet Stärke", zitierte er Orwell, und schnorrte sich eine meiner Kippen. "Und? Das wissen wir schon seit Futurama," antwortete ich mürrisch. Ich hatte schon zu viel über die Sache nachgedacht, und schien mich dennoch immer mehr im Kreis zu drehen. "Weißt du, was ein Cyberpunk ist?" fragte er, grinsend. Ich nickte, murmelte etwas über die Matrixfilme und geplatzte Erwartungen. Er ging nicht darauf ein, sondern begann mit einem Monolog, dessen Inhalt in etwa so geklungen haben könnte:

Laut den internationalen Menschenrechten hat jeder Mensch das Recht auf Bildung - auf Hochschulebene zwar auch gegen Bezahlung, aber stets innerhalb seiner finanziellen und sozialen Möglichkeiten - wie etwa die Semesterbeiträge, die jetzt schon bezahlt werden müssen. Nun muss man aber sehen, dass solch liberaler Schwachsinn wie Menschenrechte ganz und gar nicht in das Bild des neuen Jahrtausends zu passen scheint. Die westliche Welt erlebte nach 9/11 den stärksten Rechtsruck seit dem Reichtagsbrand, und die Geschehnisse der letzten 5 Jahre haben mehr als deutlich gezeigt, in welche Richtung unsere Zukunft schliddert. Konzerne, Großaktionäre und Lobbyisten sind die Präsidenten, Kanzler und Minister des neuen Jahrtausends.

"Okay", sagte ich, "ich versteh zwar, worauf du hinaus willst, aber was hat das mit der Story zu tun?" Er drückte die Kippe aus, trank sein Glas leer und setzte wieder an: "Bildung ist Macht. Schalte dein Internet an! Was glaubst du, warum die halbe juristische Welt sich nur mit Urheberrechten beschäftigt? Wissen und Informationen sind bares Geld wert, und daher wird es Schritt für Schritt unter Kontrolle gebracht. Erst das Internet, mit Denunzianten und von Konzernen bezahlten Hackern. Jetzt die Universitäten. Das Fernsehen kannst du schon lange abschreiben. Sieh dir an, was aus der Wikipedia geworden ist. Das Projekt hatte seinen Höhepunkt, als jeder Mensch sein Wissen beitragen konnte. Jetzt wird sie so lange von irgendwelchen Kontrollfreaks verwässert, bis man sich doch wieder ein richtiges Lexikon kaufen muss."
Das verstand er unter "Cyberpunk". Für ihn hat der Begriff nichts mit irgendwelchen Implantaten oder Laserkanonen zu tun, er steht einfach nur für den Kampf der Unterschicht um Wissen. "Es ist so, als würde die menschliche Psyche seit 2001 nach dem Prinzip funktionieren 'der Feind meines Feindes ist auch mein Feind'. Ihr ewig-gestrigen Studenten habt lange genug umsonst Wissen bekommen."

Der Fall Hessen ist unter diesem Gesichtspunkt eine besonders zynische Angelegenheit, da die dortige Landesverfassung explizit einen unentgeltlichen Unterricht an allen Schulformen vorschreibt - ein Relikt aus der Gründungszeit der BRD, mit dem Hintergedanken formuliert, nie wieder durch allgemeine Unwissenheit ein System wie den Nationalsozialismus zu ermöglichen.


[3] Der Platz des himmlichen Friedens // Nurse Lisa // Kaffee und Kuchen

"Eine gute Bildung ist für die Jugend ein Zuchtmittel, für das Alter ein Trost, für den Armen Reichtum und für den Reichen ein Schmuck."
- Diogenes

Das Geschwätz über Wissen & Macht hatte seine Wirkung auf mich nicht verfehlt. Wenn man an die Geschichte unter dem Gesichtspunkt herangeht, dass die Gebühren nicht zur Finanzierung von etwas dienen, sondern zur Aussperrung der Unterklasse vom allgemeinen Hochschul- und Forschungsbetrieb (zumal noch in unionsregierten Ländern), dann fühlt man vielleicht an die Ereignisse auf dem Tian'anmen-Platz erinnert. Wir haben es hier nicht mit einer klassischen Studentenbewegung zu tun, die auf einen Kulturwechsel aus ist oder auf eine Stärkung der eigenen Position - diese jungen Menschen auf der Marburger Stadtautobahn kämpfen nur um die Beibehaltung des Status Quo.

Und sie tun das mit guten Argumenten und nicht ohne einen gewissen Charme. Auf einem Flyer, den ich vor einigen Wochen im Internet fand, wurde ein saarländischer Bildungsminister zitiert mit den Worten "Es kann ja wohl nicht angehen, dass eine Krankenschwester ihrem Chefarzt mit ihren Steuern die Ausbildung finanziert, und darum brauche man Studiengebühren!" - nur entgegnete der Autor des Flyers, dass dieser Schuss aus der Hüfte auch dafür sorge, dass die Kinder der Krankenschwester es nie mal zum Chefarzt bringen könnten.

Aber das war alles nur Rhetorik, zynisches Geschwätz zwischen Bürokraten und den redegewandteren Mitgliedern der Gegenkultur. In Hessen ging man weitaus tatkräftiger an die Sache ran: Erst die Autobahnen, dann die Innenstädte. Schließlich wurden Rektorate und Verwaltungsgebäude besetzt; Politikern wurde Hausverbot an den Hochschulen erteilt; mit kostenlosem Kaffee und Kuchen machte man Werbung für die eigene Sache bei der Bevölkerung. Obwohl es keine Kekse braucht, um Eltern davon zu überzeugen, für die Zukunft ihrer heute vielleicht noch jungen Kinder zu kämpfen - und sei es nur durch wohlwollende Neutralität gegenüber den Straßenblockaden.


[4] Aktion Wolff Marburg // Die Macht afrikanischer Fußballfans

"Ein Politiker, den man nicht versteht, gilt immer als gebildet."
- Markus M. Ronner

Erste Anzeichen dafür, dass der Protest von Erfolg gekrönt sein könnte, wurden bezeichnenderweise von RTL öffentlich gemacht: Bei einer mehrstündigen Demonstration im Rahmen einer "öffentlichen Informationsveranstaltung zum Thema Bildung" (von der CDU für die CDU) schafften es die lauten, aber friedlichen Prostetler, den anwesenden Christdemokraten Visionen des eigenen, qualvollen Todes auf improvisierten Schafotten einzuflößen.

Die Studenten taten eigentlich nichts anderes, als friedlich um das Gebäude herum zu stehen und den eigenen Frust mit lauten Parolen zu artikulieren, aber auf die Regierenden machte das ein ganz anderes Bild: Diese Typen da unten... dieses langhaarige, chaotische, besoffene und wahrscheinlich sogar drogensüchtige Geschmeiß war da, um sie zu holen, soviel war klar. Warum auch nicht? Ohne lebende Unionspolitiker gäbe es keine Änderung der Verfassung. Die Täter würden sofort wieder im dichten Gedränge untertauchen, die Waffen würden wie bei italienischen Touristenneppern schnell von einer Hand zur nächsten weitergereicht werden, so dass die Polizei keine Beweismittel vorfinden würde. Die tödlichen Schüsse könnten jederzeit fallen, das war allen Anwesenden klar - oder vielleicht auch nicht? Vielleicht hatte man irgendeinen Hausmeister bestochen, um eine kleine, aber feine Napalmbombe im Sitzungssaal unterzubringen. Jeder Lichtschalter könnte ein potentieller Auslöser sein - zumal Marburgs Chemiefakultät einen erstklassigen Ruf hat. Jeder angehende Diplomchemiker weiß, wie man sich in bester MacGyver-Manier tödliche Massenvernichtungswaffen herstellt.

Solche Gedanken müssen in den Köpfen der anwesenden Politiker geherrscht haben, nachweißbar auf jeden Fall bei Frau Karin Wolff, Bildungsministerin des Freistaates Hessen. Für sie war klar, dass sie dieses Gebäude nicht lebend verlassen würde - oder höchstens schwer verletzt. Die Studenten vor den Toren benahmen sich wie "afrikanische Fußballfans", wie es der Junge Unions-Sprecher Philipp Stompfe, selber Student, etwas unglücklich formulierte - und in Wolffs Kopf kamen sicher Bilder hoch von Straßenschlachten und Bürgerkriegen vom Format eines Hollywood-Blockbusters.

So leicht würde sie ihr Leben nicht aufs Spiel setzen, beschloss sie, und tüftelte einen genialen Plan aus: Erst würde sie sich in dem Gebäude verschanzen, um dann in einem günstigen Moment in einer Polizeiuniform zu flüchten - eskortiert und abgesichert aus allen Richtungen.
Und so kam es dann auch, nur flüchtete sie so nicht ins Schussfeld eines Revolvers, sondern in das einer RTL-Fernsehkamera. Die Demonstranten müssen sich vorgekommen sein wie dieser Fünftklässler, der seine Lehrerin einmal ohrfeigte - und ihr dabei 5 Knochen brach.

Die Schande war perfekt, und ohne es zu wollen, hatte Wolff den Protestierenden das größte Geschenk gemacht, zu dem sie fähig gewesen wäre: Sie erniedrigte sich in aller Öffentlichkeit aus Angst vor einer Reaktion, die außer ihr keiner erwartete, und kräftigte damit den lange verloren geglaubten Gedanke, dass ein Volk nicht Angst vor seiner Regierung haben dürfe, sondern umgekehrt.
Der JU-Vorsitzende Stompfe flehte später vor laufenden Kameras, sein Geschwätz über afrikanische Fußballfans doch bitte nicht als rassistisch zu verstehen (als was dann?), entschuldigte sich aber nicht - er habe rein symbolisch gehandelt.


[5] Friede den Hütten - Krieg den Palästen & ein Spiel, das länger als 90 Minuten dauert

"Ja, ich rannte also aus der Stadt raus. Die verfolgten mich mit Fackeln bis hoch zum Schloss von Aberdeen, wie Frankensteins Monster. Ich konnte dann mit einem Heißluftballon flüchten. So kam ich hier nach Seattle." - Kurt Cobain

Seit der französischen Revolution hat man auf dem europäischen Kontinent nicht mehr solch eine wunderschöne Feigheit der Regierenden gegenüber dem Volk beobachten können - Ludwig XVI. hätte es nicht besser vermasseln können als Wolff.
Wobei es sich lohnt, den Begriff "französische Revolution" in einem Artikel wie diesem so oft wie möglich einzusetzen, alleine schon um die einschüchternde Wirkung bei nicht studierenden Lesern zu erhöhen. Französische Revolution. Französische Revolution. Französische Revolution. Ja Sir, schauen Sie denn keine Nachrichten? In Frankreich brennen Autos - die teuren Autos - und Steine fliegen auf Polizisten. Und jetzt auch noch Marburg? Diese schöne, oft in Nebel gehüllte Stadt an der Lahn... Und dieses Mal scheint es nicht einmal einen Schuldigen zu geben ... diese Aufstände werden nicht von Kommunisten oder Anarchisten angestachelt, sondern von cleveren jungen Menschen, die gelernt haben, die Zeichen der Zeit zu deuten - und dieses Wissen für sich einzusetzen.

Es lohnt sich, an dieser Stelle auch auf den Marburger Bund hinzuweisen, jene mysteriöse Ärzte-Organisation, die seit Anfang des Jahres massiv für Gerechtigkeit im medizinischen Sektor kämpft - und nicht etwa für mehr Gerechtigkeit. Diese Organisation hat auch so ihre Probleme damit, den Regierenden verständlich zu machen, warum ein Halbgott in Weiß nicht 72 Stunden am Stück wach sein sollte, oder warum manche Menschen auch mal gerne so etwas wie eine realistische Bezahlung bekommen würden für ihre Dienste.

Die Studentenbewegung, der Marburger Bund (den ich an dieser Stelle nur stellvertretend für all die Lebensretter dieses Landes nenne) und alle anderen solidarisierten Parteien, Gewerkschaften, Gruppen und Bürger haben ein Ass im Ärmel, ein Großereignis, die Mutter aller Hypes: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Von Satirikern ermöglicht, von Politikern ausgenutzt, von Konzernen zur Profitsteigerung auserkoren - und von der ganzen Welt beobachtet. Wäre ich Fußballfan, dann würde ich darin etwas positives sehen (Ja was eigentlich? Freude am Spiel? Ballkunst in Vollendung? Survival of the Fittest?), aber ich bin, nach wie vor, ein Student, der so tut als wäre er Journalist, und so fiebere ich eher den abgründigeren Szenarien entgegen: Knapp vereitelte Anschläge auf Fußballstadien, von Protestierenden verstopfte Straßen zu den Veranstaltungsorten - und das totale Versagen der Regierung, die aller Welt erklären muss, warum kaum Ärzte da waren, als man sie am dringendsten brauchte.

Die Szenarien, die man sich da ausmalen kann, scheinen beide Seiten beflügelt zu haben: Die Studenten & Ärzte gaben bereits bekannt, dass die Traumspiele in Hessen (u.a. mit England, Argentinien, Holland und Portugal) definitiv zum Protest genutzt werden würden - und die Exekutive reagiert entsprechend. Es vergeht mittlerweile fast kein Tag mehr, an dem hier keine Berichte von gezielten Einschüchterungsmaßnahmen eingehen. Studenten werden bei Kundgebungen wahllos und unbegründet festgenommen oder mit Schlagstöcken verprügelt und über dem Marburger Studentendorf werden immer wieder tief fliegende Polizeihubschrauber gesichtet. Die Botschaft, die dahinter steckt ist klar: Wir werden das Gesetz durchbringen, koste es was es wolle.
So witterten auch manche, dass der lange Arm des Gesetzes nicht ganz untätig war, als am ersten Spielwochenende der Marburger Uni-Server "ausfiel", was - oh Wunder oh Wunder - natürlich der revolutionären Logistik einen schweren Schlag in die Magengrube verpasste.


[6] Aktion Mutante // Viele offene Fragen // Die CDU zum Thema Herpes

"Eine Gesinnung, die sich des Rechten bewusst ist, lacht über die Lügen des Gerüchts."
- Ovid

Womit wir in der Gegenwart angekommen wären. Die selbstgesetzte Deadline Donnerstag, 15.06.2006 rückt bedrohlich nahe, und diese Story verzweigt sich immer weiter zu einer Art postmodernem Italo-Western, voller Anspielungen auf andere Genres und mit einer bedrohlich hohen Zahl an Statisten. Das ursprüngliche Konzept habe ich schon vor Tagen weggeworfen - alleine der Gedanke, diese Situation lehrbuchgemäß zu beschreiben widerstrebt einem - solange man doch auch genauso gut zu der Alternative greifen kann, nach dem Schrotflintenprinzip vorzugehen. Ja, baller alles raus, was du finden kannst, und hoffe, dass etwas richtiges getroffen wird. Und wer will mich aufhalten? Vor beinahe zwei Wochen habe ich versucht, mit einigen der Rädelsführer in Verbindung zu treten. Nur ein paar Fragen? Ein Statement? Ein Gerücht? Irgendwas? Bitte!

Aber nein, keiner hatte Zeit. Irgendwann war ich so frustriert darüber, dass ich nach anderen Leuten Ausschau hielt... jemand von der Basis, die Stimme des kleinen Mannes – auch wenn die Vorstellung, stattdessen der CDU Hessen eine Bitte um Stellungnahme zu Themen wie Herpes, Studiengebühren und drohendem Faschismus zukommen zu lassen, auch einen gewissen Reizes hatte. Okay, ich würde zwar binnen Sekunden auf die schwarzen Listen jedes staatlichen Kontrollorgans gesetzt werden, vom BKA über Grenzschutz, Verfassungsschutz und den Pfadfindern bis zu den paar noch lebenden SS-Schergen in Argentinien.

Ich wählte, wie gesagt, den Mittelweg des kleinen Mannes, und vereinbarte mit meinem Kontaktmann, dass er einen befreundeten Drogendealer und/oder Kiffer (die Grenzen sind fließend) mit verruchten Substanzen voll stopfen & ihn dann vor den PC setzen soll, alles vorbereitet für ein Frage-Antwort-Spiel der digitalen Art. Ich überlegte, welche Fragen ich stellen könnte, aber am einleuchtendsten klang immer noch "Wie läuft das Geschäft?", gefolgt von "Stimmt diese Story über die angeblichen Polizeihubschrauber?" und dann später, nachdem er sich warm geredet hat, "Was sind die abgefahreneren Gerüchte, die du im Moment so aufschnappst?" Was die vielleicht beste Frage gewesen wäre, die man einem Kiffer unter solchen Umständen stellen kann. Kiffer neigen dazu, einfache Dinge auf humorvoll-verquere Weise wiederzugeben, was (a) gut ist um Platz auf weißem Papier zu füllen und (b) unweigerlich den Geist der ’68er beschwören würde. Wie nennt man das in der Politik? Stallgeruch?

Aber zu dem Interview kam es auch nicht, aus Gründen, die ich nur ahnen kann. Die Situation in Hessen scheint im Moment ähnlich verwirrt, überreizt und von ausuferndem Wahnsinn geprägt zu sein wie die letzten Tage im Berliner Führerbunker - ohne das wertend zu meinen. Ich begehe nicht die selben Fehler wie Stompfe, nein, ich begehe neue.
Wobei es wirklich immer schwieriger wird, den Überblick zu bewahren, wenn einem Geschichten erzählt werden, wonach zum Beispiel Michael Gorbatschow sich öffentlich mit den hessischen Studenten solidarisiert haben soll (die anderen vier journalischen W’s schenke ich mir, mit Bitte um Verständnis & Mitleid) - oder dieses Geschwätz, dass die Vita des hessischen Wissenschaftsministers Udo Cort ein paar Jahre als Müllmann beinhalten würde.


[7] Die Gummibärenbande // Die Rache der "Lisa 1" // [Situation nachgestellt]

"Alle Einsatzkräfte sind gehalten, in unverfänglichen Situationen jederzeit Kontaktbrücken zu schaffen."
- Polizeiführer Stelzenbach (06.06.06)

"Die Welt" zitiert in einem erfreulich unobjektiven Artikel den Frankfurter Polizeipräsidenten Armin Thiel mit den Worten "die Zeit der langen Leine" für die Studenten sei nun endlich vorbei - und es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was er damit meint.
Wobei der Polizei mal wieder die undankbarste Rolle in diesem Lustspiel zukommt: Als lebendes Schutzschild die von der Politik verantwortungslos aufgestachelten Massen aufzuhalten, koste es was es wolle. Dass aber nicht jeder Polizist ein schlagstockschwingender Nazi mit Oberlippenbart und Stammtischethik ist, fällt dabei völlig unter den Tisch - die Würfel sind gefallen. Es ist Sommer; starke Hitze und hohe Ozonwerte haben noch nie ihre Wirkung auf wütende, siegessichere Menschenmengen verfehlt. Es scheint zwar niemand zugeben zu wollen, aber beide Seiten sehnen sich nach Märtyrern.

Was ja auch mehr oder weniger wahr ist. Aber leben wir wirklich noch Ende der 60er? Oder balgen sich die Studenten dieses Jahrtausends mit einer neuen Polizeimentalität? Vor einer Woche hätte ich auf solche ketzerischen Fragen noch "Fuck, nein!" geantwortet. Polizisten sind, waren und werden auch immer Lakaien des Teufels sein. Bis mir jemand eine eMail voll erheiternder Hintergrundberichte lieferte. Er sprach von den marburger Gummibären (Polizisten) wie von Saufkumpanen. "Die sind hier in Marburg tendentiell auf unserer Seite," sagte er. Und das sind die Friseusen sicher auch. Aber er hatte noch eine Pointe: "Nicht nur, dass viele von ihnen brav die Petition für den Landtag unterschrieben haben und man sich dann nach Ende der Aktionen nett Gutnacht sagt und sich versichert, dass man sich ja auf den nächsten Polizeifestspielen wieder sieht, nein, bei der Unterschriftensammlung ist uns gleich noch der Einsatzbefehl der Polizei für die letzte Mittwochsdemo in die Hände gefallen."
Und in der Tat, den hatten sie, sogar online. "[P]rotest[- und] gewaltbereite Gruppierungen des linken Spektrums" und "studentisches Klientel" (zum Teil namentlich genannt) soll demnach durch "polizeiliche Maßnahmen [...] Grenzen aufgzeigt" und "bei potenziellen Störern [...] gezielt, offensiv und deeskalierend Gefährederansprachen" durchgeführt werden.

Wie war die Demo heute? Hattet ihr Trouble mit den Grünen? Nein... sie waren in Ordnung wie immer. Ich weiß... ich hätte nichts trinken sollen... aber irgendwann hatte ich mir in den Kopf gesetzt, Roland Koch mit seinen eigenen Schuhen totzuprügeln. Großer Gott! Und dann? Wurdest du festgenommen? Nein... die Grünen blieben ruhig. Noch ehe ich ihm den Schuh ganz ausgezogen hatte, nahm mich einer beiseite - ein etwas älterer, irgendwie ... ja ... väterlicher Typ. Und dann? Hat er dich zusammengeschlagen? Nein, er blieb ganz ruhig. Und dann hielt er mir eine gezielte, offensive und irgendwie deeskalierende Gefährderansprache. Und ich muss sagen: Er hat mich echt überzeugt. Ich hab mich sogar bei Koch entschuldigt.

Wir leben in einer schönen neuen Welt, in der Polizisten wirklich väterliche Kumpeltypen sind - wie Hirten, die ihre kleinen, verwirrten, kriminellen, schwarzen Schäfchen wieder zur Herde zurückführen. Das sind die wahre Staatsdiener - sie befolgen die Befehle von oben und respektieren die Wünsche von unten. Kassieren bei den Reichen und kooperieren mit den Armen.
"Naja, bis auf die jungen Polizisten," schrieb der Autor der oben erwähnten Mail. "Die stehen mehr auf Pfefferspray und Kampfhunde."

Und selbst über die kann man sich zumindestens noch beschweren. Zum Beispiel bei Polizeiführer Stelzenbach (Codename "Lisa 1"), dem Bereitschaftsrichter Herr Schauß oder bei der Bereitschaftsstaatsanwältin Frau Vockert - für alle werden in dem durchgesickerten Bericht Telefon- und Handynummern angegeben.


[8] Düstere Visionen // Abschlussbetrachtungen // Der Untergang des Abendlandes

Jetzt, nachdem ich mich zwei Wochen aus der Distanz mit der Problematik beschäftigt habe, füllen sich meine Träume immer öfter mit apokalyptischen Bildern...
Sämtliche Beteiligte haben Benzin ins Feuer gegossen, und wenn die blutverschmierten, leblosen Körper irgendwann von den Straßenschlachtfeldern getragen werden, wenn der letzte Molotov-Cocktail geworfen ist und das letzte Protestbanner wie ein zerrissenes Segel im Wind baumelt, dann wird die Zeit der großen Schuldzuschiebung kommen.
Jeder wird sein Fett weg bekommen: Die CDU, die sich schon seit Jahren systematisch von der Realität verabschiedet, wird ihr Gesetz vielleicht durchbringen. Die Studenten, deren Ziele friedlich und verdammt richtig, aber naiv waren, werden die Zahlung vielleicht boykottieren. Die SPD, die sich insgesamt betrachtet in der Sache zu zögerlich verhalten hat (und nach Wowereits Eigentor, dass Studiengebühren doch eigentlich eine schöne Sache wären, auch höchst unglaubwürdig da steht) wird vielleicht die nächste Wahl gewinnen - zumindest kann sie auf einen etwas stärkeren Zulauf bei Jugendlichen und Erstwählern hoffen, was aber auch kein großer Sieg darstellt, glaubt man den Statistiken, die Roland Kochs Beliebtheit bei Jugendlichen knapp unterhalb der von Herpes sehen. Dennoch werden die Studiengebühren, sollte die CDU damit durchkommen, in den ersten 100 Tagen einer zukünftigen SPD-Regierung Hessens wieder abgeschafft werden – so zumindest das vollmundiges Versprechen.

Der große Gewinner der Sache, wenn überhaupt, wird der Staatshaushalt sein - und damit auch dessen hässlicher, entstellter Abkömmling, die Bürokratie. Die Polizisten werden auch gewinnen, nämlich gut bezahlte Überstunden - 8 Millionen Euro soll man trotz leerer Kassen alleine dafür eingeplant haben. Vielleicht springt auch für Gorbatschow bei der ganzen Sache noch etwas raus - warum nicht? Die Deutschen lieben ihn, sein Muttermal macht ihn einmalig, und er hat schon einmal gezeigt, wie man mit seinem berühmten Regentanz Tauwetter einleiten kann. Karin Wolff wird bald arbeitslos sein, oder nach Berlin weggelobt, um ihre Botschaft und ihr Verkleidungstalent der ganzen Republik nahe zu bringen - eine gut bezahlte Stelle wäre für den alten Knaben aus Mütterchen Russland also frei.

Aber die Bildung? Sie hat schon mehr gelitten als viele andere einst so großartigen Aspekte unserer Nation. Ihr Ruf ist schlecht; und wenn man den Medien glauben schenken will, dann verwandelt sich jedes menschliche Wesen, dass sich längere Zeit mit deutschen Schulen beschäftigt in einen faulen, selbstgerechten Lehrer oder einen unmoralischen, verdorbenen und hoffnungslosen Schüler.
Aber wir haben, nach wie vor, etwas vorzuweisen. Wir haben nach wie vor die Pflicht, für unsere Freiheit einzutreten. Freiheit der Bildung ist nicht nur ein Stützpfeiler der Demokratie, sie ist auch das Rückgrad unserer gesamten Zivilisation. Kennedy brachte es auf den Punkt als er sagte "Es gibt nur eine Sache auf der Welt die teurer ist als Bildung: Keine Bildung", und in meiner Vorstellung nickt er dabei düster. (hes)
* Zeichnungen von Tina Sasse
 
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6.03.2006
  Dem deutschen Volke
Während sich die Kollegen der Wahrheit über Nachwuchs auseitern, Genosse raf mit Tequila gefüllte Schwedenbomben reflektiert und Java Scripts einen morbiden Beigeschmack bekommen, ging ich auf Tournee. Ein Tatsachenbericht...
Morgens halb sieben in Wien. Nein, keine Werbemetaphorik sondern blutstuhliger Ernst. "Wo bleibst du, Arschloch?" Ich habe verschlafen, wische mir die Tablettenreste aus dem Mund und blicke verwundert auf die Dame mit Wimpern wie Drahtborsten an meiner Seite. Nicht nur, dass sie eine thailändische Erasmus-Stundentin mit phragmentarischen Deutschkenntnissen, den ersten Äther-Erfahrung vor wenigen Stunden und weiß Gott kein Mensch mit gesunder Gesichtsfarbe ist, sie ist auch noch pure Phantasie! Ich schüttle meinen Kopf, sie verschwindet nicht. Wir unterhalten uns kurz über fernöstliche Beinamputationsmöglichkeiten, als plötzlich ein Bus auf den Gehsteig vor meinem Haus hält. Ich schütte mir eine Tasse kalten Kaffeesud ins Gesicht, denn das Wasser wurde mir schon vor Wochen abgestellt. "Beeil dich, Sackgesicht! Wir fahren nach Deutschland!"
Eigentlich hätte ich in diesem Augenblick nichts anderes tun sollen, als die Identität zu ändern, aber es war zu spät. Die Tour begann.
Sechs mühsame Stunden Autofahrt. Schengen sei Dank, dass ich mir auf der Grenze nicht in die Hose geschissen habe, wäre ob der im Magen mitgeführten Fracht auch keine allzu kluge Idee gewesen. Wie sollte ich sonst die kommende Woche überstehen? "Dreh die Heizung runter! Hier drin hat es ja eine Hitze wie einem pakistanischen Auffanglager". "Die Heizung ist aus und die Fenster offen. Aber du siehst auch nicht gerade gut aus, mein Freund." Ich nahm die Sonnenbrille ab und traute meinen Augen nicht. (Was ich zwar grundsätzlich nie tue, aber in diesem Fall, wurde die Redensart blanke Gewissheit.) Ich konnte meinen Augen auch gar nicht trauen, denn sie waren schlichtweg nicht vorhanden. Dafür aber eine glühend rote und behaarte Masse in Kopfform die ich verschwommen und nach einiger Überlegung als meine eigene Fratze identifizierte. Ich holte aus meiner Short einen verkrümmelten und übel riechenden Joint und entspannte mich erst mal ordentlich. Aber so schnell, wie die Preußen schießen, waren wir angekommen. Mainz. Was für ein Drecksloch.
Mittlerweile war es früher Abend. Noch zwei Stunden bis zum Auftritt. In einer triefenden Hafenkneipe. Was soll eigentlich dieser ganze Hafen-Scheiß? Ein Meer konnte ich beim besten Willen nicht entdecken. Linkslinkes Fußballgesocks, wohin man blickt. Nicht dass ich etwas gegen Fußballmarxismus hätte, aber weder das eine noch das andere lässt sich miteinander verbinden. Wann begreift ihr das endlich und beginnt, euch Gedanken über wichtige Dinge zu machen, Idioten? "Hast du dir überlegt, was wir heute auf der Bühne machen?" Scheiße. Konzeptzwang. "Nein, was soll’s? Beschimpfen wir doch einfach diesen Drecksverein Mainz 05, holen wir uns die Kohle und fahren weiter. Mehr haben die nicht verdient." Gesagt getan. Nach sieben Minuten war die Stimmung dermaßen am Brodeln, dass wir so schnell wie möglich verschwinden mussten. Der Veranstalter war von der Performance weniger begeistert als wir selbst. Als er sich sträubte, das Fahrtgeld rauszurücken, entschieden wir uns für die direkte Überweisung. Bar auf die Hand und via Bahre ins Krankenhaus. Noch schnell ein paar Kisten Bier geklaut und auf zur Übernachtungsmöglichkeit.
Wir betraten den Plattenbau und keucthen bis in den 17. Stock. "Mach schon, der Sammler mag’s nicht, wenn man ihn warten lässt." Der Sammler. Seit vier Jahren hat er die Wohnung nicht verlassen. Der Wundbrand beginnt, ihn aufzufressen. "Hinsetzen". Er begrüßt uns gewohnt freundlich. Einige Stunden und Rezeptmedikamente später legte er die letzte Sprachplatte auf. "Hier haben wir was Gutes." "Muss das sein?" "Halt die Schnauze, oder ich ruf die Bullen!" Diese Deutschen und ihre direkte Art… Ich machte es mir zwischen den fauligen Bandagen gemütlich und schlief mit offenen Augen, in die mir in periodischen Abständen gehaltvolle Flüssigkeiten eingetröpfelt wurden.
Keinen Tag länger wollte ich hier bleiben. Nach einem ausgiebigen Frühstück im Wohnzimmer der senilen Nachbarin nahm ich noch einige "Alles Liebe, dein Enkelsohn Walter"-Fresspakete mit und wir fuhren weiter. Nächste Station: Bamberg.
Die katholische Kirchturmhölle brachte mich erneut zum Schwitzen. Dabei waren wir noch nicht mal ausgestiegen. "Wo sollen wir denn hier schlafen?" "Ich kenn jemanden, mach dir keine Sorgen." Aber die machte ich mir. Zu Recht, wie sich letztlich heraus stellte. "Wer ist da? Egal! Verschwindet, oder ich vergess mich!" "Das wäre ja nichts Neues. "Mach' schon auf! Besuch aus Wien ist da!" Wir betraten das 15 Quadratmeter große Dachbodenabteil und stiegen über aufgerissene "Essen auf Rädern"-Packungen mit DMark-Preisetiketten. "In Ordnung. Aber verschwindet bald wieder." Der Maler, Freundlichkeiten niemals abgeneigt. "Was machst du so?" "Na was wohl! Ich male." Wir betraten das Atelier. Es roch wie in einer still gelegten Metzgerei. "Das ist der Biber-Zyklus, schön nicht?" Ich kotzte schon, bevor ich das ganze Ausmaß des Grauens vor meinen Augen wahrnehmen konnte. Zwei zerfleischte Biber wurden mit Gafferband an eine Leinwand geklebt und anschließend mit der eigenen Magensäure eingerieben. Was für ein Anblick. "Verkaufst du den Dreck?" "Natürlich. Glaubst du, ich mach das zum Spaß?" Eigentlich eine logische Antwort. "Können wir hier schlafen? Wir haben noch Auftritt und wollen nachher nicht weiter fahren." "Macht was ihr wollt, ihr könnt in der Küche pennen. Aber Finger weg von den Fellen! Ohne die erfrier ich noch!"
Selbes Programm, selbes Procedere in punkto Fahrtengeld. Als wir danach vergeblich ein nettes Etablissement mit ukrainischer Bedienung suchten, gingen wir zur temporären Unterkunft. Die blutverschmierten Scheiben ließen uns an der Qualität des Schlafplatzes zweifeln. Aber wir hatten keine Wahl. In einem Hotel wurden wir schon seit Jahren nicht mehr aufgenommen. "Was wollt ihr hier, verschwindet!" "Aber du hast gesagt, wir können hier pennen, erinnerst du dich nicht!" "Nein, haut jetzt ab, ich habe zu arbeiten." "Woher kommen diese Geräusche? Klingt irgendwie nach Schafen." "Und dieser Gestank, hast du dich angepisst?" "Ja, aber das geht dich nichts an, du Arschloch! Verschwindet! Und lasst ja die Finger von meinen Fellen, sonst vergess ich mich!" Das wollte ich gerne glauben.
Wir schliefen im Wagen. Morgens wurden wir von einem zuvorkommenden bayrischen Polizisten geweckt, dessen Bierfahne schlimmer war als die unsere. Was soll das denn heißen, eine Insel ist nicht zum Parken da? Diese Deutschen, obrigkeitshörige Lakaien!
"Es geht weiter, mein Lieber, wir sind noch nicht fertig." Oh doch, das war ich. "Ich kann nicht mehr. Ich halte das nicht länger aus." "Was denn, machst du schon schlapp? Ich dachte, du hältst mehr aus." "Es sind ja nicht die Drogen und unsere Bekanntschaften, es ist dieses Land. Ich werde noch wahnsinnig." Und das wäre ich ohne die beruhigenden Valiummengen, die wir der Nachbarin des Sammlers geklaut haben, noch viel schneller passiert. Das deutsche Volk scheint derzeit völlig wahnsinnig zu werden. Alles wird schwarz-rot-gold zugeschissen und die Neo-Nationalisten a la Pocher und Sportfreunde Stiller kriechen aus ihren verdreckten Löchern und überschütten die Welt mit positivistischem Fußballgekreische. Vergesst ja nicht eure Schuld, meine Freunde! Was habt ihr denn sonst? Österreich war ja nur das Rohstofflager des Völkermords.
"Du wirst sehen, wir kommen jetzt nach Berlin. Da ist alles besser." Von wegen. Angekommen in Kreuzberg sah ich in die Fratze des neu auferstandenen Volksstolzes. Ausländer mit Deutschlandtrikot! Überall, wo man hinblickt! "Hey, Deutscher, weißt du, dass für die WM dutzende von Gesetzen einfach außer Kraft gesetzt werden?" "Machen Sie mir ja nicht unser Land schlecht, wa? Ich bin nämlich stolz drauf, ja, hör du mir bloß auf, mit deinem Pessimismus!" Wir mussten raus. Die letzte Nacht mussten wir durchmachen, da unser Bekannter, ein bekennender Schweißfetischist zu einem Studienaufenthalt in die äußere Mongolei aufgebrochen war und unser Auto schon abgeschleppt wurde, als wir noch nicht mal den Motor ausgemacht hatten. In der "Wulka-Bar" freundeten wir uns noch schnell mit tschechischen Gesellschaftsdamen an, die uns dummerweise unsere letzten Ersparnisse klauten. Wie es der Zufall so wollte, fanden sich jedoch am Nebentisch zwei kroatische Fußballfans, deren Tickets wir uns kurz ausborgten ("Wie sehn’ die eigentlich aus?"). Mit dem Verkaufserlös konnten wir bequem nach Wien fliegen und die Stewardessen noch zu einer Nachbesprechung im Hangar überreden.
"Gehn’ wir morgen zum Sportklub-Spiel?" "Nein, Li hat keine Lust auf Fußball." "Wer zum Teufel ist denn Li?" "Das würde jetzt zu weit führen." (grr)
 
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6.02.2006
  Schwedisch für Schwaben
In Augsburg zu Schwaben ist die Welt schön, heil und vor allem bierselig. Nüchtern betrachtet ist es eine häßliche Industriestadt, die zufällig 2000 Jahre Geschichte aufzuweisen hat. Aber man muss ja nicht unbedingt nüchtern sein...
„Ist dir eigentlich jemals aufgefallen, dass 'Dancing Queen' von ABBA ein Lied über Sexualverbrechen ist?” Gut, ich hatte bereits vier Tequila in mir, die ich mir beim Karaoke-Contest in einem Augsburger Irish Pub mit einer absolut grenzwertigen Interpretation von „Right said, Fred – I'm too sexy“ verdient hatte; so besehen kam eine Entwicklung des Gesprächs in diese Richtung nicht ganz unerwartet. Was hätte man auch anderes erwarten sollen... in Augsburg, Stadt meiner Väter, von Mozart Senior, der Fugger, Brecht und unzähligen gigantischen Dieselmotoren aus dem Hause MAN.
Eine mehr als 2000 Jahre alte Siedlung, zerfressen von Industrie und CSU-Plakaten. Wo man mehr Russisch als Türkisch auf den Straßen hört und wo die linke studentische Elite an sonnigen Donnerstag Nachmittagen gepierct und mit schwarz geschminkten Augen im Biergarten einmütig neben EX-SS-Sturmführern aus dem Chiemgau hockt und eine Radler-Maß zu den Klängen der Alt-Allgäuer-Heartbreaker-Buam säuft.
Augsburg ist eine Stadt, die so belanglos ist, dass einem angesichts der Geschichte die Tränen kommen könnten. Augusta Vindelicorum, freie Reichsstadt, auf dem Reichstag zu Augsburg wurde 1530 das Impressum beschlossen. 476 Jahre Pressezensur. Das ist doch was. Die Fugger haben sich ganze Monarchien gekauft. Das Bert Brecht Gymnasium kündet vom großen literarischen Sohn der Stadt; allerdings erst seit 1992, als die Roten an die Macht kamen.
„Früher war Augsburg eine wunderschöne Stadt“, pflegt mein Großvater in solchen Situationen immer gerne in seinen Bart zu nuscheln. „Aber die scheiß Tommies haben ja nix übrig gelassen. Der Ami, der hat wenigstens noch am Tag bombardiert und nur auf die Industrie. Das war schon recht so, aber die Tommies...“ An dieser Stelle folgt in der Regel die Geschichte, wie er es im Frühjahr 44 einmal nicht in den Keller geschafft hat, bei einem Angriff der Briten. In seiner Verzweiflung hat er sich während des Angriffs auf ein schweres Ledersofa gelegt, dass vor einem zerbombten Haus stand. Das Sofa wurde von den Druckwellen der Bomben zwei Meter hoch durch die Luft geschleudert und mein Großvater hatte solche Angst, dass er in diesen Minuten den Lederbezug des Sofas mehr als einmal durchgebissen hat. Dann erzählt mein Opa (Jahrgang 1930) stolz, wie er sich 45 in den letzten Tagen vor dem Ende, in den Trümmern von Augsburg vor der SS versteckt hat, damit die Volkssturm-Wichser ihn nicht einziehen können. Historisch gesehen hat sich meine Familie nichts vorzuwerfen. Ich bin ein unbefleckter Deutscher. Sogar in Augsburg. A propos unbefleckt:
„Ähm...'Dancing Queen' von ABBA ist ein Lied über WAS?!“
„Ein Lied über einen Sexualverbrecher, der eine 17-jährige vergewaltigt, tötet und vergräbt. Pass auf: 'Dancing Queen, only seventeen'. Wir haben es also mit einer Minderjährigen zu tun. 'Dancing Queen, feel the beat of the Tambourine'. Das ist eine Reminseszenz an die männliche Potenz, die sich vom Tanz des Mädchens in Wallung bringen lässt. Und dann passiert folgendes...“ Ich versuche krampfhaft in diesem Karaoke-verseuchten Irish-Pub in der Augsburger Innenstadt die Kellnerin auf mich aufmerksam zu machen. Was gar nicht so einfach ist, denn gerade gibt Giacomo auf der Bühne lautstark seine Interpretation eines Ramazotti-Klassikers zum Besten. Ich kämpfe kurz gegen das Gefühl an, eine Schlägerei anzuzetteln. Augsburg. Herrje, diese Stadt fördert wahrhaftig das grusligste im Menschen zu Tage. Alkexzesse, ABBA-Verschwörungstheorien, Ramazotti. Ich weiß gar nicht was schlimmer ist: Der ABBA-Interpreter vor mir, Giacomo hinter mir oder die Tatsache, dass der Tequila alle ist. Augsburg – nüchtern betrachtet – ist wohl einer der langweiligsten Flecken, den man sich vorstellen kann. Das ist auch Grund, warum ich Augsburg nie nüchtern betrachte.
Tja, und nach dem Krieg kamen die Amis nach Augsburg. Zwei Generationen von Schwarzen und White-Trash bereiteten sich in ihren Kasernen darauf vor von sowjetischer Artillerie zerfetzt zu werden. Heute sind die Kasernen Sozialwohnungen, in denen vorwiegend Russland-Deutsche hausen. Eine dieser kleinen Ironien, die Geschichte bereithält.
„Und jetzt kommt der Hammer!...Hey, hörst du mir überhaupt zu?“ Ich nicke und halte nach der Kellnerin ausschau, wie ein Beduine nach einer Oase. „See the girl, watch the scene, dig in the Dancing Queen. Das ist doch der Hammer, oder?“ Für einen kurzen Moment will ich widersprechen, will mich in einen intellektuellen Disput über Textinterpretation und Klinikeinweisungen einlassen. Vergrab die Tanzkönigin. Ich bin in Augsburg und der Tequila ist alle.(raf)
 
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5.27.2006
  Rookies für die Wahrheit (Teil 1)
Als unermüdlicher Arbeiter für die Wahrheit ist man mit allerlei beängstigenden, bizarren und bisweilen betörenden Ereignissen konfrontiert: Nacktangeln am Stubenberger See ist dabei nur eine der großen Herausforderungen. In letzter Zeit häufen sich E-Mails von seltsamen Typen, die die Wahrheit mit ihren eigenen Ergüssen bereichern wollen. Und weil sich Grr, Sas, Foz und meine Wenigkeit nie einig sind, haben wir uns folgendes Überlegt: Ab sofort werden alle eingesendeten Geschichten unter der Rubrik "Rookies für die Wahrheit" publiziert. Und Ihr, liebe Leser, könnt mit euren Kommentaren entscheiden, ob wir diese Typen ins Kollektiv aufnehmen sollen. Zerreist, oder lobt in den Himmel! Den Anfang macht Till.

Unterhaltungs-Industrie oder individuelle Lebensfreude?
Auf der Suche nach dem Geist oder der Seele der Jugendkultur. Ängste und Hohn auf einem im eitrigen Herz meiner Generation...
Leichte Übelkeit setzt ein und außerdem glaube ich das ein nüchterner Kopf in gewissen Situationen doch besser sein kann,
gerade wenn es darum geht gesellschaftlich aktiv bleiben zu können. Aber das war ganz und gar nicht das Ziel des heutigen Abends. Um genau zu sein wusste ich nicht ob es überhaupt ein solches gibt.
Wie dem auch sei: Mit einem College-Block, einem Werbegeschenk-Kulie, riesiger Sonnenbrille (was mir selber, obwohl ich es wirklich nur tat um meine Augen zu verbergen, verdammt klischeehaft vorkam), stieg ich aus dem Auto (meiner Mutter) wie es wohl an diesem Abend an die 200 Jugendlichen tuen werden. Schon vernahm ich die ersten dumpfen Bässe, die mir das Musikprogramm des heutigen Abends ankündigten. "Auf geht's", dachte ich mir und mein vollkommen betrunkener Kumpane trug mit mir einen jungfräulichen Kasten "Öttinger Pils" die Straße hinauf in Richtung "Fest-Zelt". Dort angekommen suchte ich mir ein etwas ruhigeres Plätzchen um mein - na ja man kann sagen - Lager aufzuschlagen; die Szenerie noch gut im Blick aber dennoch weit ab von Urin-Strahlen und Kotzlavienen. Mein Begleiter zog mit den Worten "Ich skalpier einen von diesen Hundesöhnen, wenn sie heute Abend kein (Iron) Maiden spielen" los. Mir war das alles relativ egal. Mein kleines Holzpfeifchen ausklopfend sah ich von hier die Mengen an Menschen, die sich in einem Art abgezäunten Bereich aufhielten, wie Mastschweine.
Eingesperrt bekamen sie nicht nur nahezu zwanghaft die Musik sondern auch das Bier eingeflösst. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das so kritisieren wenn nicht sogar anprangern darf, wo ich doch selber ein Freund berauschender Mittel bin, aber in der Form wie es diese willenlosen Niemandes taten hatte nichts mehr mit meiner Vorstellung von Bewusstseinserweiterung zu tun. Wie sich die weißen Schlafanzügen ähnlichen Gewänder, in die sich die so genannten "Pseydo-Ghetto-Kidz" kleideten mit Schlamm bespritzen, nicht etwa im extasischem Tanz oder bei wilden Matschorgien (wie ich sie nur aus Woodstock (DVD) kenne) nein: beim einfachen Pöbeln vor dem Würstchenstand, bei der Klärung der Frage wer nun zu erst sein Stück zermalenes Fleisch in Kunstdarm entgegen nehmen darf. Es machte mich traurig, wie ich mir die unglaubliche Tragödie dort unten ansah.
Auch zwei weitere Köpfchen und wildes Antiagressions-Kugelschreiber-Kritzeln halfen
da nichts mehr. Ich musste dem Problem auf den Grund gehen. Mit einem Bier und Sonnenbrille trat ich mit mir einem selbstgemalten Stempel auf der rechten Hand in das total vermatschte Zelt ein.
Künstlicher Nebel und halbnackte "Chicksen" prägten hier das Bild. Mich begrüßt eine Mädchen meines Alters deren Worte ich bei der
Lautstärke nicht mehr verstand, im Weitergehen viel mir plötzlich ein das es meine erste Freundin (damals 4. Klasse) Annelie gewesen sein muss. Mit ihr kamen schreckliche Erinnerungen an eine Zeit, die ich nur zu gerne Verdrängen würde. Verdammt ich war einfach viel zu drauf um mich mitten ins Getümmel zu stürzen. Ich tat es trotzdem.
Einmal durch und dann schnell wieder weg. Dröhnende Musik, kaum noch Gleichgewicht, Scheiße ich weiß jetzt ganz genau was ich hier hasse, verdammte Scheiße. Jetzt nur schnell wieder raus. Als ich jedoch in einer 180 Grad-Wendung, auf deren Fliegkräfte ich selber nicht eingestellt war, einer jungen Dame in der Nähe der Tanzfläche auf den Fuß trat und mich um mich vor einem Sturz zu retten nur noch an ihrer Hüfte abstützen konnte, erfuhr ich schon einen ziemlich festen Schlag ins Gesicht. Von einem Typen, dessen Äußeres wohl wie eine Mischung aus Bushido und Silvester Stalone gleich kam der mich mit 90% Bewusstlosigkeit beschenkte. "In dem verdammten Schlamm hat man absolut kleinen Halt mehr", hörte ich mich selber denken und stürzte über eine, im Nachhinein ziemlich komisch platzierte, Bierganrnitur in den Schlamm. "Bleib liegen bis der ganze Mist hier vorbei ist", dachte ich mir, "2 oder 3 Stunden Schlaf sind jetzt sowieso angebracht". Da packt mich aber schon eine Hand an der Schulter und probiert mich aufzurichten. "Nich noch mehr Gewalt bitte", flüsterte ich. Aber nein es war nicht mein Neo-Faschistischer Assi-Freund. Es waren zwei junge auf den ersten Blick nicht identifizierbare junge Frauen. Verdammt waren das Sanitäter? Oder wollten die Hundesöhne, die mich schon wieder ins Irrenhaus stecken. Meine Angst war unbeschreiblich. Sie schleppten meinen nur schwach mitarbeitenden Körper in Richtung Ausgang und von den verfluchten Weichei-Securities weiter weg in Richtung einer nahe gelegenen Wiese. Wollten diese Frauen mich vergewaltigen? Oh nein, ich glaube in dieser Rollenverteilung war das wohl kaum möglich. Sie legten mich auf den Rücken und nahmen mir eine völlig verbogene "High-Way-Polizisten-Sonnenbrille" ab. Wer zum Teufel waren diese Engel. Es stellte sich heraus das diese beiden Damen einfach nur Mitleid mit mir gehabt hatten und glaubten mit ihrer Handlung etwas mehr Liebe in diese Welt bringen zu können. "`Hippies?!`". "Na ja so was ähnliches.“ Mist schon wieder zu laut gedacht, aber sie lächelte. Gab es in dieser Grauen mit Atomkraft zum Strahlen brachten Menge noch wirklich gutherzige selbstdenkende Individuen? Ja! ich glaube schon. zumindest wollte eine der Beiden mir das wohl noch genauer bei ihr zu Hause erklären. Ich konnte nur willenlos zustimmen.
 
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5.09.2006
  Viel zu viel Fett
Was machen drei kaputte Musiker, wenn sie in eine Polizeikontrolle geraten? Sie spielen um ihr Leben. Manchmal haben nicht nur die dummen Glück, sondern auch die Dicken... und die Fetten...
Wir hätten gewarnt sein müssen, wir hätten uns verkriechen sollen an diesem verpissten Dienstag; auch gegen 16 Uhr der Versuchung aufzustehen widerstehen sollen. So wie an jedem anderen Tag. Wir hätten in unserem netten kleinen Drogennest hoch über Graz zu bleiben sollen, wo keine Bullen vorbei schneien und sich auch sonst niemand einen Dreck um zwei dicke Deutsche und einen kaum merklich weniger fetten Tiroler schert, die an einem wolkig grauen Mai-Nachmittag nur bekleidet mit Bademänteln und Bermudashorts im Vorgarten ihres Hauses sitzen und Billigbier aus Dosen trinken.
Wir hätten wissen sollen, dass wir an diesem Tag das Schicksal nicht herausfordern sollten. Der Blick in den Kühlschrank war eine letzte Warnung gewesen: 4 Scheiben Toastbrot, eine halbe Tube Estragonsenf und eine leere Dose Tunfisch...
Wie auch immer, der gähnend leere Kühlschrank hätte als deutliches Zeichen der herannahenden Katastrophe gedeutet werden sollen. Wir hätten uns duschen, anziehen und die 1,4 Kilometer zum nächsten “Nah und Frisch”-Markt wandern sollen, dort das wichtigste einkaufen (Eine Flasche Jacky, eine diesmal volle Dose Tunfisch und Kartoffelpüree in Pulverform) und einen ganz normalen Tag verleben sollen. Musik machen, Bier trinken, TV Schauen und was man eben sonst noch so tun kann, wenn man sich erfolgreich davon abhalten will zu studieren.
Natürlich überhörten wir den Schrei des Schicksals geflissentlich, statt zu duschen, zogen wir die Bademäntel etwas enger und beschlossen im Vorgarten eine lustige kleine Sauf-Leutebeschimpf-Party abzuhalten. Das ganze endete in einem handfesten Streit mit Blumenkohlnasen-Edi, der sich zu unrecht als Säufer beschimpft fühlte. Die Tatsache, dass drei fette Kerls in Bademänteln und mit Bierdosen in der Hand diese Schmähungen ausriefen, mag zur Eskalation beigetragen haben. Im Nachhinein war das jedoch ziemlich schwer zu ergründen. Jedenfalls machte sich Blumenkohlnasen-Edi schnell von dannen, als die ersten leeren Bierdosen wie Hagel auf ihn niedergingen und der fast unmerklich weniger fette Tiroler mit dem Satz: “Ikch chol jetza mei Pampgan und schiaß dem Orsch die Spekchbakchen weg.” im Haus verschwand.
Von unserem Blitzkriegsieg beflügelt fanden der dicke Bassist und ich, dass es jetzt an der Zeit sei, den Gitarristen anzurufen, damit er uns runter in die Stadt ins Studio fahren kann. Der kaum merklich weniger fette Tiroler hatte es vorgezogen, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und sich mit einem Modem Pornobilder aus dem Internet zu ziehen.
Gegen halb sieben vernahmen wir die typischen Geräusche qualmenden Gummis, die in der Regel von der Ankunft des Gitarristen kündigen. Wir packten unsere Sachen (Papers, Tabak, Bass, Bier und Notenständer) und pflanzten uns in den hässlich grünen Rover, den der Gitarrist aus irgendeinem völlig abstrusen Grund zu lieben schien. Hinten im Kofferraum warteten bereits seine Gitarre und die Fat-Man, eine Bong von geradezu bombastischen Ausmaßen. Es versprach ein völlig normaler Abend zu werden.
Wir fuhren die steilen Serpentinen hinunter nach Graz und schnurstracks in Studio, wo uns der Techniker und seine Freundin bereits erwarteten. Die Probe begann standesgemäß mit einer Runde aus der Fat-Man. Das war gerade noch rechtzeitig, denn auf dem Hinweg hatte ich begonnen, mir Gedanken über meinen Lebenswandel in den letzten Monaten zu machen. Mich plagte ein schlechtes Gewissen, weil ich Freunde vernachlässigt, Menschen beleidigt und meine Familie um die Studiengebühren betrogen hatte. Da kam die Fat-Man gerade rechtzeitig. Danach ist mit dem Denken erstmal Essig. Auch der Gitarrist nahm einen kräftigen Zug aus der Bong. Die Probe konnte beginnen...
Es muss wohl so gegen zwei Uhr in der Früh gewesen sein, als ich von meinem Klavier hochschreckte und zwischen zwei Flaschen slovenischen Biers erstaunt feststellte, dass der Bassist und der Gitarrist bereits ihre Instrumente in die Koffer gepackt und die Sonnenbrillen aufgesetzt hatten. Ich machte ein Geräusch, dass entfernte Ähnlichkeiten mit einem Tropfen Wasser hat, der in einem leer Badewanne platscht. Und packte meine Noten zusammen. Wir nahmen noch mal eine Runde aus der Fat-Man, kauften dem Techniker noch den letzten Shit ab und machten uns dann auf die Heimfahrt.
Nichts ist besser, als breit wie eine Flunder nächtens durch eine Stadt zu fahren. Das Gefühl der Freiheit war grenzenlos. Bis zu dem Moment kurz vor dem Krankenhaus, als der Gitarrist seinen Rover ohne für mich erkennbaren Grund auf den Gehsteig setzte.
“Ihr haltet die Schnauze, was immer auch passiert”, zischte der Gitarrist und verschwand in der Dunkelheit. Ich hörte gedämpfte Stimmen und drehte mich um. Zwei Polizisten kamen auf unseren Wagen zu. Der Bassist stellte augenblicklich die Atmung ein und auch ich konnte nicht umhin meine Gedanken um die 5 Gramm Shit kreisen zu lassen, die sich in meinem Stiefel befanden. Von der ungefähr einen halben Meter großen Bong im Kofferraum ganz zu schweigen.
“Kofferraum aufmachen”, tönte es in einer mir unbekannten Stimme. Wir waren so gut wie aufgeflogen und das THC in meinem Kreislauf trug das seine zum allgemeinen Paniklevel bei. Die Fat-Man kann man einfach nicht übersehen. Ich überlegt kurz, ob ich aus dem Auto springen und davon laufen sollte, aber ich war viel zu breit, um mich schneller als ein Tattergreis zu bewegen. Die Kofferraumtüre öffnete sich. “Was ist da drin?”, hörte ich die gleiche Stimme. Der Bassist schwitzte nicht mal mehr vor lauter Angst. “Da is meine Gitarre drin, ich bin Gitarrist, soll ich euch was vorspielen?” Der Gitarrist hatte alles auf eine Karte gesetzt. Drei bluntzenfette Musiker in einem Rover voller Dope und einer Fat-Man im Kofferraum standen bereits mit einem Fuß im Knast. Die folgende Pause muss nur Sekunden gedauert haben, aber ich habe noch nie einen derart langen Zeitraum erlebt. Plötzlich schlug die Kofferraumtür zu und einen Moment später stieg der Gitarrist ein, startete den Motor und wir fuhren weiter in die Nacht. Den ganzen Weg bis zu unserem Haus sagte niemand ein Wort. Keiner konnte ernsthaft begreifen, dass wir davongekommen waren.
Oben in unserem sicheren Haus angekommen, feierten wir den Sieg über die Staatsmacht mit einer weiteren Runde aus der Fat-Man und den beiden angebrochenen Bierdosen, die noch im Kühlschrank standen. Der nur unmerklich weniger fette Tiroler hing immer noch im Internet. (raf)
 
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4.22.2006
  Schlag mit Sahne oder mit Atom?
Bestimmte Temperaturregionen auf der Erde scheinen ungünstig für die Informationsverarbeitung im Gehirn zu sein. Südlich einer Linie, die irgendwo durch Spanien, Italien und die Türkei läuft, scheinen die Bedingungen besonders schädlich zu sein. Dort legen sich Männchen gerne auch mal mit überlegenen Gegnern an…
Gut, man hat es schon gehört, und niemand, wirklich niemand war davon überrascht: die USA haben bereits 2002 detaillierte Pläne für eine Invasion im Iran angefertigt. Streng nach der Formel, nach der das Interesse der Amerikaner, einem Land den Frieden und die Freiheit zu bringen, proportional zu dessen Ölvorkommen ist, wird nun ein planetares Ressourcengebiet nach dem anderen abgehakt – Gähn.
Merkwürdig ist dagegen nur, wie die bedrohten Länder darauf reagieren. Ich nicke nach meinem fünften Whisky in der Sonne ein und beginne ziemlich unverschlüsselt zu träumen… Ich bin acht Jahre alt, und hasse meinen Nachbarsjungen von ganzem Herzen. Als ich einen Bekannten frage, ob ich seine Boxhandschuhe mit Stahleinlagen leihen könne, kommt plötzlich der gesamte (!) Elternbeirat des Ortes und fragt mich mosernd, schimpfend und herausfordernd, was ich denn mit diesen Handschuhen wolle. Wie soll ich reagieren? Plötzlich bin ich Mahmut Ahmadinedschad, und ich schreie die versammelten Eltern von unten herauf an:
Scheiße das geht Euch überhaupt nichts an! Ihr Schwächlinge könnt mir sowieso gar nichts! Dieser Schweinepriester von Nachbar hat’s doch nicht anders verdient! Ich werde ihn zu Tode prügeln, auslöschen, vernichten, dem Erdboden gleich machen! Dass sein Vater ihn vor Jahren misshandelt hat, hat er nur erfunden damit Ihr ihn schützt, seht Ihr das denn nicht?? Er ist eine Missgeburt, die von der Erde getilgt werden muss! Übrigens hab ich jede Menge Freunde in der Grundschule, die Eure Holunderbüsche im Garten anzünden werden, wenn ich es von Ihnen verlange, und die neue Vergeltungsrakete ist auch schon fertig, leider hat sie noch keinen Atom…ups. Jedenfalls ist es sonnenklar, dass wir die Boxhandschuhe nur wollen, weil es hier im Winter immer so schrecklich kalt ist, und keinesfalls, um diesen verachtenswerten, widerlichen Hundesohn von einem Drecksnachbarn – auf den wir spucken – anzugreifen. Habt Ihr kapiert??
Eine Sekunde später beginne ich mich zu fragen, warum ich das gesagt habe…ich wache auf. Zum Glück ist der Whisky noch nicht leer, einer geht sicher noch. Ich schütte mir einen kleinen in meinen tauben, durstigen Hals. Warum tut jemand so etwas? Liegt es daran, dass der kleine Mahmut in der Terrorschule das Hauptfach Sprengstoffkunde hatte und deshalb das diplomatische Fingerspitzengefühl einer Metallfräse besitzt? Hätte er glaubwürdig dementiert, oder zumindest VERSUCHT, glaubwürdig zu dementieren, dass er die Bombe will, hätte er der verweichlichten EU zumindest ein Hintertürchen gelassen, um sich gegen diesen Krieg auszusprechen. Aber so? Will er die direkte Konfrontation? Ist er so größenwahnsinnig und dumm zu glauben, dass er es mit der gesamten westlichen Welt, allen voran einem wahnsinnigen religiösen Fanatiker, der selbst nichts anderes im Sinn hat, als den unchristlichen Nahen Osten in einem heiligen Feuer einen Vorsprung zur Apokalypse zu verschaffen, aufnehmen kann?
Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Generation in den nächsten drei Jahren Nachfolger von Hiroschima und Nagasaki erlebt, ist beträchtlich. Bush ist verrückt genug, um sofort auf den Knopf zu drücken, NOCH hält ihn die eigentliche Regierung der USA davon ab. Ein weiterer konventioneller Krieg parallel zum anhaltenden Irakdesaster würde die USA extrem belasten und schlechte Ergebnisse liefern – wieder tote Soldaten, davon ein Drittel durch friendly fire, Wochen und Monate der Belagerung, Terror, nix mission accomplished, lachende und kopfschüttelnde Europäer, Chinesen und Russen. Schlecht fürs Image. Atomwaffen stehen eh seit Jahrzehnten nur rum, kosten Geld und bringen nix. Eine schnelle, zur Ikone taugende Waffe, der manifestierte heilige Zorn Gottes – der selbe Grund warum auch Ahmadinedschad diese Waffe will – und fern genug der Heimat, um sich einzubilden, der radioaktive Dreck bliebe dort, wo man ihn abwirft. Es ist erwiesen, dass selbst Saharastaub, der von Fahrzeugen hochgewirbelt wird, es bis nach Nordamerika schafft, so dass wir zumindest die Gewissheit haben, dass die amerikanischen Kindern an den selben Krankheiten verrecken werden wie unsere – ob der Dreck aus amerikanischen Bomben im Iran oder iranischen Bomben in Israel kommt, macht für uns keinen Unterschied. Dass die Iraner, die Israelis und die Amerikaner inzwischen in den Punkten Ideologie und Radikalität ununterscheidbar geworden sind, macht auch die Wahl der Partei beliebig. Ich wache nochmals auf und genieße die eine Sekunde, in der ich mir einreden kann, ich hätte nur geträumt, von Wahnsinnigen umzingelt zu sein. (foz)
 
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4.14.2006
  Muschis for Olympia
Für manche Dinge ist man einfach nicht stark genug. Wo leistungsorientierter, sportlicher Drill, verhinderte BDM-Leiterinnen und geballte Inkompetenz aufeinanderprallen, können nur die Wunder der modernen Chemie die Welt gerade rücken...
Aus einem zerrissenen Wirbel aus Sprachfetzen und hohl scheppernden Farben implodiert mein Bewusstsein in einen Körper. Aus dem Urgrund des Kosmos wölbt sich mit Gewalt ein weiß gekacheltes Zimmer auf mich zu, verharrt harsch in vertrauten, geraden Winkeln. Das Plätschern von Gedanken und Stimmen verdichtet sich zu dröhnender Stille. Der offenbar menschliche Körper, der soeben an einer Seite meiner Wahrnehmung angedockt hat, beginnt mechanisch Luft einzusaugen. Ich lebe. Wer konnte damit rechnen?
Der Sinn für oben und unten kehrt zurück, dreht den Raum, und die Wand, gegen die ich von unwiderstehlicher Kraft gepresst werde, wird zum Boden. Einen Augenblick später sehe ich ein Gesicht, das meine Erinnerungen ruckartig zurück in meinen Geist schwappen lässt. Ein Gesicht im Spiegel. Ich sehe scheiße aus. Das schneidend scharf stinkende Erbrochene im Waschbecken vor mir widert mich an, auch dann noch, als die Brocken auf meinem Shirt mich als den Urheber entlarven.
Ich ächze, als mir bewusst bin, dass ich wieder als Journalist unterwegs bin. Das Gesicht vor mir zerspringt mit einem hellen Schlag in Scherben, eine Hand schießt heraus und hämmert meinen Hals an die gegenüberliegende Wand. Sie würgt mich mit bestialischem Tötungswillen, mit der Kraft eines Wahnsinnigen. Ich ringe mit ihr, röchle, zapple. Beinahe zu spät bemerke ich dass es meine Linke ist, mit der meine rechte Hand ringt, und lasse zögernd von mir ab.
Einen Lidschlag später bin ich in der Sporthalle. Grüner Boden, Turnmatten, eng, wirklich eng anliegende Kleidung, die nur das Ungesetzliche der pubertierenden Turnerinnen verhüllt. Eine unattraktive Mittvierzigerin krächzt mit schriller Stimme zu laut in ein Mikrofon, sie spricht wie eine Zweitklässlerin, die ein Gedicht aufsagen muss. Scheiße, ich bin auf der Turngala in Friedrichshafen.
Sie labert belangloses Zeug, das Publikum unterhält sich selbst oder starrt wie ich auf die ausdefinierten Venushügel der fünfzehnjährigen Turnerinnen. Niemand, am wenigsten ich selbst, ahnt in diesem Moment, warum ich bei diesem saftigen Lolita-Extrakt die Worte „Verona Poth Titten“ denken muss. Als Reporter darf ich natürlich näher ran an die kleinen Glücksspenderinnen. Ich bin kein Reporter. Ich BIN kein Reporter! Ein elfjähriges Mädchen macht einen vierfachen Flikflak mit anschließendem Rückwärtssalto, landet im riesigen Maul eines Höhlendrachen, der sie mitsamt dem Mattenwagen verschlingt. Die Leute klatschen begeistert. Der Drache versickert mit einem gurgelnden Geräusch in dem olivfarbenen Sumpf, zu dem der Grund der Bodenseesporthalle geworden ist. Leider reißt er die nervtötende Vorsitzende und selbsternannte Moderatorin nicht mit in den Tod.

Der Ablauf der Veranstaltung ist chaotisch. Planlose Idioten – wie ich mir sagen lasse sind sie das Markenzeichen der Turnerschaftsführung – laufen Befehle schmetternd durch die Halle, verbreiten Verwirrung und Unfrieden. Unzählige Kinder laufen bunte Lappen schwingend durch den Sumpf, springen Trampolin und machen Purzelbäume. In meiner Hosentasche finde ich meinen Notizblock. Darauf steht „Turnerschaft FN – Christa King“, daneben eine Skizze von mir, auf der eine Frau gerade von einer Reihe Hohlmantelgeschosse zerfetzt und mit einem Fleischerhaken maltraitiert wird. Die Frau, die sich gerade wieder mit greller Stimme selbst für die gelungene Veranstaltung lobt, ist offenkundig mein Interviewpartner. Nüchtern wie ich bin stehe ich das sicher nicht durch. Ich greife in meine Hemdtasche und ziehe einen kleinen Plastikbeutel heraus. Leer. Ich stutze und greife in meine Hose, um den kleinen Bogen mit Trips rauszuholen. Er ist ebenfalls leer. Scheint als hätte ich bereits mehrere Male Anlauf genommen, aber nie dasjenige Mischungsverhältnis von glückseliger Demenz und rhetorischer Zurechnungsfähigkeit erreicht, das es ermöglicht, einen derartigen Job durchzustehen. Ich beschließe, den Artikel lieber nicht auf den jagenden Jamben dieser Möchtegernfunktionärin fußen zu lassen und ihn einfach so zu schreiben.
Im Hinaustorkeln freue ich mich, dass wenigstens die weiblichen Jugendlichen in diesem Kaff nicht zur Disco-Checker und Dorfghettoszene gehören und was Ordentliches machen, nämlich ihre Körper stählen für eine Welt, in der ihr Geist nichts mehr wert ist. Ich merke ein paar der Mädels mit dem inneren Zehnjahresstempel vor und verlasse den Regierungsbezirk der größenwahnsinnigen Hausfrauen. (foz)
 
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4.03.2006
  Rette sich, wer kann!
Zwischen Rekordergebnissen und Massenentlassungen regiert das Kapital in einer absolutistischen Art und Weise, die sich nicht einmal Emile Zola hätte träumen lassen. Resümee eines verpatzten Jahrtausendbeginns.
Der Nahe Osten ist ein Pulverfass. Israelis und Palästinenser schlachten sich gegenseitig ab, der Iran leugnet den Holocaust und rasselt mit der neuen Vergeltungsrakete, die Amerikaner töten alles und jeden, der die amerikanischen Ölressourcen, die Gott versehentlich außerhalb der USA verkleckert hat, blockiert. Die Deutschen jammern und jammern, die Wirtschaft ist schlecht, die Schüler zu dumm, die Fußballer nicht gut genug, um das Großdeutsche Reich würdig zu vertreten. Kurz, alles wie immer.
Ich liege in meiner Hängematte im Garten und lasse mir die ersten echten Sonnenstrahlen dieses Jahres auf den Pelz brennen, und versuche, den Analysemotor im Kopf mit einer Kiste Bier absaufen zu lassen. Scheint nicht zu klappen. Unter Bush blüht der Kreationismus auf, der ideologische Holzhammer, mit denen die offenbar immer weiter verdummende Bevölkerung auf die göttliche Ordnung gleichgeschaltet wird, ja, kleiner Bimbo, Gott wollte, dass dieser Mann Präsident wird, und dass Neger in ihren Hausruinen an Malaria krepieren, während der Präsident beim Golfspielen den Tod von ein paar Tausend Irakern beschließt, um noch mehr Geld in die Taschen der Ultrareichen zu transportieren. Komischer Zufall, dass die Zahl der Milliardäre sich fast verdoppelt hat. Ich zische mein zweites Bier.
Der Neoliberalismus (für Fremdwortunkundige: „Recht des Stärkeren“) ist auf dem Vormarsch wie nie. Mit dem permanenten Versprechen, dass „Du auch bald ein reicher Star bist“ gewinnt man das dumme Volk für die Ideologie des eigenen Unterganges: logisch, wenn ich erst mal reich bin (in einem Jahr oder so, ist ja kein Problem, weil man ja mit genügend Selbstbewusstsein ALLES ausgleichen kann), will ich natürlich auch keine Steuern bezahlen, damit ich meine Millionen in vollen Zügen genießen kann. Diese Forcierung des Neoliberalismus ist der Beweis, dass Politik längst in den Aufsichtsräten gemacht wird, und nicht im Parlament. Inzwischen ist es auch egal, wenn die Bevölkerung merkt, dass das Argument „wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es den Menschen gut“ eine Lüge, bestenfalls eine Torheit war, denn jede politische Partei ist inzwischen Geisel der (natürlich wirtschaftlichen) Sachzwänge. Der Neoliberalismus ist eine Pest, die nicht aufzuhalten ist. Von niemandem. Wer mitspielt, muss jede Eskalationsstufe mitmachen, weil er sonst einen Nachteil hat. Ein Nachteil bedeutet, das Spiel zu verlieren, und vom Feind gekauft zu werden. Wenn die Amerikaner achtzehn Stunden am Tag arbeiten, dann müssen wir das eben auch – am Ende wäre die Deutsche Bank sonst vielleicht nur noch die zweitgrößte der Welt – und das will ja nun wirklich niemand! Wir pokern uns also gegenseitig zu Tode, bis zum „Shadowrun“-Szenario und darüber hinaus. Prost! Noch ein Bier.
Das lustige an dieser Spirale ist ja, dass die einzige Methode, da raus zu kommen, Geld ist. Wer nicht mit den Aborigines nach Wasser buddeln will, muss mitspielen. Und zwar mit den härtest möglichen Bandagen, sonst geht man gegen diejenigen, die zu allem bereit sind, unter. Dem System kann man nichts entgegenstellen, man kann nur versuchen, sich selbst zu retten. Und genau davon lebt das System wieder. Egal ob man das System liebt oder hasst, es gibt keine Möglichkeit, das Spiel zu überwinden, ohne es zu spielen. Tapfere neue Welt – wir sind im Zeitrahmen der Prognosen geblieben, Glückwunsch.

Die Übergangenen, Benachteiligten, Betrogenen, Belogenen, Beleidigten, Beschimpften, zusammengefasst in dem Wort „die Armen“ rächen sich mit blutigen Krawallen gegen die Privatarmeen der Reichen. Die Kriege der Zukunft finden in den Städten statt. Nationengrenzen werden bedeutungslos, weil die Wirtschaft keine Grenzen mehr kennt. Noch ein Bier.
„Das Ziel der Wirtschaft ist Pareto-Effizienz“, lernen BWL-Studenten an der Uni. In Wahrheit ist die Wirtschaft eine Sammlung von Einzelinteressen. Interessen, die sich durchsetzen können, und bedeutungslosen. Das Ziel der Wirtschaft, der total deregulierten, globalen Wirtschaft ist nichts anderes als die Weltmafia – der Radikalste gewinnt, also lieber möglichst früh radikal werden, bevor man sich noch einen Nachteil einfängt.
Die Zukunft der Gesellschaft ist das Kundenverhältnis, der Respekt vor dem Geld, der Angst vor dem Geld. Die Wirtschaft ist eine Maschine, die die korruptesten, brutalsten, radikalsten Kämpfer an die Spitze spült. Die völlige Aufgabe aller Werte für den Kampf jeder gegen jeden führt zum Faschismus. Einziger Unterschied ist, dass der Führer in Zukunft „Aufsichtsratsvorsitzender“ heißt.
Ich trinke mein letztes Bier aus und genieße die Sonne auf meiner Haut. (foz)

 
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4.01.2006
  Die Wahrheit über Google
Und hier ist Sie wieder, unsere lustige "lustige Suchwörter, die über Google zur Wahrheit führten" - Rubrik:
verona pooth titten - hm... ja... nett.
dreckige schlampen - alle, außer Mutti.
gibt es ein fluss namens limes - Nein!
onzojournalismus - Otze? Dein Name ist Otze???
zugedröhnte schlampen - ...haben Spaß, wissen es aber nicht...blöd das.
unter den Röcken - ...sind eiskalte Muschis.
Mönch Pfefferspray - uh... wüste Kombi. Bete, sonst...
Hundescheisse Unterschrift Aktion Wien - Jaaaaaa... Wien brucht mehr Hundescheiße.
verona pooth titten - Ohje... schon wiede
r.
verona
poth titten - Jaaaa... is ja gut.
zahnarzt fickt - Nur, wenn du Privatpatient bist.
Merkel "Atomwaffen für die Bundeswehr" - Na, das wurde auch Zeit.
Gonzojournalismus - Hässliche Sache.
Schiache - ...Menschen sind nicht schön.
amalgam feinstaub kunststoff - Die Geißeln unsere Zivilisation.
daimlerchrysler bradke - ???
enge hosen Polizei - ohje... jetzt bin ich feucht.
Farbe menschlicher Stuhlgang - öhm... weiß nicht... braun?
schweizer frauen in hohen stiefel - jaa... nehmen ein Bad in geschmolzenem Käse.
Schlösser knacken mit Büroklammer - Das ist ein Mythos.
verona pooth titten - sammal: gehts noch?
jeden morgen hatte sie einen ausgiebigen Stuhlgang - Das ist ausgesprochen erfreulich.
H&m(graz-stadt) - potenzielles Ziel für Terroranschlag.
Gonzojournalismus - ähm.. doch.
vorschuss beim zahnarzt Kassenpatient - Du Narr, was träumst Du denn nachts?
ich fil mit meine kapital beteiligen in private - Hä?
beschimpfen kacken - Ah, die stützpfeiler unserer Gesellschaft.
chili kacken brennen - definitiv!
nena+willst du mit mir gehens - Gerne, aber wer ist dieser Willst?
gonzo und kevin machen weiter - Das ist erfreulich.
giant gonzales tot - das nicht.
Bundesliga Mannschaftsbusse - ...stinken nach den Stiefeln der Schweizerinnen
wieso stinken frauen zwischen den beinen manchmal so übel - Das weiß nur Gott.
nebenwirkungen pfefferspray - hm... weinen? Dünnpfiff? Sexuelle Stimulation?
verona pooth titten - okay... deine Hartnäckigkeit ist beeinduckend...hab die Bilder im Netz gefunden... meld dich einfach.
"fahrradschlösser knacken" - Bolzenschneider
wien rotlichtbezirk - Pauli is besser!
Tiere des Seeufers - Hm... Kinder? Rentner? Gestrandete Buckelwale?
"arsch fassen" gedränge - Geh nach Japan!
spionagespiegel folie - wozu die Folie, wenn du einen Spionagespiegel hast???
Bundeswehr Mann braucht den nackten arsch voll - Endlich mal ein politisches Statement!
gonzo-journalismus - Wow!
umzugskartons esslingen - Einfach dem Penner an der Ecke wegnehmen...Febrece kaufen.
amalgam plombe verschluckt - Tja... tut mir leid, aber du musst leider sterben.
stützbier –maschine - Juhuu...Party!
fussball weltmeisterschaft/jobs - Hier nix Job.
verona pooth titten - Das ist wirklich fantastisch.. bitte melde dich bei mir!
Zuhälter Nutte Zahnarzt - Klingt nach ner Drogenparty.
verona pooth titten - ist das eigentlich immer die gleiche Person?
Wer entdeckte die Büroklammer - hm?... Vicco von Bürow?
Daimler Chrysler Bank scheisse - Das ist korrekt.
blog - Das auch
rotlichtbezirk nürnberg - Ist Scheiße... echt.
nägel lackieren bei chemotherapie - Dazu fallen mir nur Sachen ein für die ich mich auch verklagen würde.
frauen mit stiefel und enge hosen - PAAAAAAAAAAAAAULI
der monusm - "Ich muss durch den Monusm, hinter die Wlet, ans Ende der Ztei, bis kein Regen mehr fllät"
Hintergrundgeräusch von einer tickenden Bombe - Das Platschen deiner Schweißperlen.
geschichte memphis classic Zigarette - ... ist eine Geschichte voller Mißverständnisse.
amalgam neue füllung bitterer geschmack - Das ist der Geschmack des Todes, mein Guter.
gratis Briefvorlage an Bundeswehr - einfach nur zwei Wörter schreiben: "Leckt mich!"
psychopilze kaufen - Nein... die kannst Du im Wald sammeln... viel billiger.
unter röcken schauen - Wie verboten ist das eigentlich? Kennt sich da wer aus?
what does Schwanzlänge mean - It means that the last girl from germany you were with thinks you have a very small dick!
verona pooth titten - also ich bin wirklich fasziniert... die Wahrheit sollte sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigen. Freiwillige?
schulmädchenreport hose runter beine breit - ...bald ist wieder Osterzeit... oderso.
im bus an busen fassen - Im Zug ists besser. (raf)
 
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3.26.2006
  Der Preis der Freiheit
Wir leben in einer fetten Welt. Voller Fastfood, Konsum und schönen, geilen Frauen, die sich in Sportwägen über sonnengeflutete Boulevards kutschieren lassen. Wer würde nicht gerne an dieser schönen, fetten Welt teilhaben? Das Problem für die armen Drittweltler, die hineinwollen ins Schlaraffenland: Keiner hier will sie dabei haben...
Kiew/18.03.2006 - Ein schöner Spätwintermorgen in der Ulica Romanowska. Einer dieser völlig heruntergekommenen Nebenstraßen, für die der Sanierungsfond nicht ausgereicht hat. Eine dieser Seitenstraßen in denen der aufmerksame Beobachter noch die Einschusslöcher deutscher MG-Garben zählen kann. Kiew, Tor zum Osten... oder Tor zum Westen. Das kommt auf den Standpunkt an. Ich nehme einen kräftigen Schluck von dem Fusel, den ich heute Morgen einem zahnlosen Burschen mit KPdSU-Button am Revers abgekauft habe. Ich bin mit Andreiy verabredet. Groß, Blond, lächelnd, Benz-fahrend. Andreiy nennt sich selbst "Orgaisator". "Ich organisiere Dinge, Tawarish."
Ein schwarzer E-Klasse Benz fährt vor, ich nehme einen letzten Schluck aus der Pulle und werfe sie dann auf den Gehsteig, wo die Schlaglöcher groß sind wie Pflastersteine. Andreiy ist ein Schlepper. Kennen gelernt habe ich Andreiy im Yellow-Bird, einem dieser neuen In-Clubs, die in den letzten 10 Jahren in der ukrainnischen Hauptstadt hochgeschossen sind, wie die Pilze in meinem kleinen, geheimen Gewächshaus. Dunkle Räume voller Schwarzlicht, dröhnender Dancfloor-Mucke aus den 90-ern und einem Haufen Frauen, bei denen nicht sicher ist, ob es sich um normale ukrainische Mädchen oder normale ukrainische Nutten handelt. Wie auch immer... ich lasse den Westler raushänngen, wedle andeutungsvoll mit ein paar Euro-Scheinen und komme so - später in dieser Nacht - auch noch auf meine Kosten. Andreiy hat übrigens drei dieser Mädchen um sich herum.
Vorne im Benz sitzt Vanja. Groß, breit, Stiernacken, Bürstenhaarschnitt, Bomberjacke und Makarov-Pistole zeugen von seier Eloquenz. Wir fahren durch die Stadt, vorbei an den typischen Garküchen. Andreiy hat versprochen mich mitzunehmen auf eine seiner Touren. Von Kiew richtung Nordwesten bis an die polniscche Grenze und von da aus dann weiter Richtung Deutschland. Ich dreh mir einen Joint, um meine Nervosität zu überspielen. Das Vorhaben auf illegalen Pfaden in die bierige Heimat zurückzukehren ist nicht besonders gut für die Paranoia. Überall sehe ich Spitzel, BND-Agenten und Zeugen Jehovas, die mir an die Wäsche wollen. Vanja spricht immer noch kein Wort.
Dorohusk/in der Nähe der polnischen Grenze/19.03.2006 - Es war eine ziemlich lange Fahrt über beschissene ukrainische Straßen und der Gestank von Xiao, Wan, Vassily und Ibrahim wird mir noch lange in der Nase bleiben. Wir sitzen eingepfercht zwischen Kohl-Kisten, Vodka-Flaschen und Zigaretten im Laderaum eines Lieferwagens. Vanja fährt, Andreiy folgt mit dem Benz.
Xiao und Wan kommen aus der Mongolei, Vassily aus Moldavien und Ibrahim aus Usbekistan. Alle wollen nach Deutschland. Dem Paradies, Milch, Honig, Geld in Massen, Nutten, Koks... das Übliche. Für die Passage berechnet ihnen Reiseleiter Andreiy 5000 Dollar. Cash versteht sich. Xiao und Wan haben in Ulan Bator Drogen vertickt, Vassily hat in Chisinau Autoradios geklaut. Ibrahim hat einen Sponsor gefunden. Er soll irgendwo in Norddeutschland eine Gemeinde der islamischen Bruderschaft unterstützen. In drei Jahren ist der dann Schuldenfrei und kann seiner Wege gehen. Ibrahim ist ungefähr so muslimisch, wie ich christlich bin. Der Wagen verlanngsamt seine Fahrt... wir rollen an die Grenze.
Irgendwo zwischen Przymsl und Lublin - Polen/20.03.2006 - Selbst für einen abgefuckten Paranoiker wie ich einer bin war das eine entspannte Sache. Kurz nachdem wir an der Grenze gehalten hatten, übernahm Andreiy das Kommando. Der polnische Zöllner machte nicht einmal anstalten den Wageninhalt zu kontrollieren - vom Ukrainischen war überhaupt nichts zu sehen. Nur für einen kurzen Moment, als der polnische Zöllner mit Andreiy zu streiten begann, hatte ich derben Schiss, den ich nur mit Hilfe von Vanjas Selbstgebranntem niederhalten konnte. Wie sich herausstellte, wollte der Zöllner mehr Geld. 600 statt der vereinbarten 450 Euro. Andreiy ist ziemlich ungehalten. Sein Profit schmilzt.
Während der ganzen Prozedur fällt kein Wort bei uns im Laderaum. Alle sind starr vor Angst. Xiao und Wan tun so etwas wie beten. Vielleicht kämpfen sie auch nur mit dem Harndrang... schwer zu sagen. Kurz hinter Lublin dürfen wir endlich in den Wald zum Scheißen. Danach gehts allen besser.
Über Lodz und Danzig geht es weiter nach Kolobrzeg, einem kleinen Fischerhafen an der Ostsee. Der zweite Teil der Reise hat begonnen.
Fischereihafen Kolobrzeg/21.03.2006 - Um drei Uhr morgens übergibt uns Andreiy an Hans. Hans ist Ossi, dick, mitte Vierzig und stolzer Besitzer einer Etap 36 Segeljacht. Vor 48 Stunden hat er in dem polnischen Hafen festgemacht. Hier kennt man ihn. Schätzt seine Spendierhosen. An Bord gibt es kein Versteck für uns. "Wenn ihr geschnappt werdet erzähl ich einfach, ich hätte euch erbärmlichen Säcke auf der Ostsee in einem Floß treibend aufgefunden. Was hätt ich denn machen sollen? Euch da verecken lassen?" Sein breites Grinsen enthüllt ihn als Goldzahnträger alter Schule. Vassily gekommt es mit der Angst. Er ist Nichtschwimmer. Ich verabschiede mich von Andreiy und Vanja, nicht ohne ihnen noch eine Flasche von dem Fusel abzuschwatzen. Die beiden müssen weiter ... Richtung Posen und die Zigaretten loswerden.
Drei Stunden später schippern wir bereits auf der Ostsee herum. Unser Ziel: Stralsund, Deutschland. (raf)
 
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3.22.2006
  Als ich einmal neben zukünftigen Nullmenschen sitzen durfte
Offen zur Schau getragene Lässigkeit ist das Stigma unserer verschwendeten Jugend. Aber es so dermaßen zu übertreiben, dass selbst 24stündiges Fresse-Polieren pro Tag noch zu wenig wäre, ist wirklich wunderlich.
Was beschwer ich mich denn? Auch ich bin an dem Punkt angelangt, an dem ich auf die Frage „Wohin des Weges?“ nur noch mit „auf der Suche nach dem nächsten WLAN-Hotspot“ antworten kann. Nicht dass ich ein großer Freund von solchen pseudo-feudalistischen Idiotenphrasen bin, aber wie gern würd ich doch sagen: „Keine Ahnung. Jemanden aufschlitzen halt“.
Aber das zynische Potential meines weiteren Bekanntenkreises ist etwa so stark ausgeprägt wie Weißrusslands Diskursbereitschaft. Da sitz ich nun. Endlich im WLAN, oder besser gesagt WiFi, wie es das alternative Spektrum der postmodernen Beliebigkeit gerne ausdrückt. Mann, hat das gedauert, bis ich darunter nicht mehr „Wirtschaftsforschungs-Institut“ verstand. Nicht nur das. Zu meiner linken ein überfüllter Aschenbecher (Usus) und zu meiner rechten ein Chai Latte (Konformismus). Nicht mal die mitgebrachten Trips, die sich langsam um das Teesäckchen winden wie die Würmer in meinem Bauch, bringen mich vom Gedanken ab, die Arschficker um mich herum aus dem Fenster in einen verdreckten Fluss namens Mur zu werfen.
Ohne mich jetzt näher mit Graz zu beschäftigen, wie das Kollege (sas) schon ausführlich getan hat, berichte ich nun über den Abschaum der mir sowieso schon verhassten Gesellschaft: Ortweinschüler. Vielen wird das jetzt nichts sagen, und das ist auch gut, nein, viel besser so. Ortweinschüler kann man sich in etwa so vorstellen wie einen Pickel auf einer Hämorrhoide. Sprich, wenn man schon glaubt, manche Menschen sind absoluter Unrat, dann gibt es immer noch welche, die sich diesen parasitär annähern und so dermaßen voll mit Eiter sind, dass sie auszudrücken ein Akt göttlicher Weisheit aber zugleich eine Tat höllischen Schmerzes ist. So sind Ortweinschüler.
In ihrer Freizeit beschäftigen sie sich mit Mode und interessieren sich für das Theater. Gehen grundsätzlich in keine Blockbuster und lesen Hesse. Dauernd. Dauernd Hesse lesen macht den Kopf zu Brei und hat cirka den gleichen Effekt wie ein Morgen nach einer Drogen geschwängerten Nacht, an dem man bemerkt, dass man weder Zigaretten noch Kleingeld noch Bankguthaben aber ein Feuerzeug hat. Sprich, man meint, etwas großes zu tun (eine Morgenzigarette zu rauchen) vergisst für einen kurzen Moment aber, dass die notwendige Substanz fehlt. Und genau diese fehlt den Ortweinschülern auch. Einer von ihnen trägt ein Unterleibchen. Wahrscheinlich aus Solidarität zur Arbeiterklasse. Sie reden über Medien. Als ob das in einem Land wie Österreich schwierig wäre.
Fünf Instant-Schwanzträger und ein weibliches Pendant (Instant, nicht Schwanz). Mit wem von den allen hat sie den eine tiefergehende Freundschaft, die ganz abseits sexueller Problematik sondern ausschließlich auf platonischem Mist besteht? Wohl zu dem, der seinen eigenen Laptop mitgebracht hat und die ganze Zeit relevante Blogs zu den Themen der Zeit liest. Lies das, du Arschloch! Der Chai ist leer, die Trips zeigen ihre volle Wirkung, langsam spüre ich, wie sich die Designermöbel um mich herum in japanische Porno-Mangas verwandeln. Im selben (via freud'scher Vertipper habe ich gerade „lesben“ geschrieben) Ausmaß wie sich der Aschenbecher füllt, steigt auch mein scheinbar unendliches Aggressionspotential gegenüber meinen Sitznachbarn. Am liebsten würde ich eine gesammelte Paolo Coelho-Sammlung nehmen und einem nach dem anderen die politischen Vorschläge rausprügeln, die diese Nullmenschen auf diversen UNO- und Parlamentssimulationen rauslassen.
Manche davon haben sogar schon Artikel geschrieben! Poah! Seid ihr aber schon klug für euer Alter! Nun gut, da Sie jetzt schon so weit gelesen haben, darf ich den/die potentielle/n Unwissende/n (Ha, das nenn' ich mal einen korrekten Satzbeginn!) aufklären: Um die Ortweinschule in all ihrer Unnötigkeit zu beschreiben, sei folgendes Zitat von der schicken Homepage erwähnt: „Besondere Beachtung schenken wir der Weiterentwicklung jener allgemeinen Qualifikationen und sozialen Kompetenzen, welche die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventinnen und Absolventen sicherstellt. Sie sind befähigt, durch Selbststudium oder Studien an weiterführenden Bildungsinstitutionen erfolgreich am Prozess des lebenslangen Lernens teilzunehmen.“ Ich glaube, das reicht aus, um mich zu verstehen.
Verblendete Menschen, die auf diese Schule gehen, haben meist eine Waldorf-Vergangenheit und eine Sozialarbeit-Zukunft. Erbsünde könnte man das auch nennen. Zum geistigen Scheitern verurteilt. Traurig, aber selber schuld.

„Das klären wir dann in der nächsten Projektbesprechung!“ Meine Hände beginnen zu zittern. Ich umklammere den eisernen Aschenbecher der eine Gorbatschow-würdige Narbe auf den Häuptern der Kopflosen hinterlassen würde. Wage es nicht, mich um Feuer zu fragen! Wenn du Haare auf den Eiern hättest, würde ich sie dir am liebsten einzeln ausreißen. Ein Schwanzhaar für den Weltfrieden! Klingt eigentlich nach einem schönen Schulprojekt. Hab ich schon erwähnt, dass ich Ortweinschüler zum Kotzen finde? (grr)
 
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3.19.2006
  Der Puddding der Meere
"Wenn man's glaubt, gibt's es, und wenn man's nicht glaub, gibt's es nicht."
Von Gastautor Henrie Schnee
Das Fernsehprogramm war mehr als ernüchternd in dieser Woche, und so
beschloß wahrscheinlich nicht nur ich, mich den Nachrichtensendern zuzuwenden, in einem hoffnungslosen Versuch, den Überblick zu bewahren. Ich bin, nach wie vor, Journalist, und die ewig einseitige Information durch Spiegel.de kann einen auf Dauer nicht alles erklären, was man in diesem Business braucht.
Es fing sanft an mit vermummten französischen Studenten, die in den Straßen von Paris gegen Ministerpräsident Villepin und seine Arbeitsmarktreformen demonstrierten. Die Zeitungen springen darauf an wie ein ausgehungerter Floh, aus Gründen, die nur allzu offensichtlich sind. Seit dem Oktober letzten Jahres, als die Ghettos Frankreichs brannten, gilt dieses einst so schöne Land wieder als die Wiege aller Revolutionen, einen Ruf, den man sich vor übe 200 Jahren so erbittert erstritten hat.
Dann flogen in Südamerika buchstäblich die Fetzen, als im Hochland von Ecuador beginnende Proteste gegen neue Freihandelsabkommen sich in die südlicheren Gebiete verlegten, und die Polizei die von aufständigen errichteten Barrikaden mit Tränengas ausreucherte. BBC zeigte Bilder, die prima in die Introsequenz jedes Zombie-Films gepasst hätten, schwer verletzte Polizisten, brennende Reifen und den totalen, konsequenten Irrsinn der Massen. Wobei jedem klar sein sollte, dass in unserer Branche "schwer verletzt" nur der Euphemismus ist für eine Leiche, die noch zuckt.

Angespornt von dieser Steilvorlage ließen sich auch die Franzosen auf die Tobsucht ein und entstaubten die von der letzten Revolte noch übrig gebliebenen Molotovcocktails, um das Schreckgespenst des Bürgerkrieges ein weiteres Mal inmitten Europas zu entfachen. Einzelne Studenten waren garnicht zufrieden mit den Bildern, die danach in die Welt heraus getragen wurden und bezeichneten solche Aktionen als blanken Vandalismus, der nicht aus ihren Reihen kommen würde. Meine einzige Kontaktperson in Frankreich hat noch nicht auf meine Bitte um eine Vor-Ort-Analyse geantwortet, und sie wird es wohl auch nie tun. Villepin bot das Gespräch an, aber die Studenten lehnten dankend ab. Erst selten hat die Geschichte gezeigt, dass ein Bündnis zwischen akademischer Elite und frustrierten Migranten der dritten Generation ein Musterbeispiel an zivilem Gehorsam sein kann. Der schlafende Dämon des rassistischen Aufstandes hat gerade einmal fünf Monate geruht, ehe er sich wieder erhoben hat, erweckt durch junge Menschen, die es nicht besser wissen.
Was die ehemalige Kriegsmarine Somalia wenig interessiert. Nach dem Ausruf der beliebten afrikanischen Regierungsform Anarchie wählten die meisten nun arbeitslosen Matrosen das harte Handwerk des Pirates, um sich und die Familie irgendwie über Wasser zu halten. Von der aktuellen Weltwirtschaftssituation und vielleicht sogar auch angestachelt von den ecuadorianischen Indios beschlossen sie, das es keine bessere Beute in den Weiten der Ozeane gibt als amerikanische Kriegsschiffe. Der Kreuzer "Cape St. George" und der Zerstörer "Gonzalez" waren die ersten Opfer, und vielleicht auch die letzten, je nachdem, welcher Quelle man trauen mag.
Mein Anwalt nahm diese Desinformation mit mürrischem Gesichtsausdruck entgegen. "Das waren nur Fischer," sagte er trocken, und ich versuchte ihm klar zu machen, dass Dynamitfischen bei Waffen in der Größenordnung von taktischen Marschflugkörpern höchstens noch einen blutigen Brei an die Meeresoberfläche befördern würde, aber ihm kam das ganz logisch vor. Der Arsch, der nie in seinem Leben eine Angel auch nur gesehen hat meinte, das würde wiederum andere Fische anlocken. Aber es war ihm ernst. Er sprach, als wüsste er bescheid. "Piraten, die Amis angreifen", grunzte er, "das glaubst du nicht, und das glaube ich nicht." In der Tat, ich glaubte es wirklich nicht, aber seine Argumentation, dass "die Explosion andere Fische nicht verjagen, aber der blutige Brei würde sie anlocken." Ich schenkte ihm Glauben, denn ich bin, nach wie vor, Angler, und Angel ist ein schwieriges Business, brutaler und unansehlicher noch als dass des Journalisten, und ich war nicht auf Streit aus.

Ich nickte nur, und nannte es "den Pudding der Meere".
 
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3.17.2006
  Kino fürs Gehirn
Die Welt ist voller schauerlicher Wunder, wundern Sie sich nicht, wenn Sie sich also nicht, wenn ein unschuldiger Konzertbesuch zur surrealen Wanderung gerät. Eine Konzertkritik der etwas anderen Art...
Es war einmal ein Walfisch, der hatte sich ins Zentrum von Deutschland verirrt. Und als er so durch die Flüsse der Germanen schwamm und schließlich am Bodensee angekommen war, merkte er, dass ihm seine Freunde vom Salz fehlten. Tja Pech gehabt du Schwein!
Graz als Nichtraucherstadt? Nein, hier in der Hochburg der österreichischen Vogelgrippe raucht selbst der 5 jährige Sohn des FM4, ähm sorry Soundportal-Chefredakteurs eine Kippe nach der anderen. Den Walfisch, mittlerweile in die falsche Richtung schwimmend in der österreichischen Vogelgrippe-Hochburg angekommen, stört das eigentlich nicht so wirklich. Er hat seinen Weg durch das Fledermausland schon geschafft. Aber hat er sich auch wirklich nicht infiziert? Gibt es eigentlich schon so etwas wie eine Walfisch-Vogelgrippe? Eine Frage, die demnächst geklärt werden muss, tauchen die großen Meeressäuger doch immer häufiger auch in Binnen-Städten auf (siehe London).
Der R2D2 unter den Viren.
Glaubt man den Wissenschaftlern und Medizinern, die in der Qualitäts-Wochenzeitung „Die Zeit“ zu Wort kamen, so wird das Virus mit dem Star Wars-fähigen Titel H5N1 potenziell jedes Lebewesen früher oder später befallen. Aber wird dann auch unser Walfisch befallen werden?
Tja, nicht so einfach. Wenn er nicht aufpasst und auch weiterhin als Gaststätte von musizierenden Gästen von weit her fungiert, dann könnte es ihm wie dem bösen Aal gehen, der schon mit dem Darth Vader-Virus aus Norddeutschland angesteckt ist. Wo schlafe ich also heute noch?
Wilbur is gay!
Der Walfisch mein bester Freund. So oder so ähnlich könnte die Devise des völlig dahinschwebenden Mannes auf der Bühne lauten, der da so fröhlich vor sich hin trellert und irgendwas von den Sachen des Lichts und einem scheinbar sehr glücklichen Wilbur singt. Was hörte ich da? Mein Pimmel ist erleuchtet! Ui, da wandert plötzlich eine merkwürdig gerollte Zigarette mit süßlichen Duft vorbei. Träume ich, oder hat der Typ auf der Bühne tatsächlich gerade einen Stromstoß von seiner Gitarre bekommen? Kein Wunder. Immerhin schwitzt er sich mit seiner Lederjacke die Hucke voll und hat quasi nur darauf gewartet, bis ihm nach dem „Föhn-in-der-Badewanne-Prinzip“ eine geballte Ladung Strom durch den Körper jagt. Ja, endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält. Ich bin ein Verehrer der Sachen des Lichts und schrei den Namen meiner Mutter. Puh! Der muss hinüber sein. Apropos Strom. In dieser Situation kommt dann doch wieder die Frage, ob er nicht doch im Aal und nicht im Wal übernachtet hat. Es soll ja so Viecher wie Zitteraale geben. Die haben zwar sicher keine Vogelgrippe, können aber genauso tödlich sein, wenn man versucht in ihnen zu übernachten!
Wilhelm da war doch nichts!
Sind eigentlich Rockmusiker, die sich bei einem Konzert vor einigen hundert Personen als H&M Sünder outen „Arschlöcher“? Geht man nach dem Publikum, dann ja. Aber was solls. Er ist ja nicht wegen dem Publikum nach Graz gekommen, sondern um auf Männertoiletten Trickot-Tausch mit mit Liam Gallagher-Fans T-Shirts bekleideten Fans zu machen und wegen dem Nichtrauchen. In Graz sollte sich das eigentlich leicht organisieren lassen. Kann ich nicht beurteilen, ich bin schließlich Nicht-Raucher. Aber es hat mir ein bestätigender Wind Feinstaub-Wind entgegen geweht, als ich vor ein paar Jahren hier ankam. Im Land der Fledermäuse, und das war Graz an jenem bezaubernden Abend ganz sicher, stellt sich dann immer die Frage, ob da eigentlich irgendwie eine Erinnerung an halluzinierende Fans und Bandmitglieder bleibt. Aber nein Willhelm oder Uhlrich, oder wie auch immer du heißen magst, da war doch nichts!
Schräge Männernamenabkürzung mit Konsonant und Vokal!
Warum schicken eigentlich wütende CSU-Politiker strenge Grundschullehrer in Bayern auf Volkschüler los? Keine Ahnung, aber ich bin mir sicher der zuckende Frontmann der coolen Säue von Tomte kann mir die Frage beantworten. Tomte, was ist das eigentlich für ein Name? Eine Männernamenabkürzung mit Konsonant und Vokal. Wie kommt man bloß drauf? Ich will es gar nicht wissen. Man braucht sich nur die Art und Weise ansehen, wie der Typ seine Gitarre hält und in die Luft blickt. Erinnert mich ein wenig an Joaquin Phoenix im Johnny – Ring of Fire - Cash Biopic Walk the Line.
“Korn und Sprite” plärrt mir auf einmal ein aufgeregter Männechor hinter mir ins Ohr. Ja geil, das hätt ich jetzt auch gern, denk ich mir, bis ich drauf gekommen bin, dass man das ja gar nicht trinken kann.
Aber egal, lassen wir das.
Und der Wal? Ja der lebt wieder und ist mit Tomte mittlerweile nach Wien und Linz geschwommen, um dort die Darth Vader-Seuche zu verbreiten. Bekleidet mit einem überdimmensionalen Liam Gallagher T-Shirt steht als nächster Halt vielleicht sogar Großbritannien auf dem Plan.

Das war ich! Das waren Tomte am 14. März im p.p.c.! (Hin)
 
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3.01.2006
  I love Andritz
Graz: Stadt der Nazi-Volkserhebung und des besten euopäischen avantgarde Festivals. Fast 300.000 mal heile Ösi-Welt, wo das Leben beschaulich-schön ist und man trotzdem immer was zu meckern hat. Und am Rande dieser "Brave Old World": Andritz. Der ganz normale Vorstadtwahnsinn. Home of the Prolo. Capitale di Banale. Eine Liebeserklärung von einem, der es eigentlich besser wissen müsste...
Gottseidank sind Fahrräder leichter zu knacken als Taxis. Ich habe schon mit 10 Jahren gelernt Nummernschlösser zu knacken. Verdammt wichtig wenn du in meinem Viertel Geld verdienen willst. Hinter den neuen Mountainbikes waren sie her wie verhungerte Hyenenen nach einem verdammten Stück Aas. Dreckige ausgemergelte Verbrecher auf der Suche nach Futter für ihre verschissenen Automaten.
Schlüsselversiegelte Fahrräder konnte ich dann mit 12 Jahren knacken. Hat mir neben dem versohlen unerwünschter Ärsche auch noch eine Menge Kohle eingebracht. Eine Büroklammer richtig geformt und alle Schlösser stehen dir offen. Das mit den Schlüsseln kann ich bis heute. Das mit den Nummerschlössern habe ich verlernt. Weiß auch nicht warum, die besseren Radln waren nun mal mit Büroklammern zu knacken und vielleicht haben sich diese verschissenen Nummernschlösser auch verbessert.
Ich wanke durch dieses Nest ohne für den Heimweg zu sorgen. Der „Point of no return“ ist längst überschritten, das Geld für die Heimfahrt längst versoffen. Auch die Beute, die ich diesem kleinen Wichser in einer Seitengasse abgeknöpft habe, ist weg. Verdammt hübsche Kellnerin – was soll ich machen. Das ist die Scheiße wenn man am Stadtrand wohnt. Gut, bis vor kurzem konnten einen die Bullen nur bis dorthin verfolgen, aber dieser Innenminister… so viele neue Ideen.
Sicher wirkt das schon lange nicht mehr. Geschäfte kannst du nachts zwar immer noch ausräumen, daran hat auch das neue Polizeiquartier nichts geändert. Aber jetzt hat Inkompetenz auch noch das Recht dich über die Stadtgrenze hinaus zu verfolgen. Wenn du mich fragst hätte man Polizei und Gendarmerie niemals zusammenlegen dürfen. Sehen meine geschmierten P-80-Träger genauso. Die wissen dass ich das Ding mit nur einem Griff zerlegen kann. Etwas Druck auf die Laufhülse nach hinten, mit Daumen und Zeigefinger entriegeln und eine der beliebtesten Handfeuerwaffen der Welt fällt auseinander. Glock 17 löst sich auf wie ein Kaffeekeks unter dem Druck der Springerstiefel. Wenigstens wissen sie, dass sie mich nicht aufhalten können. Nicht in meinem Viertel.
Immer das Gleiche: Ein Szene-Lokal, natürlich kenne ich Armin der seit Jahren die Tür macht. Sonst wäre ich wahrscheinlich noch nie drinnen gewesen. Immer die gleichen Pisser, immer die gleichen Schlampen. Alkohol hilft, macht aber auch aggressiv. Wer wird es diesmal. Gänseblümchen, Robin, der Pirat oder doch der Mönch? Schon wieder Fasching, unerträglich. Wo ist die Schlampe von Vormittag? Unweigerlich ist auch das letzte Geld für das Taxi versoffen. Vier Euro Standgebühr, noch ohne einen Meter Fahrt. Ich könnte mir nicht mal die Hälfte an Faulheitsspesen leisten. Meinen Revolver habe ich auch nicht dabei.
Wie komme ich nach Hause? Ich kann nach wie vor Fahrradschlösser knacken. Also ab auf das schönste Mountainbike in der Nähe und los geht’s. Die Schlampen sind mir egal. Kälte kriecht durch das dichte Fell meines Mantels. Die Finger sind zu taub um die Gangschaltung zu bedienen. Öfter klauen und das neue Auto wäre mir sicher. Das Bike lasse ich an der üblichen Stelle stehen. Weit genug von meinem Wohnort, nahe genug um es wieder zu finden. Die Pilze tun ihr übriges. Wohne ich hier? Egal, die Büroklammer greift. (sas)
 
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  Ein Glas Wasser
Verdun, Käse und Menschen, die aussehen wie Schwerenöter: Das ist Frankreich. Ein Land voller zugiger Überraschungen. Wo der Wahnsinn sein Regalien-Baguette als Zepter der Macht gen Himmel reckt. Hier stinken sogar die Katzen...
Von Gastautor Henrie Schnee.
Ein scheiß-bedrohliches, verlängertes Wochenende hinter mir, das mich echt fertig gemacht hat. Nicht dass jemand anderes als ich - oder besser noch - wir, unser dreiköpfiges Guerillaz-Kommando, die Bedrohung darstellten.
Wir hatten es mit erstaunlicher Leichtigkeit geschafft einen Wagen voller Beweisstücke quer durch Deutschland - und dann auch noch über die grüne Grenze rüber nach Frankreich zu schaffen. Niemand machte uns Probleme, und weil wir im Schutze der Nacht unterwegs waren, hätten wir noch nicht einmal auf den französischen Autobahnen bezahlen müssen - den ganz speziellen Autobahnen. Okay aus Ignoranz und Türsteher-Paranoia taten wir es nicht, aber beim nächsten Mal werden wir die Option warnehmen, einfach nur um zu sehen, wie diese Scheißkerle reagieren.
Wir tauchten in der miesesten Gegend der unscheinbarsten, hugenottenfreiesten Kleinstadt unter, deren Hauptverteidigugnsmittel gegen uns diese schrecklichen Asphalthügel in den 30er-Straßen war. Okay, beim ersten Mal hob der Wagen bedrohlich ab, weil wir das scheißding einfach ÜBERSEHEN hatten, aber das passierte kein weiteres Mal.
Bei der Ankunft in der sicheren Bude mussten wir feststellen, wie windig unsere Behausung doch war. Alle Fenster waren quasi pa-terre, und in den dünnen Wänden konnte man die Ratten entlangkriechen hören. Unsere Kontaktperson war schon immer für die etwas seltsame Wohnungswahl bekannt, aber DAS hier war absolutes Neuland.
Am ersten Abend waren wir tierisch weggetreten, bekifft, angeheitert und leicht verwirrt, und so sahen wir einfach keinen Sinn in den wenigen deutschen Fernsehsendern, nur immer Angela Merkel, wie sie ein und das selbe an immer verschiedenen Orten tat. Es war einfach so: der Fernseher tat uns nichts, und wir taten ihm nichts. Aber als die Zeit verging, manche Aufgaben und der Wahnsinn über den Rückenmarkstunnel in das Kleinhirn eindrang, änderte sich das Fernsehprogramm und die Vibrations.
Die Wände, bemalt mit den Resten aus dutzenden Farbdosen, die geschmacklosen Poster, der Schneesturm, die schwangere, nach Gips stinkende Katze, der Sound... alles war so... anders auf einmal. Mir wurde klar, was wir getan hatten, wie leicht wie ins Feindesland gelangt waren, und wie leicht das auch umgekehrt hätte passieren können. Mir ging eine Geschichte nicht mehr aus dem Kopf, von einem Mechanikergesellen, der mit vorgehaltener Pistole seinem Meister klar gemacht hat, wie er es für richtig hält ein ganz bestimmtes Fahrzeug zu reparieren.
Konsequent Irre, die mit Waffen rumfuchteln, mischten sich mit dem Fernsehprogramm, ödes Geschwätz über die Fussballweltmeisterschaft, Brasilianer und die Verlogenheit des BNDs.
Nach 30 Stunden fingen die Wände an zu sirren und der kaputte Gasherd gab ein Staccatto von Flammenwerfersounds von sich, als eine dreißig Jahre alte ZDF-Sendung über bestechliche Profifussballer gesendet wurde, und ich lag da, besoffen und halb verrückt, und sah Gruppen wütender Franzosen, Holländer, Englander, ja sogar Brasilianer, wie die durch die deutschen Vororte ziehen, nackte BND-Agenten durch die Straßen zerrend, und die Köpfe ihrer Fussballfeinde auf Speere gesteckt.
Was wir geschafft hatten, war nur allzuleicht gegen uns zu richten. Es wurde mit Leuten geredet, die EXTRA für die Weltmeisterschaft Jobs in Deutschland schaffen, und alle grinsten sie wie fette, eingebutterte Schweine, aber Schweine mit Macht. Mächtige Schweine. Machtschweine. Schweinemacht! Hatte ich das nur geträumt? War das wirklich passiert? Ich überlegte angestrengt, wann diese WM ist, verwechselte sie mit der Olympiade in Berlin 2036, kriegte mich dann aber wieder ein, und sah der Wahrheit ins Auge.
Wir besprachen die Lage. Kein Extrabenzin im Kofferraum, um Explosionen vorzubeugen. Waffen besorgen bei eBay. Lange Sprungmesser, Spitzhacken, Luftpistolen, Pfefferspray, Elektroschocker, Baseballschläger. Bei Pfefferspray muss man darauf achten, das passende Gerät zu kaufen: Die einen sprühen den Strahl konisch auf kurze Distanz, was einen abgefahrenen Schrotflinteneffekt hat, die anderen haben einen sogenannten "ballistischen" Strahl, mit dem man wie eine Kobraschlange auf bis zu 6 Meter schießen kann, sogar gegen den Wind.
In der Dokumentation über die Fussballspieler von 1976 waren reiche, aber nicht wirklich eloquente Männer zu sehen, und wenn ich Fan davon wäre, dann wäre mir bei all den historischen Namen wohl vor Erfurcht einer abgegangen, aber dem war nicht so. Statt dessen kämpfte ich um ein paar Minuten schlaf, den mir die scharchende, schwangere und nach Gips stinkende Katze (und ich rede NICHT in Metaphern!) nicht gönnte. Ich dachte an grüne Stahlhelme, an Kioske, an denen man sich Ninjasterne kaufen kann, an Vitamin C und die tödlichen Nebenwirkungen, die eine Grapefruit bei einem Kiffer anrichten kann.

Und dann schlief ich irgendwann doch noch ein, aber erst nach einem Glas Wasser.
 
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2.27.2006
  Ein Herz für Tiere
Das Leben ist durchzogen von Begegnungen. Und manchmal, nur manchmal, spinnt sich ein silbernes Band zwischen zwei Wesen, die oft nicht unterschiedlicher sein könnten. Daran muss man ja nicht gleich sterben…
Eigentlich mache ich sowas ja nicht. Das stimmt sogar, wenn man den Begriff „Eigentlich“ als diejenigen überschaubaren Phasen ansieht, in denen meine Gehirnchemie nur von körpereigenen Substanzen beeinflusst wird. Da ich sowas eigentlich nicht mache, wundert mich die Konstellation, in der ich zu mir komme, obwohl ich mir das Wundern eigentlich abgewöhnt zu haben geglaubt hatte.
Beißende Kälte an meinem Gesäß. Na ja, ist ja auch Winter (warum weiß ich das?). Ich sehe betongrauen Himmel über mir, das Kreischen von Möwen dringt an mein Ohr. Ich hebe schwerfällig meinen Kopf. Auf meinem Bauch liegt der einäugige Aal in seinem eigenen, weißen Erbrochenen und sieht mich vorwurfsvoll an. Eine kühle Brise umweht meinen nackten Arsch.
Ich liege am See. Eine Kleiderspur, die vom Land her bis zu meiner Position reicht, weckt ein ungutes Gefühl in mir. Ich muss husten. Als ich an meinen fiebrigen Kopf fasse, sehe ich die beiden Smiley-Aufkleber auf meinem Handrücken. Zumindest erklären die, warum ich glaube, auf dem Rücken eines Schwanes hier her geflogen zu sein und eine Ente in den Hals gefickt zu haben. Hustend sammle ich meine Kleidung ein. Überall liegen die Seiten eines Porno-Magazins herum. Mit dickem Edding wurde sämtlichen Frauen ein Schnabel über den Mund gemalt. Zwischen diesen Hochglanzseiten und meiner Hose liegt eine tote Ente. Sie hat eine blonde Perücke auf.
Eine junge Ente steht daneben und stupst sie immer wieder fragend mit dem Schnabel an. Ich fühle mich schuldig. Es ist mindestens eine ganze Weile her seit meinem letzten sodomistischen Rückfall. Ich muss husten, und auch der kleinen Ente scheint es nicht gut zu gehen. Ich beschließe, sie mit nach Hause zu nehmen und ihr eine neue Familie zu besorgen. Nachdem ich sie in einer kurzen, hässlichen Verfolgungsjagd über die eisüberzogenen Steine des Seeufers endlich gefangen und überwältigt habe, gehe ich hangaufwärts. Ich streichle ihr besänftigend über ihren sanften, geschmeidigen Kopf und huste, bis ich erkenne, wo ich mich befinde. Überlingen. Die Stadt, nach der ein ganzer Teil des Sees benannt ist. Perle des Südens. Die Stadt mit dem zu winzigen Thermalbad. Die Stadt, die trotz passabler Arbeitslosenquote einen Republikaneranteil von über dreißig Prozent hochhält. Die Stadt, über der Flugzeuge kollidieren, weil die Piloten die Augen nicht von diesem pittoresken Kleinod abwenden können. Ohne mich zu fragen, wieso ich hier bin, fahre ich mit dem Bus zurück nach Konstanz. Obwohl ich meinen Schützling vor den neugierigen Blicken der deutschistischen Überlinger zu verbergen versuche, lasten ihre Blicke schwer auf mir. Es könnte auch an meinem abscheulichen Husten liegen, oder daran, dass in den Medien allerhand verleumderische Propaganda über Vögel verbreitet wird in diesen Tagen. Jedenfalls ist die Fahrt eine Tortur, und auch mein kleiner, wohlgeformter Schützling, ein junges, knackiges Entenmädchen, fällt immer wieder in Ohnmacht.
In Konstanz angekommen, suche ich schnell die Seestraße auf. Hier werden die Vögel immer von den Touristen gefüttert, weswegen sie zutraulich, zahlreich und hoffentlich zu dekadent und phlegmatisch sind, um ihr neues Familienmitglied auszustoßen. Ich entlasse meine süße Kleine mit den scharfen kurven nur ungern und mit einem bedauernden Husten in die neue Freiheit, und auch sie macht Geräusche, die ich nur als bedauerndes Husten interpretieren kann.
Obwohl sie sich schnell und hastig entfernt, erkenne ich ihren Trennungsschmerz. Ja, ich bin sicher, sie erwidert meine Gefühle. Vielleicht werden wir uns bald wiedersehen, meine Kleine. Morgen vielleicht. Ich bring Dir etwas Brot mit. Und Vaseline.
Sie schwimmt hinaus auf den See, hin zu ihren Artgenossen, stellt sich vor. Meine Tat ist vergolten, eine neue Liebe erblüht in mir, welch ein Tag. Ich muss husten vor Glück. Schwermütig, aber voller Vorfreude trete ich dem Heimweg an. Vielleicht sollte ich mich mal hinlegen. Diese Grippe bringt mich noch ins Grab. (foz)

 
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  Berufungsgeschwüre
Alle Menschen sind schlecht. Manche sind schlechter. Frauen tragen enge Hosen und hohe Stiefel, Männer stinken. Unterscheidungsmöglichkeiten bietet da nur die Berufung. Und viele davon sind prädistiniert für Arschlöcher. Ein Annäherungsversuch.
Wieder einmal versage ich an der Vorlage, einen klassischen Gonzo-Beitrag zu verfassen. Aber gerne bin ich dazu bereit, Menschen zu beleidigen, vor allem solche, die sich mit ihrem Beruf identifizieren. Aufwachen, Idioten! Auch Menschen mit schönen Berufen sind hässlich! (vgl.: Juan Antonio Samaranch) Inspiriert von einer "Offen gesagt"-Folge zum Thema Sportdoping haben Kollege oldahe und ich eine kleine Liste mit Berufen erarbeitet, die von vorn herein nur Sammelstelle für präpotent unsympathische Idiotie sind. Sollte auch ihr Job darunter sein, sehen Sie in den Spiegel und überlegen Sie, ob nicht auch sie ein Arschloch sind. Eine Reihung war aufgrund des stets exorbitanten Trottel-Faktors einfach nicht möglich:

Fifa-Fairplay-Beauftragte
Tofu-Bauern
Dub-Djs
Parlaments-Stenographen
Feng-Shui-Berater
Playboys
Ex-Schifahrer
Leuchtenparadies-Betreiber
deutsche Soldaten
Motivationstrainer
Volksschullehrer mit Legasthenie-Kompetenz
Tontechniker
Growsohp-Besitzer
IOC-Mitglieder aus Dritte Welt-Ländern
BWL-Studienassistenten
Big Brother Moderatoren
Medienpsychologen
Netzwerk-Administratoren
Projektmanager
Trendforscher
Wenn man die Zahl von Menschen bedenkt, denen man 24 Stunden am Tag in die Fresse hauen könnte, wirkt die Liste sehr klein. Sollten auch Sie Berufsgruppen haben, denen das Existenzrecht via Folter entzogen werden sollte, nennen Sie diese bitte. Die Redaktion der "Wahrheit" wird sich um das weitere procedere kümmern. (grr)
 
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2.14.2006
  Der Schwarm
Manchmal kommt es in der Natur zu ungewöhnlichen, spektakulären Ballungen von Geschmeiß. Eine Hommage an die Antikörper unserer Nation…
Mein Arsch wackelt. Mein Steißbein ist taub. Regelmäßige Stöße versetzen wippend meinen Körper in Bewegung. Mein Schließmuskel brennt. Oh, oh.
Das kann nur zwei verschiedene Dinge bedeuten. Entweder hat Chris, der schwule Hausmeister, mich in einem drogenschwachen Moment rumgekriegt, oder, bitte, bitte, das andere.
Ich öffne, auf alles vorbereitet, meine Augen. Ich sitze in einem Zug. Puh. Eine abendlich-verschneite Kulisse wandert an mir vorbei. Die Chancen stehen also gut, dass ich mich noch in Europa befinde, nicht wie nach dem letzten Trip. Ich setze mich auf, damit mein tauber Steiß wieder durchblutet wird, und bemerke die Kiste Bier, die unter meinen Füßen steht. Es sind noch zwei volle Flaschen darin, der Rest kullert immer mal wieder an mir vorbei durchs Abteil. Die Kiste Bier, der abgestandene Hopfengeschmack in meinem papptrockenen Hals und das angedaute Chili auf meinem Hemd erklären auch das Brennen meines Schließmuskels.
Die Tür des Abteils wird geöffnet, und eine Handvoll sehr kräftiger Männer stampft herein. Es ist Karneval, „Fasnet“, wie man bei uns sagt, und alle haben sich gleich verkleidet. Obwohl sie alle sehr kräftig und gesund wirken, lässt ihre Frisur keinen Zweifel daran, dass sie alle vor kurzem einer Chemotherapie ausgesetzt waren. Arme Schweine.
Sie setzen sich, und verspritzen zu ihrer eigenen Verzückung weißen Schaum aus ihren Bierdosen an die Scheiben und auf die Polster des runtergekommenen Zuges. Sie beobachten zufrieden, wie ich das vorletzte Bier enthaupte. „Auf Euch, Jungs“ erhebe ich meine Flasche zum Gruß. Wäre ich todgeweiht, würde ich bestimmt auch mal so die Sau rauslassen wie die.
Sie erwidern den Gruß freundlich und lachen. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Mir war gar nicht aufgefallen, dass wir gehalten hatten, aber wozu trinkt man, wenn nicht dafür, dass einem nichts mehr auffällt? Als ich nach einem kurzen Nickerchen, in dem Goebbels in rosa Plüschhosen den Führer grüßt, wieder erwache, hat sich mein Bier auf meinen Fingern verabschiedet und über den Zugboden verteilt.
Die Männer vom Narrenverein sind mehr geworden. Alle tragen diese schwarzweißen Tarnhosen, in jeder erdenklichen Tasche sind Spirituosen verstaut. Ein Baseballschläger kullert führerlos zwischen meinen Bierflaschen durch den Gang. Sie singen schräg, aber laut und mit aufrichtiger Inbrunst ein Lied, dessen Melodie mir bekannt vorkommt. Von deutschen Frauen und irgendwelchen Flüssen handelt es. Ich bin immer noch müde.
Der Schläger und die Flaschen kullern nach vorne, und ein Schild bremst an meinem Fenster vorbei. Esslingen. Na, von mir aus. Ich nehme das letzte Bier, erhebe mich schwerfällig, und bahne mir den Weg zwischen den flauschigen, dicken Jacken hindurch. In den anderen Abteilen sind noch mehr Jungs vom selben Verein. Hei, wo kommen die denn alle HER? Frage ich mich. Sie wollen hier wohl ebenfalls aussteigen. Hätte ich doch auch diese festen, robusten Stiefel, denke ich mir, nachdem ich auf den glatten Bahnsteig rausgeklettert bin und es mich beinahe hingeschlagen hätte.
Zum Glück bin ich vorher gegen eine scharfe, blondgelockte Mieze in khakifarbenen Klamotten geprallt. Geil. Besoffen irgendwo aus dem Zug stolpern und direkt einer heißen Stripperin in die Arme. Sie stellt mich wieder hin, betrachtet mich. Es ist offensichtlich, dass sie mich am liebsten sofort jetzt und hier hätte, aber sie bleibt vorerst in ihrer Rolle. Rückt ihre Mütze zurecht und spielt verheißungsvoll mit ihrem Schlagstock.

Mein Blick wandert den Bahnsteig rauf und runter. Überall quellen aus dem Zug diese jungen Männer heraus. Nicht viele, nicht Dutzende - Hunderte. Wie eine riesige schwarze, teerige Masse. Das muss der größte Krebspatientenausflug aller Zeiten sein. Die Apokalypse von Esslingen. Sie kommen johlend aus dem Zug gesprungen, schwingen ihre provisorischen Krücken und Sportschläger. Die glatzköpfige Masse brodelt. Doch ziemlich schnell kippt die Stimmung. Es wird still auf dem Bahngleis. Meine geile kleine Ausziehsau ist nicht alleine. Sie hat Kollegen mitgebracht. Männliche Kollegen. Viele Kollegen. Es wird totenstill auf dem Bahngleis, ich werde mit einem Schlag nüchtern.
Der Lautsprecher krächzt kurz, dann ertönt eine Stimme. „Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei. Bitte verhalten Sie sich ruhig, in den folgenden Minuten wird Ihre Weiterreise organisiert!“ Stille. Zeit für eine taktische Analyse:

Über Hundert sehr sportliche, wegen ihrer schweren Krankheit zu allem bereite Männer mit Sportgeräten, die man theoretisch als Waffe missbrauchen könnte, auf der einen Seite. Über Hundert moderat sportliche Männer und Frauen mit Projektilwaffen auf der anderen Seite.
Empfohlene Taktik: Rückzug.
Die Staatsbediensteten sind offenbar so auf ihre Gegner konzentriert, dass sie mich nicht bemerken, als ich mich zurückziehe. Auf meinem Weg Richtung Schnell-weg-vom-Bahnhof kommen mir weitere dreißig bis vierzig Polizisten entgegen. Am Bahnhof stehen achtunddreißig Mannschaftsbusse. Als ich mir den erstbesten Wagen aufbreche und eilig davonfahre, sehe ich weitere fünfzig Polizisten am Bahnhof, weitere sechzehn Mannschaftsbusse. Auf den nächsten zweihundert Metern kommen mir noch mal fast zwanzig Mannschaftsbusse in Grün entgegen. Ich hab noch nie so viel Polizei auf einmal gesehen und es kommt mir vor, als würden die weißen Blutkörperchen aus der gesamten Gegend sich auf einen ekligen Entzündungsherd stürzen, den ich gerade eilig hinter mir zu lassen versuche.
Ich hatte ja gedacht, dass Euthanasie out wäre in Deutschland. Aber ich finde es gut, wenn sich um die wichtigen Sachen hier im Land immer noch gekümmert wird, und vor allem finde ich gut, dass ich nicht mit den armen Jungs zusammen im Zug weiter nach Dachau oder sonst wohin fahren muss. (foz)
 
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2.08.2006
  Flucht aus Wien
Wien ist eine schöne Stadt. Vielleicht sogar zu schön, zu beschaulich, zu einladend. Vier Monate hatten es Sierra und ich geschafft halbwegs im Verborgenen unseren Wahnsinn auszuleben. Nach der Aktion mit dem Taxifahrer dem Tapetenkleister und den Laborratten hatte sich das dramatisch verändert. Es blieb nur noch die Flucht...
Wir waren spät dran und ich betrachtete es als geradezu unnötiges Risiko, noch eine Stunde länger in dieser Stadt zu verweilen. Zu absurd, zu ängstigend, zu polizeikundlich waren die vergangenen Tage gewesen. Es half nichts. Wir mussten Wien aufgeben, mussten uns aufs Land zurückziehen. Den Kopf wieder klar bekommen. Zurück nach Graz, wo die Welt beschaulich ist und sich der Feinstaub des Vergessens über unsere Schandtaten legen würde... zumindest hegte ich diese Hoffnung.

Der Tag hatte schon mal beschissen begonnen. Zwischen Tür und Angel erfuhr ich, dass eine Bekannte einen halbwegs festen Job in meiner Redaktion bekommen würde. „Hast Du das noch gar nicht mitbekommen?“, hatte mich T. gefragt. „Die M. macht für das nächste Jahr die Karenzvertretung für P..“ „Oh... das ist ja toll“, antwortete ich mit dem süßesten Lächeln, das ich aufbringen konnte, während mir gleichzeitig die Zornesröte ins Gesicht stieg, was einen ziemlich absurden Gesichtsausdruck zur Folge gehabt haben muss.
Nicht, dass ich den Job gerne gehabt hätte, ich hätte im nächsten halben Jahr weder die Zeit noch die Lust gehabt. Von meiner generellen Verfassung und den immer aufdringlicher werdenden Bullen ganz zu schweigen. Aber die Tatsache, dass mich der Chef nicht einmal gefragt hatte, ob ich diesen Posten haben wolle, machte mich stink wütend. Ich fühlte mich wie ein nordkoreanischer Matrose, der sich bei einem Landgang in Havanna einen Tripper geholt hat. Nicht der Tripper war das Nervige, sondern die Tatsache, dass ihn eine Hure aus einem Bruderstaat übertragen hat, war die Erniedrigung.
Gottseidank war es eh der letzte Tag in der Redaktion. Ich schluckte also meine Wut herunter, stellte die beiden Flaschen Abschieds-Sekt in den Redaktionskühlschrank und grübelte darüber nach, wie wir wohl am besten den Straßensperren entgehen würden, wenn wir in panischer Flucht die Stadt verließen.

Der Tag verlief ereignislos. Ich stoppelte meinen Artikel zusammen und rauchte 30 Zigaretten, die auch nicht halfen. Zwei mal war ich kurz davor, meinen PC aus dem Fenster zu werfen, auf meinen Tisch zu kacken und dann wild onanierend aus dem Redaktionsgebäude zu stürmen, aber irgendetwas – wahrscheinlich mein letzter Rest Intelligenz – hielten mich zurück. Außerdem wollte ich den Bullen keine frische Fährte geben.
Gegen 18 Uhr, nachdem ich mich von der Redaktion verabschiedet und mit dem Chef zusätzlich noch eine Flasche Weißen geleert hatte, rief ich Sierra an, der schon seit mehreren Stunden Gewehr bei Fuß stand. Auch ihm blieb nach der Aktion mit dem turkmenischen Taxifahrer, dem 20 Liter-Fass Tapetenkleister und den 200 Laborratten jetzt nur noch die Flucht. Ich hoffte nur, das er nicht bereits in einem Anfall von Panik in seinem Zimmer in Favoriten hockte, nur bekleidet mit einem paar Basketballschuhe und der alten Luger-Pistole, die ihm sein Großvater aus dem Krieg mitgebracht hatte; bereit, auf alles zu schießen, was ihm auch nur im entferntesten beängstigend vorkommt.
„Hey Sierra“. Die Antwort war ein nicht näher definierbarer Laut, der klang, als würden einem beim Kotzen Mund und Nase zugehalten. „Alles klar, bei dir? Ich geh jetzt los... komm in einer halben Stunde vorbei, dann laden wir mein Zeug ein und zischen ab.“ Ich vermutete, dass das Röcheln eine positive Bestätigung war und legte auf. Die Bullen können einen nicht aufspüren, wenn man weniger als 20 Sekunden „on-air“ bleibt.
Zuhause angekommen schlich ich mich in mein Zimmer, wo ich am Abend zuvor bereits meine Habseligkeiten in harmlos aussehnde Umzugskartons gepackt hatte. Eigentlich packe ich nie richtig aus. Das würde im Notfall wertvolle Zeit kosten, wenn die Bullen einem mal wieder auf den Fersen sind, und man schnell fliehen muss. Reine Vorsichtsmaßnahme.
Ich belegte eine Tiefkühl-Pizza mit psychedelischen Pilzen, schob sie in den Ofen und wartete auf Sierra. Der tauchte bald auf und sein Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass ihm die Psychopilze auf der Pizza mehr schaden als nützen würden. Sein Gesichtsausdruck war wild, wirr und unsteht. Wir beluden seinen Wagen und machten uns dann über die Pizza her. Als wir dann endgültig abhauen wollten, entdeckte Sierra einen nicht unbeträchtlichen Ölfleck unter dem Auto. „Oh Shit, Mann, das waren sicher die verdammten Bullen. Ich wird sie alle Aufschlitzen die Schweine.“ Ich wusste, dass es sinnlos war ihn zu beruhigen. Er würde seine Wut nur auf mich projezieren und mich so zum Ziel seiner Aggression machen würde. Wir fuhren zur nächsten Tankstelle um Ersatzöl zu kaufen.
Angekommen an der Tankstelle irgendwo in Favoriten setzte die Wirkung der Pilz-Pizza ein. Das war insofern ungünstig, als dass Sierra entdeckte, dass er den Deckel seiner Ölwanne eingebüßt hatte. Laut fluchend tigerte er über die Tankstelle robbte herum und suchte nach dem Deckel. Ob es die gleiche Tanke war, an der er zuvor Öl nachgefüllt hatte, entzieht sich bis heute meiner Kenntnis. Das einzig Positive an der Situation war, dass Sierra trotz des Pilzrausches hier in Favoriten kein besonders großes Aufsehen erregte. Er war nur ein weiterer Wahnsinniger. Die Bullen würden diese Fährte sicher nicht finden. Der Deckel der Ölwanne fand sich 15 Minuten später eingeklemmt zwischen Batteriekabel und Scheibenwaschanlage, was Sierras Horrortrip instantan in einen Glücksrausch verwandelte. Ob es daran lag, dass wir uns bereits 5 Minuten später verfahren hatten?
Schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Meine Fähigkeit zum Kartenlesen war zu diesem Zeitpunkt auch schon mehr als beeinträchtigt. Zwei zugedröhnte Wahnsinnige auf der Flucht vor der Wiener Polizei finden nicht den Weg aus Wien heraus. Es war eine bizarre Situation. Es war purer Zufall und eine glückliche Fügung des Schicksals, dass wir 45 Minuten später die Autobahn Richtung Süden erreichten. Sierra beschleunigte auf 145 km/h, um keine Aufmerksamkeit durch zu langsames Fahren zu erregen, die Landschaft zog vorbei und sorgte in Kombination mit den Pilzen für eine interessante Special-Effects in meinem Hirn. Der Simmering war nicht mehr weit und bald würden wir es über die Grenze in die Steiermark geschafft haben. Sierra fuhr ohne ein Wort zu sagen oder sich den Sabberfaden, der aus seinem rechten Mundwinkel zog, abzuwischen. Im Radio dudelte die Jazzkantine. „Da ist Musik drin Sportsfreund....“ (raf)
 
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2.02.2006
  Remineszens an ein Käse-Fondue
Völkerverständigung im Kleinen – Oder was einen daran hindern sollte, die arroganten Arschgesichter unseres felsigen Nachbarstaates einfach alle aufzuschlitzen...
Neulich war ich mal wieder einkaufen. Bei Aldi. In Konstanz. Ein Kenner wird jetzt die Arme über dem Kopf zusammenwerfen. Doch auch wenn Sie keiner sind, sollten Sie den Atem anhalten. Nicht, dass es bei Aldi stinkt – das nun wirklich nicht. Also, es sei denn, ich bin gerade da, aber dafür kann Aldi ja nichts. Schwamm drüber.
Jedenfalls stehe ich gerade mit meinen beiden Sixpacks in der Schlange und beobachte die vierzig Asylantenlängen vor mir sitzende Kassiererin bei der Arbeit. Gleich einem unermüdlichen Industrieroboter schießt sie in atemberaubendem Tempo Lebensmittel durch den Lesebereich eines barcodefähigen Dreirichtungslasers.
Ich versuche zu erkennen, ob sie zur dritten Generation neuartiger Androbots gehört, also WIRKLICH ein Industrieroboter ist, dem ein Medion-Designer mit viel Liebe zum Detail zahlreiche Runzeln, eine täuschend echte Hakennase und Warzen mit dem Prädikat „Echthaar“ verliehen hat. Falls nicht, wäre sie eine „echte“, eine von den wirklichen, echten Aldi-Kassiererinnen, die irgendwo in einem ausgedienten Camp bei Dachau gedrillt werden bis zur totalen Verblödung.
Dafür werden sie dann aber von den sekundenschlafgefährdeten Kolleginnen bei Lidl und Norma nur anerkennend „die Aldi-SEALS“ genannt. Ich zische eins der Biere, und dann höre ich es. Das Geräusch. Wäre ich anderswo, würde ich vermuten, dass eine Eule versucht, ein versehentlich verschlungenes Stück Schleifpapier auszuwürgen, oder dass ein hartgefrorenes Wiesel mit einer Bügelsäge zerteilt wird – doch ich bin in Konstanz bei Aldi und weiß es besser: Schweizer.
Schweizer besitzen, wie wir alle wissen, unglaublich viel Geld. Und nur, weil sie so geizig sind, dass sie trotzdem nach Deutschland fahren um bei Aldi einzukaufen, heißt das nicht, dass sie sich deswegen mit den germanischen Untermenschen in eine Reihe stellen müssen. Der Platz eines Schweizers ist vorne, das wissen sie alle, und stellen sich deshalb in der Schlange vorne an.
Das Geräusch nähert sich, und schon taucht eine vierköpfige Schweizer Familie auf, und wie erwartet fahren sie mit ihrem Wagen bis ans Kassenband, in der Erwartung, dass ihnen jetzt Platz gemacht wird. Dabei machen sie permanent diese fiesen Räuspergeräusche, die sie selbst für Sprache zu halten scheinen.
Ohne Aische eines Blickes zu würdigen, fängt Papa Eidgenosse an, ihren Einkaufswagen mit seinem zur Seite zu schieben. Sie wehrt sich nicht, weil ihr Wissen über unser Land künstlich kurz gehalten wird und sie den Schweizer deshalb wegen seiner selbstverständlichen Art für einen Gestapo-Offizier hält. Mein Blutdruck schwillt, Galle drückt bitter von unten gegen meinen biergestärkten Kehlkopf. Mein Kamm schwillt, ich schnaube vor Wut.
Ich kremple die Ärmel hoch, um ihm zunächst verbal und später ungeachtet des Gesprächsverlaufs auch mit der Faust in die Fresse zu hauen. Ich leere mein Bier, gehe mit gerade noch beherrschbarer Schlagseite auf ihn zu. Er ahnt was ich vorhabe, und seine Gesichtszüge gefrieren in kaltem Entsetzen. Ich baue mich vor ihm auf, durchbohre ihn mit meinem Blick und hole tief Luft, als mir etwas bewusst wird.
Schweizer haben viel für uns getan. Sie kaufen die RS-Modelle von Audi, die sich bei uns kein Schwein leisten kann, und stützen so die deutsche Wirtschaft. Sie helfen Steuerflüchtlingen aus allen Bundesländern mit ihren Nummernkonten und bewahren unser Gold seit sechzig Jahren sicher auf.
Sie bauen seit jeher präzise Uhren, na gut, es gibt auch Swatch, aber mit den übrigen Uhren haben sie die Basis geschaffen für die weltberühmte deutsche Pünktlichkeit, und das allerwichtigste: sie haben einen Bürgerkrieg in Deutschland verhindert. Den Bürgerkrieg 2006, der durch eine Teilnahme der Türkei an der Fußball-WM ausgelöst worden wäre – und zwar ungeachtet des Ergebnisses für die Türken.
Mehrere tapfere Schweizer haben ihre Hoden gegeben, um das zu verhindern. Die Schweizer Mannschaft hat gekämpft wie die Löwen, ein neutraler und doch menschlicher Beitrag zum Frieden. Sie haben unter Einsatz ihrer Gonaden die deutschen Diskotheken sicherer gemacht, haben Drive-by-Shootings aus tiefergelegten 3er-BMWs mit Fickfolie verhindert, haben verhindert, dass der Sperma-Anteil in Dönersoße überhand nimmt und die Ghettos in deutschen Großstädten ein wenig sicherer gemacht.
Der Schweizer starrt mich an, ich kann nicht unterscheiden, ob er schlecht Luft bekommt vor Angst, oder ob er mit mir zu sprechen versucht. Jedenfalls hole ich aus, schließe ihn ruppig in meine Arme und jauchze: „Danke! Danke!“ (foz)
 
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1.26.2006
  Gedanken zum Tage
Sprengt sie weg, die Schweine! Deutschland wird wieder wer! Atomwaffen für die Bundeswehr. Jetzt ist DIE Gelegenheit – ein Plädoyer...
Es war einer dieser versifften Samstagmorgen. Oder Donnerstag. Es war jedenfalls ziemlich dunkel draußen, als ich im Supermarkt meiner Wahl an der Kasse stand, Essen kaufen. Zwei Schachteln Luckies und eine Flasche Jackie. Das sollte reichen. Angesichts des zunehmenden Tatterichs meiner Hände überlegte ich, ob ich den Jackie schon aufmachen könnte, ehe mir bewusst würde, dass es nicht der Tag war, der versifft war, sondern ich.
Bevor ich also auf die Idee kam, mir zu überlegen, warum es überall nach Pisse und altem Schweiß stank, egal wo ich gerade war, nahm ich einen tiefen Schluck aus dem darmzerfressenden Wärmevortäuscher, und fand mich wieder im Jetzt.
Als ich mich umdrehe, um zu überlegen, die angesoffene Flasche gegen eine gute, originalverpackte auszutauschen, fällt mein Blick auf den Kerl hinter mir. Er hat einen riesigen, drahtigen, pechschwarzen Bart, einen Turban, einen durchdringenden Blick, und einen tickenden Rucksack über die Schulter gehängt. Auf das Kassenband legt er zwei Prepaid-Handys, zwei Packungen Schrauben, vier Säcke hochexplosiven Kunstdünger und eine Ausgabe von „Bomb Yo´ Fo“ mit einem Zünder-zum-Selberbasteln-Gimmick.
Tja, denk ich mir, die sind ja inzwischen wirklich überall, und nehme noch einen Schluck. Aber was sollte man schon gegen Schläfer machen? Was kann ein Staat gegen diese ausgezeichnet getarnten, perfekt durchstrukturierten, hochintelligenten Agenten Gottes schon tun? Sie verbergen sich mitten unter uns, unentdeckbar, undurchschaubar. Irgendwann schlagen sie zu, keiner kann wissen wann und wo. Ihr Afghanischer Nachbar schleppt jeden Tag Unmengen von Metallrohren nach Hause, wenn er von der Flugschule heim kommt? Na, was geht mich das Hobby von meinem lieben Nachbarn an?
Was könnte gegen diese subversiven, sich in den Großstädten Deutschlands und Europas verbergenden, lebenden Bomben helfen? Da durchzuckt mich eine Idee, und ich spüre, dass zugleich ein Verteidigungsminister die selbe Eingebung hat. Wenn es irgend etwas gibt, mit dem man mit chirurgischer Präzision einzelne Individuen aus einer belebten Großstadt entfernen kann, dann sind es Atomwaffen! Die Bundeswehr braucht Kernwaffen! Dann könnte man den fanatischen Irren hinter mir einfach aus dem Kosmos nuken!
Und wenn schon nicht ihn, dann wenigstens das Land, aus dem er kommt! Oder wenigstens ein Land, das wir ohnehin nicht leiden können, wie es die Amis machen. Den Unterschied zwischen Afghanistan und Irak merkt doch eh keiner. Jetzt ist die Gelegenheit. Wenn der Terrorismus-Hype erst einmal abgeklungen ist, dann gibt es keine Pseudo-Begründungen mehr für Überwachungsstaaten, totale Kontrolle, biometrische Daten oder Kernwaffen für die Bundeswehr… dann schmilzt jede Chance, uns Frankreich doch noch mal zu holen, oder es wenigstens völlig niederzubrennen, völlig dahin!
Dann bleiben die Politiker auf ihren idiotischen Ausreden sitzen wie Kioskhändler auf den Plastik-Dinos seit dem Ende der Jurassicmania-Epoche. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt – Die Unternehmen machen größere Gewinne als jemals zuvor, den Menschen geht es so dreckig wie seit fünfzig Jahren nicht mehr…was braucht ein Mensch, der keine Arbeit, nichts zu fressen und keine Chance hat, Fußballweltmeister zu werden? Waffen! Macht!
Die Möglichkeit, sich wenigstens vorzustellen, dass er alle, die er hasst, auf einmal umbringen könnte. Das ist jetzt genau das richtige! Und weil der Staat so arm ist, werden die Atomwaffen sofort nach dem Bau privatisiert. Die Daimler-Chrysler-Tochter FATACH (Friedensmacht Anti-Terroristischer Atomwaffen der CHristenheit) baut die Waffen eigenverantwortlich und geht direkt an die Börse. Ein Paradebeispiel für PPP. Private Public Partnership.
Jeder männliche weiße Christ arischer Abstammung kann dann Aktien der FATACH AG kaufen. Ein Angriffsschlag kann nur durch einen Mehrheitsbeschluss von 51% Shareholdern beschlossen werden. Wer braucht da noch Demokraten und Minister? Ich nehme noch einen Schluck aus der Pulle, und beginne mich zu fragen, wer hier eigentlich der Feind ist. (foz)
 
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  Flieg, Vogel der Unsterblichkeit
Die Welt ist langweilig geworden. Soziale Netze machen des Kampf ums Dasein zum Osterspaziergang. Abhilfe schafft die Leibesübung. Sport und Turnen, füllt Gräber und Urnen. Nie war dieses Bonmot wahrer als hier...
Okay. Ich bin im Freien. Gefühlte minus fünfzehn Grad, der vertraute Geschmack von Erbrochenem in der Nase, kalter Asphalt lehnt an meinem Gesicht. Schwer drückt sich Mutter Erde gegen meinen Körper. Klassisch. Eines der dreihundert Millionen angeblich so überflüssigen Verkehrsschilder hilft mir, mich im Rechten Winkel zur Erdoberfläche zu positionieren. Mein Gleichgewichtsorgan will mir weismachen, dass ich diese Haltung noch nie in meinem Leben zuvor eingenommen habe.
Es sind nur ungefähr hundert Meter bis zu meiner Wohnung, ich bin in der Max-Stromeyer Straße in Konstanz. Hundert Meter, denke ich, kann ich sicher auch auf allen Vieren zurücklegen, ohne unnötig an Würde einzubüßen. Ein älterer Herr steht neben mir. Dass ich vor seiner für mich unerwarteten Gegenwart erschrecke und einen hektischen Schrei ausstoße, nimmt er mir nicht übel. Ich kenne ihn irgendwoher. Langsam dämmert mit warum ich hier bin.
Ein Interview. Der Mann, Reinhard Bradke*, will einen Rekordversuch unternehmen. Im Laufe der folgenden Sekunden sickert die Erinnerung daran, was ich hier will, sehr langsam zurück in mein Bewusstsein, wie der wunderbar warme Urin in meine Hosen. Ich finde meinen Notizblock in der Kotze und hebe ihn in einer umständlichen Kletterpartie hinunter auf den Boden und wieder zurück auf.
„Amtierender Rekordhalter: Ronny K.*, (23), mit 18,3 Metern Länge, 1998 auf der Brauneggerstraße aufgestellt, Tod durch Taxi“ lese ich dort. Bradke (48) klatscht in die Hände, reibt sie voller Tatendrang. „Also, packen wir’s, oder!“ ruft er, und hechtet sich unvermittelt auf die Straße. Ein Rollerfahrer schlägt einen wilden Haken, fetzt in unkontrolliertem Zickzack über die Gegenspur, fängt sich und fährt weiter.
Für einen Augenblick bin ich konsterniert, weil dies offensichtlich wirklich geschehen ist. Ich suche Rat in den weiteren Notizen, wo zwischen den Flecken halb verdauten Jägermeisters zu lesen ist: „Ex-BD = Extreme Body Drifting, neue Extremsportart aus den Slums von Bombay. Sportler versuchen, sich möglichst weit von nichtsahnenden Zivilfahrzeugen über den Asphalt schleifen zu lassen.“
Ich grüble kurz, und rufe dann zu Bradke, der noch auf der Straße liegt „na, hat wohl noch nicht so hingehauen, wa…?“ „Tja, sieht so aus, manchmal braucht man eben auch ein Bisschen Glück“ ruft er jovial zurück, stemmt sich hoch, ein Auto fährt vorbei, Bradke ist weg.
Konzentriert starre ich auf die Stelle, wo er eben noch gelegen hatte. Da erschallt ein lauter, langanhaltender, triumphaler Schrei durch die Straße. Das Auto, ein Multipla, hält an. Das Fahrzeug scheint beträchtliche Mengen Flüssigkeit zu verloren zu haben. Erst nachdem ich mich noch einmal nach Bradke umgesehen habe und eine Miniflasche Asbach zum Wachwerden getrunken habe, kapiere ich, dass die Flüssigkeit Blut ist und Bradke ein Genie.
Ich eile durch die sich gummiartig verwindende Straße zu dem hässlichen Auto. Bradke liegt darunter. Er ist blutverschmert, sieht glücklich aus. „da… da… meim Rekord!“ stammelt er. Er hat mehr als ungesunde Mengen an Blut, Zähnen und Hirn verloren durch diesen Rekordversuch.
Selbst in meinem Zustand ist es kein Problem zu sehen, dass er weit mehr als die achtzehn Meter von Ronny K. geschafft hat. Die Finte, sich auf dem Straßenbelag zu verstecken, um die Reaktionszeit des Fahrzeuglenkers und damit die Schleiflänge zu vergrößern, wird in Drifterkreisen sicher bald als das Bradke-Manöver bekannt werden.
In den folgenden drei Stunden findet eine rauschende Party mit Pressluftfanfaren, Sirenen und bunten Blinklichtern in der Straße statt. Für das Straßenfest wird die halbe Region gesperrt, und Bradke wird feierlich mehrmals wiederbelebt, während Fans sich um die Hirn- und Knochenstücke ihres Idols prügeln.
Nach wenigen Stunden bewegt sich die Partygesellschaft mit einem Licht- und Lärmaufgebot, das der Love Parade Konkurrenz machen könnte, zum Krankenhaus. Weil ich nur ein kleines Licht bin, darf ich trotz meines renitenten Charmes nicht mit den Ehrengästen mitfahren.
Im Krankenhaus spreche ich weiter mit Bradke. Wir sprechen über Selbstverwirklichung, Heldenmut, und Feminismus, der Männer zu solchen Taten treibt. Die amtliche Messung wird mir per SMS mitgeteilt. „Messung durch den Verband Deutscher Extremdrifter e.V.: 43,72 Meter, Glückwunsch an den neuen Europameister: R.Bradke!“
Ich teile Bradke die Rekordweite mit. Doch Bradke ist bereits tot (foz)
*Namen von der Red. Geändert.
 
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  Wie der Staat sich selber fickt
Ein Besuch beim Zahnarzt ist eine feine Sache. Vollbusige Zahnarzthelferinnen mit massenweise Gummis in der Hand reiben ihre Euter an Dir. Aber leider nur, wenn du Privatpazient bist. Eine Analyse...
Wer meine Fresse kennt, weiß, dass es ein ganz schönes Stück von meinen Lippen bis zu meinen Backenzähnen ist. Und da ich nur begrenzte Freude an Selbst-Fisting habe und Zahnbürsten nicht wie Kondome in XXL- oder Kingsize-Format hergestellt werden, konnte sich jenseits der Reichweite meines Hygiene-militärischen Bürstenarmes eine kleine Truppe terroristischer Bakterien in den schwer zu durchsuchenden, zerklüfteten Tälern des entlegenen Backenzahngebirges einnisten und ein für meine körpereigenen Truppen scheinbar völlig unzugängliches Höhlensystem errichten.
Ne nettere Umschreibung dafür, dass meine Fresse von innen fault und ich zur Zeit aus dem Hals stinke wie Hitler fiel mir bisher nicht ein. Da man das selber kaum merkt, und weil keiner in meinem Kopf die über den gehirninternen Sender Aldi Dschasira gesendeten Videobotschaften von ein paar durchgeknallten Bakterien ernst genommen hat, hatten die richtig Zeit, sich eine Basis zu schaffen.
Als die dralle Zahnarzthelferin ihre verkehrsbereiten Knospen sanft über meine Wange streichelte, um mich gefügig zu machen, konnte ihre hochmoderne Spionage-Spiegeltechnik aus großer Höhe den Unterschlupf der Mikro-Islamisten orten. Noch während des Spiegel-Überflugs über das Zielgebiet werteten ihre weichen C-Körbchen-Wunder das Gesehene aus und erklärten mir bebend und sich aufrichtend, dass ich da ein Loch hätte. Der Chef – ich wusste erst nicht ob sie Gott oder den Amerikanischen Präsidenten, oder ob das inzwischen das selbe war, meinte, würde sich gleich darum kümmern. Da müsse man vermutlich bohren.
Kein Problem, dachte ich. Nur die heimtückische, feministische Erfindung des Begriffs „Vergewaltigung“ hatte mich bislang davon abgehalten, dich ausgiebig zu bohren, meine Zuckerschnecke. Leider stellte sich heraus, dass sie mit „Der Chef“ ihren Chef und damit den Zahnarzt des Hauses meinte.
Meine Erektion verschwand so schnell aus meiner Hose wie ihr draller, lüstern schaukelnder Arsch aus dem Türrahmen. „Da müssen wir wohl eine Füllung machen“ ächzte der überlastet wirken wollende Dentalmediziner, was aus seinem Mund nicht mal halb so gut klang wie aus ihrem, und für eine Sekunde schienen die Worte „Sechs Komma Achtfacher Satz“ in seinen Augen zu leuchten. Man stelle sich das mal in anderen Berufsgruppen vor – ein Beamter, der in den zwanzig Sekunden am Tag, wo er einen Stift oder eine Tastatur in die Hand nehmen muss, sofort den fünffachen Stundensatz verlangt. Oder eine Sekretärin, die für „sinnlos Nägel lackieren“ den einfachen Satz, für Kaffee bringen den vierfachen und für sich kurz mal durchficken lassen den zwölffachen Satz abrechnet – ein abscheuliches Szenario.
„Eine Füllung, aha.. was gibt’s denn da für Möglichkeiten?“ höre ich mich abgelenkt sagen, als die Dralle wieder mit wippenden Rundungen an der Glastür vorbei gleitet. „Nun“ fängt der Arzt an, „da Sie Kassenpatient sind“ – er hält sich kurz die Faust vor den Mund, um seinen Brechreiz zu unterdrücken - „kommen nur Amalgam oder Kunststoff in Frage.“ Amalgam, denke ich, taucht in meinem Gedächtnis zusammen mit den Begriffen Aderlass, Quecksilber, Gift, Castortransport und Alice Schwarzer auf – ich kann nicht fassen dass es das noch gibt. Er spricht weiter.
„Amalgam ist hässlich, dünstet über die Jahre hinweg hochgiftiges Quecksilber aus, das Sie einatmen. Nach allerspätestens fünf Jahren fällt die Plombe raus und Sie verschlucken sie. Dadurch bekommen Sie eine Leberzirrhose, falls Sie bis dahin noch keine haben. Die schweren Nierenschäden zwingen Sie dann zur Dialyse. Amalgam kostet achtzig Euro, zahlt aber die Kasse.“ Eine kurze Pause entsteht.
„Äh…und Kunststoff?“
„Kunststoff ist ungiftig, hält hundertvierzig Jahre, sieht fast aus wie Zahnschmelz und kostet hundertzwanzig Euro.“
„Also, da die Kasse achtzig Euro übernimmt, noch vierzig für mich?“
„Nein, Kunststoff ist zu teuer, deswegen bezahlt die Kasse es gar nicht, auch nicht anteilig.“
„Hab ich das richtig verstanden? Eine neue, gesunde, haltbarere, minimal teurere Technik wird völlig boykottiert, während ein Füllstoff, der mich garantiert zum Stammgast in der überteuerten Medizintechnik macht und
Linkdie Kassen mittelfristig viele tausend Euro kostet, voll unterstützt wird?“
„Ganz exakt.“... Wieder eine Pause.
„Ist das finanzpolitisch nicht ungefähr so, als würde man alle gängigen Schmerzmittel selbst bezahlen müssen, Heroin würde aber von der Kasse übernommen, egal, wie viel man davon will?“
Offenkundig war das nicht Teil seines Schnellreichwerden-Studiums, und die Denkanstrengung schien seine Mimik in einer Art Superzeitlupe zu gefrieren. Während er nachdachte, sah ich, wie die Dralle mit einer Packung Kondome, einer Kingsize-Zahnbürste und einem älteren Herren in einem Raum mit Blick- und Schalldichter Türe verschwand, auf der „Privatpatienten“ stand.
Ein Glück, das wenigstens der total deregulierte Kapitalismus die Frauen noch zur Vernunft bringen kann, seuftze ich gedankenverloren. (foz)
 
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1.24.2006
  Nur ein Job
Die Welt ist eine verschlagene, hinterhältige und gemeine Schlampe. Und es gehört zu ihren ureigensten Eigenschaften, dass sie einen immer zu dem macht, was man selbst am meisten verachtet...
Ein Job. Ein Job ist ein Job ist ein Job. Er bringt bares Geld. Ja. Tu es für das Geld. Nie im Traum wäre es mir als Philosoph in den Sinn gekommen, mich freiwillig unter die Kakerlaken der Menschheit, Journalisten und Manager, zu mischen. Aber wenn man sich eher die Zunge herausschneiden würde, ehe man noch einmal die Worte „zum Mitnehmen?“ über die eigenen Lippen bringt, wird es Zeit, sich zu verändern. Also fahre ich zur Konferenz. Fein. Ich fahre hin. Der Vorschuss finanziert das Gras und die Pillen für die kindergeschreiverpestete Zugfahrt. Die hypnotische Wirkung der monoton vorüber mockernden Weichen tut ihr übriges. Das Meskalin heb ich mir für das Interview auf. Sicher wird es die Hölle. Manager. Unwillkürlich schüttelt es mich.

Als die Wirkung der Tabletten nachlässt finde ich mich in der raumschiffartigen, dumpfen Stille eines ICE. Der Schaffner oder wer der Kerl in der lustigen Fantasieuniform ist erklärt mir, dass ich ins Restaurantabteil gehen muss, wenn ich ein Bier will, und weigert sich auch weiterhin standhaft, Bestellungen entgegenzunehmen. Kein Wunder zahlen die jedes Jahr so viele Millionen drauf, dass sie sich von den angesparten Schulden jetzt noch den Namen der Bundesliga kaufen wollen. Was für ein riesiger Haufen Idioten - wo war ich?
Während ich mein fünftes Bier runterwürge in dieser hochmodern schaukelnden Überlandschiffskaschemme, versuche ich mir einzureden, dass ein einziges Mal Beine breit machen für Geld noch keine Nutte aus mir macht, ein einziges Interview mich noch nicht zu einem Journalisten brandmarkt. Der Meinung ist auch Rudi, der sich neben mir am Tisch festhält, und dessen fettbärtige Zustimmung sich jeder für wenige Zentiliter Bier erkaufen kann. Ich sehe mich in Gedanken selbst, morgens in den Spiegel schauend, und diese Stimmen schreien, überall diese Stimmen. „Journalist! Journalist!“ Ihre anklagenden Stimmen überschlagen sich in meinem Geist. Irgendein Verrückter hat das Wort Hure in Spiegelschrift in den Atem auf meinem Badezimmerspiegel geschmiert. Ich werfe die Hände über dem Kopf zusammen.
Der unerwartete Anblick des wahrscheinlich geilsten Arsches im Umkreis von sechshundert Straßenstrichlängen reißt mich aus dieser Alptraumvision zurück ins Zugabteil. Eine Wasserstoffblonde bückt sich ungezwungen adrett herunter, um mir ihre fabelhaften Spreizestelzen bis hin zur Ständergrenze zu zeigen. Als Vorwand verwendet sie einen Typen, der angeblich einen Kaffee bei ihr bestellt hat. Sie lächelt ihn an und ihr cremiges „bitte sehr“ lutscht sich geschmeidig von meinem Ohr an meinem Körper herunter und vergewaltigt mich sanft und ölig für eine Zehntelsekunde des Glücks. Wenn Zugtoiletten nicht beinahe so widerlich wären wie Anwälte, würde ich Dein Angebot annehmen, Süße. Lucy. Ich werde Dich Lucy nennen. Ich werde später auf Dich zurück kommen.
Es muss einen Grund geben, warum man die Redensart „Lustig wie ein Taxifahrer“ in keiner Sprache der Welt finden kann. Selbst Bela B könnte in so kurzer Zeit nicht so oft das Wort Fotze in seine Monologe einbauen, ohne irgendwann mal zu lachen. Ohne die Pillen, die ich aufbrauchen musste, um die blonde Dreilochstute zu vergessen, gelingt es mir nicht, seinen ununterbrochenen Schleuder- und Fluchmonolog in ein inhaltsloses Hintergrundgeräusch zu verwandeln, deshalb nehme ich das Meskalin gleich.
Ich gehe wie gewohnt davon aus, dass ich ihn in Wahrheit ganz anständig verabschiedet und bezahlt habe, obwohl ich ein täuschend echtes Erinnerungsbild von seinem blutüberströmten Gesicht und toten, verdrehten Augen habe. Im Kongresssaal brodelt eine stinkende Meute von hyänengesichtigen Journalisten. Phrasenschnappende Tentakel wabbeln aus dieser Masse nach oben, angeln nach der gedanklichen Scheiße, die überall im Raum schwebt, und die in den Medien gewinnbringend zu verkompostieren jeder von ihnen lechzend begehrt wie die Zugbegleiterstute meinen Knüppel.
Ich halte die Luft an und wate durch den hüfthohen, wimmelnden Schleim der in Sensationsgeilheit masturbierenden Baldschon-Großrauskommern. Ich setze mich, so dass der Schleim aus hechelndem Abschaum mir bis ans Kinn reicht. Graue Geister kreisen über dem Tentakelschleim und zeigen mit ihren Fingern auf mich. „Journalist! Journalist!“ Schützend reiße ich die Arme nach oben. Ich werde aufgerufen. Die kreischenden Stimmen überschlagen sich, als ich mich langsam aus dem zähen Schleim erhebe.
Alles dreht sich. Lucy, die geile Zugbegleiterin bläst mir einen, unter dem Schleim muss sie die Luft anhalten – wen interessiert das – die Stimmen überschlagen sich vor Lachen und Spott, mein Herz pocht. Einmal Beine breit macht noch keine Nutte. Tu es für das Geld. Tu es für Lucy. Ich hole tief Luft, ejakuliere und öffne meinen Mund: „Herr Ackermann…“ (foz)
 
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  Proleten im Netz
Google ist dein bester Freund (zumindest solange, bis er dein Tagebuch liest) Dank dieser wunderbaren Einrichtung findet man schnell was man sucht, oder auch nicht. Nachfolgend hier also die Suchbegriffe, mit denen Ihr, liebe Leser, im vergangenen Monat auf unsere Seite gekommen seid. Ich kann nur sagen: Für diese Suchstringauswahl schulden wir Euch den allergrößten Respekt...
Proleten im netz
nürnberger nachrichten leni riefenstahl nürnberg ausstellung
gonzojournalismus
osthoff hure fickt
verona pooth titten
Susanne osthoff fotze
grossmütter am scheissen
fick den Schleim ins arschloch
osthoff abartig kennen
I.M. Billas
mord an der menschlichkeit
muss jetzt gehen schleim abwischen
betrunkene ratten
"Die Wahrheit" + Gonzo
schwechater dose
geschichte des kackens
scheisshaus kacken
an den gespreizten beinen aufgehängt
rimmjob
indonesien, jugendkultur
großer Haufen kacken
Arschlöcher schlecken
"susanne osthoff" fotze
kacken fluss
osthoff nutte
bild werbung wahrheit kacken
osthoff medial orgasmus
Villach Schnee Bahn Verspätung
zigarette kacken
Pornokinos in Villach
(raf)
 
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  Noch etwas Soße, Herr Staatssekretär?
Der österreichische Beamte "an sich" ist eine besondere Lebensform. Auf dem schmalen Grat zwischen Machtwahnsinn und Unterwürfigkeit weiß er sich mit traumwandlerischer Balance zu bewegen. Ein Kotau vor dem Gipfel der Schöpfung...
Ich hätte gewarnt sein müssen, als mich kurz vor 15 Uhr an diesem Nachmittag der persönliche Assistent des Herrn Staatssekretärs anrief. Aber dummerweise hatte ich mir gerade mit zwei Mojitos die Geisteshaltung justiert und blickte einem weiteren ereignislosen Nachmittag in der Redaktion entgegen; nur gelegentlich durchzogen von der leisen Hoffnung auf einen Tsunami, einen Flugzeugabsturz oder zumindest einen säbelschwingenden Amokläufer. Kurz: Ich war gelangweilt, hatte schon zwei Drinks drin und war allgemein in einem nicht besonders wachen Zustand.
Auch der Ausspruch „Sie sind doch der Experte bei der ... für Verkehrsfragen“ hätte mich stutzig machen müssen, hatte ich doch in meiner gesamten Zeit bei der Zeitung keinen einzigen Artikel zu diesem Thema verfasst. Es war also schlichter Wahnsinn, dass ich mich zu einem Hintergrundgespräch mit dem Herr Staatssekretär einladen ließ, aber die Tatsache, dass etwas schlichter Wahnsinn ist, betrachtete ich in diesem Moment eher als intellektuelle Herausforderung und erst in zweiter Linie als hervorragende Gelegenheit mich auch auf hoher beamtischer Ebene zu blamieren.
So kam es, dass ich mich gegen 18 Uhr auf den Weg in ein In-Restaurant machte, nicht ohne vorher noch an einer Trafik (dt. Kiosk) drei Underberg zu leeren. Der Abend versprach hart zu werden und ich wollte auf keinen Fall riskieren unalkoholisiert in eine Situation zu geraten in der ich mich schnell und kreativ zum Thema Verkehrspolitik äußern musste. Bei dem Gedanken, auf Kosten des Ministeriums frei saufen und fressen zu können, kamen mir noch mal ernsthafte Bedenken – immerhin erfreute ich mich seit dem Vorfall mit der Gattin des Polizeipräsidenten bereits eines gewissen Bekanntheitsgrades.
Für einen kurzen Moment sondierte ich die Möglichkeiten vorgetäuschter Krankheiten, aber das hätte bedeutet, dass die Kollegen der anderen Medien allein in den Genuss von Gratisbier gekommen wären. Ein untragbarer Zustand.
Pünktlich eine Viertelstunde zu spät und mit einem veritablen Mojito/Underberg-Rausch betrat ich das In-Restaurant und stellte mich – auffassungsgerecht - als der Experte der ... für Fragen des Verkehrs vor. Dabei muss mein leichtes Schwanken einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, denn man schenkte mir Seitens des Stabes des Staatssekretärs gesteigerte Aufmerksamkeit.
Der persönliche Referent, ein Typ mit glattgelecktem blondgestähntem Haar, Armani-Nadelstreifen und wild verkoksten Glubschaugen, orderte mir instantan ein Bier. Das nenn ich mal gelungene Pressearbeit.
Vom Staatssekretär selbst war keine Spur, dafür hatten seine Schergen bereits Platz genommen und diskutierten mit den anderen Journalisten eifrig über Dinge, deren Wortlaut ich beim besten Willen nicht verstand. Die hätten auch Navajo reden können. Immerhin tat die Mojito/Underberg/Bier Combo ihr Werk und sorgte dafür, dass ich mich nicht ganz so peinlich fühlte wie ich war.
Statt mich an der regen Diskussion über „relativ angesetzte Bemessungsgrundlagen der Nebenbahn-Auslastungsquoeffizienten“ zu beteiligen, beäugte ich den Beamtenstab näher. Wortführer war ein Typ, der mich im ersten Moment an eine Mischung aus einem Irischen Attentäter und dem verrückten Maschinisten aus dem Film „das Boot“ erinnerte. Sinnigerweise hatte er sich auf den Platz gesetzt, der ursprünglich dem Staatssekretär zugewiesen worden war.
Als der Staatssekretär das Lokal betrat, war der Beamte schneller vom Stuhl verschwunden, als ein polnischer Fußballspieler nach einem Auswärtsspiel bei Schalke. Zu Zeiten des eisernen Vorhangs, wohlgemerkt. Der Staatssekretär war alt, groß und fett. Sein Händedruck fühlte sich an wie ein Badeschwamm.
Die Transformation des Beamten war beeindruckend. Eben noch auf dem Stuhl des Chefs sitzend hatte er den Eindruck gemacht, als würde er den Laden schmeißen; hatte mit gönnerhaften und ausladenden Gesten zu den Journalisten gesprochen. Nun, da der Staatssekretär am Tisch saß, hatte sich der Rücken des Beamten merklich gebeugt, seine Hände waren zu einer gebetsartigen Geste gefaltet und wenn er sprach, dann nur leise in das Ohr des Staatssekretärs, der die staatstragende Gestik und das Sprechen übernommen hatte.
Ich stellte mir bei einem weiteren Bier amüsiert vor, wie es wohl klingen würde, wenn der Beamte die russische Nationalhymne singt, während er bis zu den Schultern im Arsch des Staatssekretärs steckt. Ich hätte mir ein ganz ähnliches Flüstern vorgestellt.
Der Staatssekretär, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem fiesen südafrikanischen Diplomaten aus Lethal Weapon 2 aufwies, schmunzelte bei jeder dieser Flüstereien. Ob er das gleiche Bild im Kopf hatte? Ich tat derweil so, als würde ich mir Notizen machen.
"Und was ist die geschätzte Meinung des Herrn Redakteurs von der ... zu dem Thema?", hörte ich den Staatssekretär fragen. Nach einer pause von gut 10 Sekunden bemerkte ich, dass er wohl mich meinte. "Nun, ich denke, dass, unter den Vorraussetzungen der gegebenen Prämissen die Frage zu stellen ist, inwieweit sich das Konzept der Grundversorgung mit ihren Vorstellungen in Einklang bringen lässt." Wiedereinmal hatte mich der Underberg gerettet. Das Schweigen am Tisch dauerte lange. Dann entschied der Staatssekretär, meine Äußerung zu übergehen und fuhr mit seinem Monolog fort. Ich wusste, dass ich an diesem Abend nicht mal mehr gefragt würde, ob ich noch ein Bier haben wolle.
Nach einer guten halben Stunde waren alle Fragen beantwortet, zwei weitere Bier genossen und wir schritten zum eindeutig besten Teil. Dem Essen. Eine Reihe von Fleischspießchen mit einer Reihe von Soßen, die wir uns alle gegenseitig reichten.
Der Beamte war mittlerweile voll in seiner Rolle aufgegangen. Während der Staatssekretär über die Chancen Haiders auf ein Grundmandat in Kärnten referierte, schnappte sich der Beamte beherzt die Schale mit den Dips. „Noch etwas Soße, Herr Staatssekretär?“, fragte er beflissentlich. Aber der Staatssekretär wiegelte ihn mit seiner Barschen Geste davon.
Der Beamte sah aus, als sei sein Herz gebrochen. Schweigend kaute er auf einem Hühnerspieß und starrte verloren in die Gegend. Liebe ist etwas Wunderbares. Ich beschloss zu gehen. (raf)
 
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1.19.2006
  Virtuelles Kapital, eine Einführung
Dezent angebracht, verursacht der Begriff "Kapital" inmitten eng-behoster und umso hoch-bestiefelter BWL-Studenten massive Panik. Aber welches Kapital besitze ich eigentlich? Kann man mit Bourdieus Thesen einen exorbitanten Hedonismus finanzieren?
Habe ich soziale Macht? Zugegeben, mein realpolitisches Machtpotential ist weder durch starke Fäuste noch durch prall gefüllte Lobbyingkonten untermauert. Aber ich bin virtuell! Und das ist auch mein Kapital. Sie werden sich jetzt denken, schon wieder so ein Idiot, der mit einem geöffneten Wiki-Artikel am Desktop den Anschein erwecken will, kulturwissenschaftliche Überlegungen mit alltagskonformen Banalitäten zu verknüpfen. Ich aber sage ihnen, ja sie haben recht.
Als ich so die Nicht-Existenz meiner finanziellen Mittel Revue passieren ließ, dachte ich mir, welche Vermögenswerte habe ich sonst noch aufzuweisen. Und ich sah, dass es gut war. Denn ich habe potentiell ökonomisches Potential. Die Börse in Tokio vernichtete vor kurzem doch auch Milliarden an nicht existierenden Werten. Alle sind wir virtuell. Alles ist Pseudo. Und ich bin ein Millionär.
Genug des ungreifbaren Geplänkels. Lesen Sie nun eine kurze Auflistung virtuellen Reichtums:
Anzahl von freundschaftlichen Bekanntschaften
Umfang des persönlichen email-Verteilers
Bandbreite der Internetverbindung
Anzahl von illegal runtergeladenen mp3s
Anzahl der comments in einem Blog-Eintrag
Anzahl der gelesenen Wörter im sogenannten deutschen Feuilleton
Schwanzlänge
Trinksicherheit
Trash- und Pornofilmwissen
Headshotquote bei Ego-Shootern
Anzahl der Dezibel beim Bierflaschen-Kappen-Ploppen
Zeitspanne des gesamten Lagerfeuer-Liedguts
Treffer beim sich selbst googeln
Dies nur eigene Beispiele. Ein genauso wichtiger Faktor ist die Frage, bei wie vielen Konzerten man keinen Eintritt bezahlen muss, da man von Bekannten auf die Gästeliste gesetzt wird. Aber Vorsicht! Ist man schlicht ein "+1", so sinkt der Finanzpegel um durchschnittliche 50 Prozent. Aber wann wandelt sich dieses virtuelle Kapital endlich in ökonomisches um? Wann kann ich die Früchte meiner Anbiederung genießen?
Menschen mit potentiell hohen Mitteln erkennen Sie leicht an folgenden Aussagen:
"Ich arbeite gerade an einem Projekt."
"Gibt es hier WLAN?"
"Super, dass du mich anrufst, ich muss eh was mit dir besprechen."
"Gib' mir mal deine email, dann schreib' ich dir eine kurze Zusammenfassung."
"Einen Litschi-Saft und einmal Wok-Gemüse bitte."
"Langsam krieg' ich einen Burnout."
"Schupf es einfach auf den Server."
Ja, die Welt geht zugrunde, ich bin ihr boboesquer Totengräber. Denn Giant Gonzales ist nicht mehr. (grr)
 
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1.12.2006
  Blauer Dunst
Das Rauchen ist mir von allen Formen der Suchtmittel das Liebste. Vor allem, weil es die sinnloseste von allen ist. Nein, Nein, keine Angst. Ich bin nicht zum Apostel geworden. Meine Transformation vom Säufer-Saulus zum Grünkern-Paulus ist ungefähr so wahrscheinlich, wie eine Wählerstromanalyse in Nord-Korea. Aber eine Überlegung ist es natürlich schon wert...

Drogen sind ja an und für sich eine feine Sache. Sich ordentlich ansaufen, zukiffen, oder mit einem Trip wegballern ist per se schon ganz nett, um sich die Zeit zu vertreiben oder die Stimmung zu heben. Seltsamerweise assoziierte ich, während ich mir eine weitere Slowakische Marlboro ansteckte, das stinknormale Rauchen nicht zu den Drogenerfahrungen.
Wie denn auch? Da passiert ja nix. Man ist nicht zu, man ist nicht breit, man kriegt keinen Harten und man sieht auch nicht hocherfreut dabei zu, wie der Nebensitzer in der Schulbank langsam zu einer Mischung aus Shrek und einem Teletubbie verschwimmt, während die Englischlehrerin vor einem steht und irgendetwas schreit, dass sich erstaunlich präzise nach „Huööörrrrlmpf“ anhört. Wenn man Glück hat und sich nach einer langen Nacht und 13 Stunden traumlosen Schlafens einen extra dicken Schwarzen Krauser reindübelt; dann und nur dann dreht’s einem ein bissel den Helm. Das war’s, der ganze Zauber. Aus. Nicht mehr.
Das machte mich nachdenklich. Hätte ich Dope geraucht und den gleichen Effekt gehabt, ich wär’ aufgesprungen, wär' zu meinem Dealer gelaufen und hätte ihm ordentlich die Fresse poliert, mein Geld zurückgepresst (zuzüglich Anfahrtskosten versteht sich) und das Zeug nie wieder angerührt. Aber bei Kippen? Ich rauch jeden Tag ungefähr 30. Jedes mal mit demselben Ergebnis, nämlich dem, dass nichts aber auch gar nichts passiert.
Bei näherer Betrachtung des Problems fand ich das schon ziemlich befremdlich und beschloss diese Beobachtungen einer – soweit es mein Zustand zuließ – kritischen Überprüfung zu unterziehen. Ich machte also die Probe aufs Exempel. Kann ich auch ohne Zigaretten leben? Zu meiner Experimentalumgebung erkor ich mein Wiener WG Zimmer an einem gemütlichen Samstagmorgen.
Meine Mitbewohnerin war in Polen und der andere WG-Genosse lag seit etwa 35 Stunden regungslos auf dem Teppich vor seinem Bett und flüsterte Katalanische Flüche, während er mit einem BIG-Einwegrasierer einem unsichtbaren Freund direkt über ihm den Bart stutzte.
Um die Bedingungen noch zu verschärfen kratze ich alles Geld, das ich im Chaos meines Zimmers finden konnte, zusammen und ging zum Hofer (dt. Aldi), wo ich Chips, Bier, Fertignudeln und ein paar weitere Grundnahrungsmittel erstand. Das Geld war alle, das Wochenlimit meines Kontos ausgereizt. Ich würde also bis Montag 0.01 Uhr ohne Tschik (dt. Kippen) auskommen müssen.
Gegen Mittag rauchte ich meine letzte Ami-Camel war aber nicht auf die Tortur vorbereitet, die nun folgen sollte. Bis etwa 14.30 hielt ich gut durch, trank Bier und sah mir hirnentleerende Serien im ORF an. Dann bekam ich Lust auf eine Zigarette, die ich mit ein paar Bier bekämpfte. Gegen 18 Uhr hatte ich bereits mein ganzes Zimmer aufgeräumt, alle CDs wieder in ihre ursprünglichen Hüllen zurückgesteckt, gesaugt und die Fenster geputzt. Dann machte ich mich am WG-Klo („...!?) zu schaffen, während ich panisch innerhalb von 27 Minuten 4 Packungen Pringles-Derivate in mich hineinstopfte.
Danach durchsuchte ich die Wohnung nach Kippen, fand aber nur ein paar Stummel, die ich auseinanderpuhlte, um aus den verbrannten stinkenden Krümeln eine neuen Kippe zusammenzudrehen. Das half nicht besonders lang, weshalb ich mich an den Mülleimer machte, in der Hoffnung, dort doch noch ein oder zwei Stummel zu finden, die ich hätte fertigrauchen können.
Gegen 20.40 unternahm ich, mittlerweile von Krämpfen geschüttelt, einen ersten erfolglosen Versuch meinen katalanischen Mitbewohner zu wecken, Gegen 20.55 einen Zweiten. Er war nun eingeschlafen und wollte mir trotz mehrmaliger heftiger körperlicher Züchtigung nicht den Standort seines geheimen Notfallgroschenlagers verraten. Er schlief nur einfach.
Kurz nach 21.10 wankte ich hilflos in die Bar, die sich unten in unserem Haus befindet und flehte den Barmann – sinnigerweise gleichzeitig der Hausbesorger (dt. Hausmeister) – an, mir eine Schachte „was-auch-immer“ aufzuschreiben.
„Wos wüllst?“ fragte er. „Ne Schachtel Kippen aber ich hab grad kein Geld... kannstes mir nich aufschreiben?“ „I waas ned... warum hostn ka Göd?“ Während ich ihm meine Geschichte erzählte schwankte sein Gesichtsausdruck zwischen einem Nicken, das wohl seine Anerkennung über meine interne Logik zum Ausdruck bringen sollte, ungläubigem Glupschaugen-Staunen und dem Gesicht, das jemand macht, der sich gerade an die Telefonnummer vom Krisen-Interventions-Team zu erinnern versucht. Schließlich erbarmte er sich und gab mir eine Schachtel Memphis Classic.
Ich zögerte nicht lange und steckte mir eine an, inhalierte und es passierte... nichts. (raf)
 
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1.10.2006
  Unter den Röcken sind eiskalte Muschis
Das Leben als Journalist ist hart. Alle wollen was von einem: Gute Kritiken, ein Lächeln, ein offenes Ohr oder auch einfach nur Geld für einen Lapdance. Die Pressefahrt gerät zum surrealen Erlebnis. Holiday on Ice ist Porno und die PR hält locker mit. Und wir auch...
Ob es einen tieferen Sinn hatte, dass die PR-Tussi uns, einen Haufen abgewrackter Journalisten, in einem Hotel mitten im Nürnberger Rotlichtmilieu einquartierte? Mit Sicherheit. Wenn man umgeben ist von Busen, gespreizten Beinen und feucht glitzernden Hintereingängen mit Mauern, an denen schon das Moos wächst... Wenn man nachts noch in einer Bar sitzt, die nach der bekanntesten deutschen Nutte benannt ist... Wenn das alles passiert und dein Kopf sowieso voll ist mit Nutten, Busen und Hintereingängen, dann fallen dir die echten Huren nicht so auf, sei es nun beim Pressebriefing, bei Holiday on Ice oder beim Rasieren.
Das ist wie wenn man in einem Wald steht. Einem Wald aus bestrapsten Beinen. Wie soll man da noch das richtige Fußgelenk finden, das man mit der Axt durchschlagen will? Auch der 100 Euro Schein, der sich völlig unvorbereiteter Weise in meinen Presseunterlagen auffand - kurz vor Abflug in Wien von der PR-Tussi überreicht - war da nicht hilfreich. Nicht, dass ich mich bestechen lassen würde. Das war ja auch gar nicht die Absicht, wie mir die PR-Tussi am Rande mitteilte. Hinderlich ist ein 100er für einen Jungjournalisten immer dann, wenn er sich in einer Bar befindet, das organisierte Programm elends langweilig ist und man eigentlich sonst nix zu tun zu haben glaubt.
100 Euro sind definitiv zu viel Geld für mich... Damit kann ich nicht umgehen, Mann. Das hat sie gewusst... die PR-Tussi. Oder vielleicht ahnte sie es bloß... oder vielleicht bin ich einfach kein Stück besser, als der Rest des bescheuerten Packs, mit dem ich mich habe nach Nürnberg einfliegen lassen... ins Hotel... mit der Nuttennamenbar... mitten im Rotlichtbezirk ... mit den Busen und den feuchten Hinterhöfen.
Immerhin war ich in guter Gesellschaft. Radio-, Fernseh- und Zeitungsjournalisten aus Wien und als Kirsche auf dem Sahnehäubchen Fräulein Hirnschwulst – irgend so ein Marketingfufferl von Radio Irgendwas. Hirnschwulst war von der Sekunde ihres Auftritts am Flughafen Wien unsympathisch, hob das aber durch permanente Konversation über sich selbst praktisch sofort in eine neue Dimension des „auf die Nerven gehens“.
Das konnte natürlich Frau "Ich-bin-auch-wichtig", irgend so eine abgehalfterte Szene-Journalistin undefinierbaren Alters nicht auf sich sitzen lassen. Gekonnt inszenierte sie eine Beinverletzung, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So kam es, dass ich zwischen der ständig Giftmüll plappernden Hirnschwulst und der "wichtig"-Möse, die es mittlerweile vorgezogen hatte, sich in einem Rollstuhl von Grinse-Ahmet zum Flugsteig fahren zu lassen, zum Flieger schlurfte und mir nichts sehnlicher wünschte als eine Zigarette, einen Bourbon und eine Glock 9mm. Wenigstens waren die beiden Kameramänner ganz nette Typen.
Im Nürnberger Hotel angekommen hatte ich die Wahl zwischen einer Leni-Riefenstahl-Ausstellung und einem Monolog von Hirnschwulst über die Unbedienbarkeit der Klimaanlage in ihrem Hotelzimmer. Ich wählte eine Bar, einen doppelten Scotch und eine Tüte Erdnüsse. Nürnberg lag an diesem Novembertag ganz besonders düster da und ich machte mir ernsthaft Sorgen über meine Gewaltbereitschaft, die sich bei jedem Aufeinandertreffen von Hirnschwulst und mir weiter steigerte. Die Stunde der Abfahrt im eigens angemieteten Minibus zur Frankenhalle rückte näher und ich begann mir Szenarien auszudenken, unter denen ich dem avisierten Gaststar des Abends – eine gewisse Verona Pooth übrigens – an den Arsch fassen konnte, ohne mir eine Klage einzuhandeln und in Folge dessen meinen Job zu verlieren.
Grinse-Hugo unser freundlicher fränkischer Busfahrer begrüßte mich am Treffpunkt und ich suchte mir einen Platz ganz hinten im Bus, um vielleicht zu weit entfernt zu sein, um Hirnschwulsts Mentaldiarrhöe hören zu können. Nirgendwo habe ich mich so deplaziert gefühlt wie auf der Fahrt zur Frankenhalle zu Holliday on Ice, „Waast eh, i moch jo des ganze Marketing ... Robbi, David... A-Ha und Nena und so. Radio Kooperationen und so.... und die wollte dann Karten von mir... für Nena...normalerweise mach i des ja gern, aber diesmal.... angeblich wegen ihrer Mutter, weil die so ein Nena-Fan ist. Halloooooo?“ Hirnschwulst war wieder zum Leben erwacht. Ich hielt mich zurück und fragte sie nicht, was Kooperation denn bedeutete.
Ach ja... Eislaufen... hätt’ ich fast vergessen zu erzählen... die Show passte auch ins Gesamtbild. Junge Damen, in hochhackigen Schlittschuhen, die sich von jungen Männern mit FoKuHiLa im Schritt anfassen lassen. Okay, der fachlich korrekte Terminus heißt Hebefigur, oder so ähnlich, aber nach all den Titten und dem Hunderter und dem Hotel und dem Rotlichtbezirk kommen halt solche Assoziationen hoch. Aber das ist nicht meine Schuld. Das ist die Schuld der PR-Tussi und vom Hunderter und dem Hotel... und den Röcken der Eisläuferinnen, die so kurz sind, dass man nicht mal mehr drunter gucken muss.
Dass die sich keine Blasenentzündung holen, bei der Kälte auf dem Eis....
Konzentration muss auf Show zurück gelenkt werden. Schnell. Aber keine Chance, Alter. Beim nächsten Auftritt gibt’s wieder die jungen Hüpfer... und für alle, dies noch nicht gemerkt haben, heben die 6 jungen Damen im Takt den eh schon so kurzen Rock hoch. Wie bitte soll man dann da nicht an Sex denken? Ein Freund meinte mal: „Wenn du zu geil auf eine Frau wirst, stell sie dir einfach beim Kacken vor.“ Jetzt muss ich wieder an die feuchten Hinterhöfe des Nürnberger Rotlichtviertels denken... mit der Nuttennamenbar und den Busen... auch nicht hilfreich.
Auf dem Eis wälzen sich derweil die Eislaufpaare in einer riesigen Orgie auf gefrorenem Wasser, Schmetterlinge des Bösen umzingeln sie. Dazu Porno-Mucke im Schulmädchenreport-Stil. Eis am Stiel geht mir durch den Kopf, aber ... Hippige Hippies treffen sich zum Love-In in der Mitte der Arena. Alle schauen zu. Großmütter streicheln sanft die Köpfe ihrer Enkelkinder, dazu LSD-geschwängerte Elefanten aus Schuluniformen, die sich wild aneinander reiben. Comichaft steigen 30 Nymphen aus einem Flügel. Der Trip ist heftig, schüttelt dich durch alle Sphären, zwischen absurdem lächerlichem Wahnsinn, hilfloser Verwirrtheit und aufreizenden sexuellen Anspielungen. Ich suche nach einer Gelegenheit um schnell mal kiffen zu gehen. Ich muss mich schnell von diesem Trip runterrauchen.
„Bitte nutzen Sie in der Pause unser reichhaltiges Sortiment von Geschenkartikeln“, hallt es pünktlich zur Halbzeit. Die Lichter gehen wieder an. Ich fühle mich besser. Ich versuche den 100 Euroschein zu ertasten, aber er ist nicht mehr da... (raf)
 
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1.03.2006
  Dicke Lippen, schiache Gfrieser, nie wieder FLEX!
Was kann man denn schon erwarten von einem Silvesterabend in Wien? Betrunkene Penner und die Lufthölle von Bagdad? Nicht nur. Die Selbstkasteiung der alternativen Szene lässt einen dann doch zwo, dro Tränchen drücken...
Dabei hat alles so schon angefangen. Kiloweise Fleisch auf einer heißen Raclette-Platte, dazu Unmengen von Dosenbier und Karl Moiks Silvesterstadl. Mein anfänglicher Verdacht, er sei einfach nur so wie immer sturzbetrunken, relativierte sich später, als ich erfuhr, dass er unmittelbar nach der Sendung einen Schlaganfall hatte. Also war das Falschzählen des Silvester-Countdowns doch keine subversive Kritik am Feierwahn der Vestalinnen-Schlampen und Bacchus-Proleten. Er war einfach nur kurz vorm Abkratzen.
Danach enstand jedoch dieses seltsame Gefühl, man müsse an so einem besonderen Abend doch auch etwas Besonderes tun. So oft habe ich das nun schon empfunden. So oft wurde mir im Anschluss klar, dass es eine beschissene Idee war. Aber nun gut, wer lernt schon aus Fehlern? Schließlich schreiben Verlierer wie ich nicht Geschichte.
Da war er nun also. Dieser undefinierte Drang, die Wohnung zu verlassen. Raus in die Kälte, die mich an ein sibirisches Gulag erinnerte, in denen die tausenden österreichischen Widerstandskämpfer, irrtümlicherweise in Waffen-SS-Uniform, verreckt sind. Und was nun? Ja, ins Flex! Warum nicht? Man sagt ja, das sei der beste Club in Wien und der sechstbeste in Europa. Keinen Schimmer, wer solche Reihungen vornimmt. Ich geh also rein. 10 EURO, was soll's, heute ist alles egal.
Pötzlich das Innenleben: scheiß klein, hässliche Menschen, beschissene Musik, und, das absolut Schlimmste, Leute, die vor den "DJs" auf der Bühne tanzen. Nicht nur, dass solche Menschen latent schlecht aussehen, sie können auch überhaupt nicht tanzen! Aber über solche Paradoxien des menschlichen Verstands sollte man sich nicht allzu viele Gedanken machen. Denn die endgültige Alternative, alle umzubringen, kostet Zeit, Geld und Logistik. Nach ca. zwei Stunden kam endlich die endgültige Entscheidung, diesen Hort der stinkenden Alternative zu verlassen. Aber da gab es noch ein großes Problem: Die Garderobe.
Kein Wunder, schließlich war der Abend alles andere als einladend. Aus diesem Grund wollten alle einfach nur mehr raus. Was sich bei 500 Personen, die ihre Jacke wollen, und zwei Spastis, die hinter der Garderobe stehen, als recht schwierig erweisen sollte. Gedränge schön und gut, wenn man dabei irgendwelche Mädchen unsittlich betasten kann, ohne dass sie es merken. Aber erstens waren da wirklich nur irgendwelche Mädchen und zweitens konnte ich über eine Stunde meine Hände nicht bewegen.
Und dann der dramaturgische Höhepunkt: Irgend so ein Arsch meinte, er müsse schnell nach Hause. Insofern interessant, da er seine Jacke in der Hand hielt und diese offensichtlich abgeben wollte. Einem Typen, der optisch eigentlich eher in ein Bordell passen würde, war das nicht so recht. Er packte den Typen und knallte ihm eine. Haha, die Alternative frisst sich selbst! Erst, als er seine aufgedunsenen Schweinelippen in den Rachen seiner Alten presste, beruhigte er sich wieder. Beim Anblick kam mir jedoch fast das Kotzen.
Dies wiederum wäre eine gute Idee gewesen, etwas voran zu kommen. Aber die Leute gingen mir so am Arsch vorbei, dass ich nicht mal meinen Mageninhalt an sie opfern wollte. Und dann auch noch, als ob das alles nicht schon genug wäre, nur Franzosen und Italiener! Nichts gegen Frankreich, aber... Dazu will ich eigentlich gar nicht mehr sagen, außer dass die süße Kleine mit den geilen Locken der einzige Lichtblick im Haufen dieser Drecksbagage war.
Endlich am winzigen Garderobenloch angekommen, machte ich die Vollidioten dahinter darauf aufmerksam, dass sie doch bitte ein paar der sinnlos herum stehenden Securites rufen sollen, damit sich die Leute nicht noch gegenseitig umbringen. Wobei, eigentlich wär das gar kein großer Verlust für die Menschheit. Ungläubig blickten sie mich an, und ihren Gesichtern erkannte ich die blanke Idiotie. Fakten gesammelt und analysiert, Entschluss gefasst: Nie wieder Flex! Die Jugendkultur ist tot! Es lebe der Relativismus! (grr)
 
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Was ist "die Wahrheit"?
Medien? - Wirschaftsunternehmen mit Newswerten, Redaktionen und (ihgitt) Ethik. Nicht zu vergessen politische Leitlinien, Leserbindung und andere Konformismen. Wir schwimmen nicht mit. Der Journalismus ist tot. Es lebe der Journalismus

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